Zeitung Heute : Mit Laptop und Lebkuchen

Der Tagesspiegel

Stuttgart. Als Gerhard Mayer-Vorfelder mitten in zermürbenden Diskussionen mit seiner Frau Margit wieder einmal den Kürzeren gezogen hatte und die Zigarette aus gesundheitlichen Gründen stecken blieb, ließ er in eine ganz andere Richtung Dampf ab. Die hier sollten sich mal anstrengen, sagte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, und meinte die Freunde rund ums Gottlieb-Daimler-Stadion. Sonst werde das nichts mit der Weltmeisterschaft 2006. Dann lächelte der ehemalige Stuttgarter Vereinsboss milde und sah aus, als klopfte er sich selbst auf die Schulter und wollte sagen: Ich mach’ das schon.

Viele in Stuttgart aber träumen von einem reinen Fußballstadion und haben regelrecht Angst vor dem riesigen Palast mit Platz für 60 000 Zuschauer, denen Mayer-Vorfelder 2006 ein Halbfinale präsentieren möchte. Für einige klingt das nicht nach Geschenk, sondern nach Drohung. Nachher stünde man schön dumm da und müsse in die viel zu großen Schuhe steigen, klagt man beim örtlichen VfB. Aber weil Baden-Württemberg gerade 50 wird, passen große Pläne gut ins Jubiläumskonzept. Eng mit dem Halbfinale ist auch die Freigebigkeit der Mitglieder des Stadtrates verbunden. Ihr Problem: Selbst wenn Stuttgart zu den zwölf Spielorten gehört - die Halbfinalstätten werden erst später festgelegt. Die Schwaben müssten die rund 50 Millionen Euro für den Ausbau allerdings schon vorher ausgeben.

In Nürnberg, dem Außenseiter der vier Bewerber aus dem Süden, findet man, dass sich Tradition und eine Prise Fortschritt wunderbar in einer Bewerbung machen. „Mit Laptop und Lebkuchen“ heißt es in der fränkischen Fotomappe. Im Juni 2005 soll alles fertig sein. 45 500 Plätze, neue Büros für die Fifa und neue VIP-Räume. Dazu wird das Spielfeld tiefer gelegt, das schafft mehr Platz. Nicht so ganz passen in die Nürnberger Hoffnungen die Äußerungen von Trainer Augenthaler, einige FCN-Anhänger hätten ein Problem mit dunkelhäutigen Spielern.

Kein Problem in Kaiserslautern, heißt es hingegen in der Pfalz. „Wir heißen alle herzlich willkommen“, sagt Jürgen Friedrich, der Vorstandsvorsitzende des FCK. Landesvater Kurt Beck steht neben ihm und nickt. Fußball ist Volkssport. Friedrich träumt von den Franzosen oder den Amerikanern. 42 000 Nato-Angehörige im Großraum Kaiserslautern haben sie im Rathaus ermittelt.

Überhaupt nicht bangen muss München. Im Juni 2006 soll in der hypermodernen Allianz-Arena die WM mit Lichteffekten eröffnet werden. Die Bürger haben am 21. Oktober dem Neubau zugestimmt. Im Sommer 2005 soll das Gemeinschaftsprojekt des FC Bayern München und 1860 München fertig sein. Was für Stuttgart Mayer-Vorfelder ist, das ist für München Franz Beckenbauer. Der wird das schon richten. Oliver Trust

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar