Zeitung Heute : Mit Kind und Krippe

Fabian Leber

Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) will an ihrem Konzept für 750 000 Krippenplätze festhalten. Ihre Partei bezweifelt, dass es dafür Bedarf gibt. Welche Betreuung wünschen sich deutsche Eltern für ihre Kleinkinder?


Unter deutschen Eltern ist der Wunsch nach zusätzlichen Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder sehr groß. Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat in einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung ermittelt, dass 31 Prozent aller Eltern einen Betreuungsplatz ab dem zweiten Lebensjahr ihres Kindes und sogar 60 Prozent ab dem dritten Jahr möchten. Weil es andererseits relativ wenige Eltern gibt, die ihr Kind schon im ersten Jahr in eine Krippe geben möchten, kommt das DJI insgesamt auf eine Bedarfsquote von 36 Prozent.

Angesichts dieser Zahlen erscheinen die ursprünglichen Pläne von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) nicht einmal besonders ambitioniert. Sie möchte 500 000 zusätzliche Plätze bis 2013 schaffen – und wird nun von ihrer eigenen Partei zurückgepfiffen. „Wir gehen davon aus, dass eigentlich sogar 540 000 Plätze fehlen“, sagt Birgit Riedel, eine der Autorinnen der Studie. CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder will dagegen prüfen lassen, ob nicht schon die im Koalitionsvertrag festgelegte Zielgröße von 230 000 zusätzlichen Betreuungsplätzen ausreicht. Diese Marke ergibt sich indirekt aus dem Tagesausbaubetreuungsgesetz (TAG), das seit Januar 2005 in Kraft ist. Darin wird grundsätzlich das Ziel ausgegeben, dass für alle Kinder erwerbstätiger Frauen Krippenplätze geschaffen werden sollen.

Der tatsächliche Bedarf an Betreuungsmöglichkeiten lässt sich aber allein anhand dieses Kriteriums nur unzureichend ermitteln. So bleiben zum Beispiel die Bedürfnisse jener Mütter unberücksichtigt, die geringfügig beschäftigt sind oder die von sich sagen, dass sie „sobald wie möglich“ wieder arbeiten möchten. Alleine für diese beiden Gruppen müssten zusätzlich noch einmal 163 000 Plätze geschaffen werden, sollte das von Kanzlerin Merkel proklamierte Ziel der „Wahlfreiheit“ zwischen Beruf und Familie tatsächlich Wirklichkeit werden. Hinzu kommt, dass die von den Eltern geäußerten Betreuungswünsche immer auch im Zusammenhang mit den bestehenden Möglichkeiten zu sehen sind. „Wo das Angebot größer ist, steigt automatisch die Nachfrage“, sagt Birgit Riedel. Wenn vor Ort nur wenige Plätze vorhanden seien, komme bei vielen Eltern der Gedanke an eine institutionelle Betreuung von Kleinkindern erst gar nicht auf, heißt es in der DJI-Studie. Je besser das Angebot sei, desto eher lasse sich dagegen ein „Schneeballeffekt“ feststellen. Ob Eltern einen Platz in einer Kita nutzen möchten, hänge entscheidend davon ab, ob ihre Nachbarn das ebenfalls wollten. Gut illustrieren lässt sich das am Beispiel von Sachsen-Anhalt, dem Bundesland mit der deutschlandweit besten Versorgung an Krippenplätzen für Kleinkinder. Dort wünschen sich 65 Prozent der Eltern eine geeignete Betreuungsmöglichkeit – fast doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt.

An den Ergebnissen der Untersuchung fällt auf, dass die Wünsche von erwerbstätigen und nichterwerbstätigen Müttern offenbar nicht so weit auseinanderliegen wie häufig suggeriert wird. Im dritten Lebensjahr des Kindes wünschen sich demnach zwei Drittel der Mütter mit Vollzeitjob, aber auch mehr als die Hälfte der nichtberufstätigen Frauen einen Betreuungsplatz in einer Tageseinrichtung.

Ein ganz ähnlicher Effekt zeigt sich beim Familienstatus. Alleinerziehende und unverheiratet zusammenlebende Eltern äußern zwar etwas häufiger den Wunsch nach einer institutionellen Betreuung. Kaum ein Unterschied im Betreuungswunsch lässt sich hingegen zwischen Eltern feststellen, deren Kinder zeitweise auch von den Großeltern betreut werden, und Eltern, denen diese Möglichkeit nicht zur Verfügung steht.

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