Zeitung Heute : Mit Kriegskindern reden

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Die Deutschen sind in meiner Schweizer Heimat nicht so beliebt. Das hat unter anderem mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Anders die Österreicher: Die findet man zumindest rührend. Als Exil-Österreicherin und Musikerin war meine Mutter in Basel daher hoch geschätzt. Österreich verbindet man dort mit Mozart, nicht mit Hitler.

Trotzdem hatte es meine Mutter nicht leicht, was wiederum mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat. „Ich bin ein Kriegskind“, seufzte sie häufig und machte traurige Dackelaugen. Besonders wenn meine Schwester und ich frech zu ihr waren. Mit Kriegskindern muss man sanft umgehen. Zwar war meine Mutter Mitte der siebziger Jahre genau genommen kein Kind mehr, aber: einmal Kriegskind, immer Kriegskind.

Insgeheim verachtet meine Mutter die Schweizer ein bisschen. „Die ham jo ni wirklich g’littn!“ Sie hielt die Eidgenossen für ein naives, weltfremdes und verwöhntes Volk. Mag sogar was dran sein. Allerdings: Adolf Hitler haben sie nie zugejubelt.

Für Politik interessierte sich meine Mutter nicht. Und wenn man ihr zuhörte, bekam man den Eindruck, dass während des Zweiten Weltkriegs im Grunde vieles besser war als danach. Damals habe sie sich jedenfalls noch „über einen einzelnen Buntstift gefreut“. Man sei arm aber glücklich gewesen. Und: „Alle hamma’ zamg’halten!“

Im Basel der siebziger Jahre haben wir uns hingegen dauernd gestritten, und ein einzelner Buntstift zu Weihnachten – na ja. So idyllische Verhältnisse, wie sie meine Mutter einst erlebt haben muss, kannten meine Schwester und ich nur aus der TV-Serie „Die Waltons“. Vielleicht erinnert sich noch jemand an die allerliebsten Sägewerksbesitzer John und Olivia Walton aus Amerika und ihre sieben Kinder?

Als ich älter wurde, hätte ich gerne eine Selbsthilfegruppe für Kinder von Kriegskindern aus Österreich gegründet. Aber in Basel fand ich zu wenig Interessenten. Zum Glück lebe ich jetzt in Berlin, wo es manche ältere Herrschaften mit meiner Mutter aufnehmen können. „Ich hatte eine sehr schöne Kindheit und Jugend“, schwärmte mir neulich eine Dame über die Zeit des Dritten Reichs vor: „Wir liebten die Musik und das Theater.“ Und „das mit den Juden“, habe man „selbstverständlich nicht gewusst“. Ein Herr betonte, er sei sehr dankbar für die Ordnung, die er bei der Wehrmacht gelernt habe.

Langsam bin ich etwas verunsichert. Vielleicht habe ich da in der Tat etwas verpasst? Dabei dachte ich bisher, ich hätte eine ganz passable Kindheit und Jugend gehabt. Auch wenn wir nicht immer alle zusammen gehalten haben. Nur dass meine Mutter dauernd ihre Kindheit romantisieren musste, ging mir auf die Ketten. Man kann doch auch ohne Diktatur und Weltkrieg eine prima Zeit haben!

Leider gibt es selbst in Berlin bisher keine Selbsthilfegruppe für Kinder von Kriegskindern. Dafür laufen im Fernsehen seit einigen Wochen wieder die alten „Waltons“-Folgen aus den Siebzigern. Mit John-Boy und all den anderen! Da wird mir immer ganz warm ums Herz: Es war doch nicht alles schlecht damals!

Die „Waltons“ laufen montags bis freitags um 13.20 Uhr auf Kabel1. www.die-waltons.de

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