Zeitung Heute : Mit Kung-Fu gegen die Zensur

Einst galt Zhang Yimou als Störenfried, jetzt huldigen ihm die Mächtigen Chinas – sein neuer Film „Hero“ läuft heute auf der Berlinale

Harald Maass[Peking]

Etwas verloren steht Zhang Yimou in der Großen Halle des Volkes in Peking. Normalerweise tagen hier, zwischen den pompösen Säulen und blankgescheuerten Marmorböden, Chinas Kommunisten. An diesem Abend haben sich die Mächtigen der Filmindustrie versammelt. Action-Star Jet Li aus Hollywood, Filmdiva Maggie Cheung aus Hongkong. Sie sind nach Peking gekommen, um Zhangs neuen Film zu feiern.

Zhang Yimou, einer der erfolgreichsten chinesischen Filmregisseure, war in seiner Heimat bisher eine andere Art der Aufmerksamkeit gewohnt. Jahrelang schlug sich der heute 51-Jährige mit der chinesischen Zensur herum. Mal verweigerten ihm die Behörden die Ausreise zu einem Filmfest. Mal musste er sein Drehbuch umschreiben. Die staatlichen Medien ignorierten ihn, Zhang galt als unbequemer Störenfried. Ein „Bauernfilmer“, der mit seinen Filmen über das arme Landleben China im Ausland schlecht machen wolle, wie eine Pekinger Zeitung schrieb.

Mit dem Kung-Fu-Epos „Hero“, das heute im Berlinale-Wettbewerb läuft, ist Zhang wieder in der Kritik. Doch diesmal wirft man ihm genau das Gegenteil vor: Um „Hero“ in die chinesischen Kinos zu bringen, habe er vor der Zensur gekuscht. In seinem neuen Film herrsche ein Geist „tiefer Unterwürfigkeit“, kritisiert die chinesische „Jugendzeitung“.

Auslöser der Vorwürfe ist Zhangs Interpretation der chinesischen Geschichte vor 2200 Jahren, die im Mittelpunkt von „Hero“ stehen. Damals einte Kaiser Qin die streitenden Fürstentümer zum chinesischen Reich. Er war bekannt für seine menschenverachtende Herrschaft, einmal ließ er 460 Gelehrte lebendig begraben. Um so überraschter waren manche Chinesen, dass „Hero“ die Gräueltaten nicht erwähnt. Stattdessen rechtfertigt der Film indirekt die Gewaltherrschaft: Die Hauptperson gibt ihre Mordpläne gegen den Kaiser auf, um so die Stabilität des Landes zu sichern.

Einige Zuschauer fühlten sich da an Chinas jüngere Vergangenheit erinnert. Mit dem angeblichen Schutz der Stabilität und des Friedens rechtfertigt Pekings Führung bis heute das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens, als die Armee 1989 gegen Demonstranten vorging. Ein Interview des Hauptdarstellers Tony Leung mit einem Hongkonger Magazin verstärkte das Misstrauen. Angesprochen auf den Militäreinsatz sagte er: „Die Regierung tat das Richtige – Stabilität zu erhalten, das war gut für alle.“ Nach Protesten von Hongkongs Demokraten zog Leung seine Aussagen später zurück.

Dem Erfolg von „Hero“ schadet die Diskussion nicht. Der Kung-Fu-Streifen ist der erfolgreichste Film der chinesischen Filmgeschichte, umgerechnet 22 Millionen Euro spielte das Geschichtsepos im ersten Monat ein. Unterstützt wird der Erfolg durch die professionelle Vermarktung, die für China neue Maßstäbe setzt: Die Post brachte „Hero“-Briefmarken heraus. Das Filmamt, die oberste Zensurbehörde, erklärte „Hero“ zum Beitrag Chinas für die Oskar-Verleihung in der Kategorie fremdsprachiger Film.

Zhangs plötzliche Nähe zu Pekings Mächtigen mag verwundern. Jahrelang galt der Regisseur, der mit Filmen wie „Die rote Laterne“ und „Leben!“ berühmt wurde, im Westen als Dissident. In seinen Filmen hat Zhang Erlebnisse aus seiner Jugend mitverarbeitet. Weil sein Vater als Offizier der Nationalchinesen auf der falschen Seite steht, wird seine Familie nach 1949 geächtet. Während der Kulturrevolution, Zhang ist 16, wird er wie Millionen Chinesen aufs Land geschickt. Drei Jahre arbeitet er auf dem Feld, wird dann in eine Textilfabrik geschickt, wo er nebenbei mit dem Fotografieren beginnt. Mit 27 wird er in der Pekinger Filmhochschule aufgenommen. 1988 gewinnen er und seine damalige Lebensgefährtin Gong Li mit „Rotes Kornfeld“ den Goldenen Bären in Berlin.

Zhang nahm nie ein Blatt vor den Mund. „Es gibt eine Menge Beschränkungen, die ein Regisseur in China beachten muss“, sagte Zhang vor einigen Jahren. „Es fängt mit dem Drehbuch an, das sehr, sehr vorsichtig auszuwählen ist.“ Wenn der Film fertig sei, müsse er wieder der Zensurbehörde vorgelegt werden. Die Hüter der kommunistischen Wahrheit haben fast immer etwas auszusetzen: Mal ist die Dorflandschaft zu staubig, mal gefällt ihnen eine bestimmte Einstellung nicht. Manche Filme, wie Zhangs „Leben!“, sind bis heute in China verboten.

Hat er den Kampf gegen die Zensur aufgegeben? Zhang Yimou wehrt ab. „Hero ist ein kommerzieller Action-Film. Mein Wunsch war, einen Film zu machen, der ein großes Publikum anzieht“, sagt er. Dass er jetzt ein Liebling der chinesischen Zensur sei, hält er für Unsinn. „Die Zensur bezieht sich immer auf die Drehbücher, nie auf spezielle Regisseure.“ Im übrigen habe er nie die Absicht gehabt, mit „Hero“ einen in allen Details wahrheitsgetreuen Historienfilm zu machen.

Für manche mag das Verrat sein. Aber Zhang ist sicher kein prinzipienloser Opportunist – war aber auch nie ein Dissident. Ihm ging es immer um den Film an sich, um die Geschichte, die er erzählen wollte, für die er sich mit den Zensoren rumschlug. „In einem Film zeigst du vor allem dein Denken, deine eigenen Ansichten über das Leben“, sagt er.

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