Zeitung Heute : Mit Leber und Lende

Er tritt, aber nicht mehr den Ball – der Fußballer Stefan Effenberg ruiniert seinen Ruf und merkt es nicht einmal

Helmut Schümann

Am Montag war Schluss fürs Erste. Am Montag hat ein Fernseh-Sternchen mit einem realen Verkehrsunfall Stefan Effenberg mit seinen scheinbar realen Enthüllungen aus der Fußball-Branche von Seite Eins der „Bild“ gekippt, die er eine Woche lang okkupierte. Ob den Blattmachern schwante, dass heiße Luft auch mal wieder abkühlt? Heiße Luft, das ist es wohl, was Stefan Effenberg in seinem am Donnerstag im Handel erscheinenden, bereits 80000 mal vorbestellten und in „Bild“ vorabgedruckten Buch „Ich hab’s allen gezeigt“ ausstößt. Nichts wirklich Spannendes, nichts wirklich Aufregendes, und auch nur eins enthüllend, dass nämlich dieser vormalige Fußballspieler Stefan Effenberg nicht sonderlich sensibel und nicht sonderlich helle ist.

Boah, ey, könnte man mit Effenberg ausrufen, der hat schon mal einen Joint geraucht. Wahnsinn, Fußballer saufen. Und das Frauenbild, das er zum Besten gibt, hat er sich offensichtlich bei Auswärtsspielen nachts im Hotel auf dem Pornokanal angeeignet. Kurzum, in der Sprache Stefan Effenbergs könnte man sagen, dass er auf ein paar Sitzungen ein bisschen Mist abgesondert hat und den, eklig, eklig, zwischen zwei Buchdeckel pressen ließ.

Aber was kommt nun? Was kommt nach all der inszenierten Aufregung, nach dem zu erwartenden Verkaufserfolg und den Kübeln von Spott? Man kann sich dem Phänomen Effenberg durch das Prinzip Bohlen nähern, man findet die Parallelen in der Verkaufsstrategie und in der Lust am Trash. Man wird dann aber bald feststellen, dass Bohlen die intellektuelle Messlatte nahe der Debilitätsgrenze angesiedelt hat und dass Effenberg diese Messlatte problemlos unterschreitet, und man wird auch feststellen, dass Bohlen einfach weitermacht als das, was er ist, als Musikproduzent. Und was macht Effenberg?

Oder man nimmt Boris Becker, den Pionier des Aufstiegs vom Sportstar zum gesellschaftlichen Ereignis. Der allerdings ist Weltstar, was Effenberg nicht ist, und auch der erlitt Krisen, als er sich nicht mehr am Tennisracket festhalten konnte und die Welt sich ausdehnte über die Grenzen des Centre-Courts hinaus. Mit anderen Worten: Könnte es sein, dass es sich bei Effenbergs Ergüssen und seiner himmelschreienden Selbstüberschätzung ums letzte Aufbäumen vor dem Untergang handelt?

Das wird ein gepolsterter Untergang sein, Effenberg hat mit seinen Beinen über 20 Millionen Euro erkickt, und was er im Buch über andere Körperteile berichtet, über Leber und Lende nämlich, dürfte auch ein paar Tantiemen abwerfen. Aber einen Platz in der Welt hat er damit nicht gefunden. Es gab Zeiten, sie sind noch nicht lange her, da haben Fußballstars nach ihrer Karriere sehr zufrieden und glücklich einen Zeitschriftenkiosk übernommen, wie Bayern Münchens Georg Schwarzenbeck, sie haben sich zurückgezogen in bürgerliche Berufe, sind abgetaucht wie Jürgen Klinsmann und die, die nicht lassen konnten von Ruhm und Rampenlicht, sind Manager, Trainer, Kommentatoren geworden. Was wird Effenberg, was aus seinen Brüdern im boulevardesken Geiste, aus Lothar Matthäus und Oliver Kahn etwa?

Das ist schon auffällig wie Selbstinszenierungen in dieser Branche funktionieren – oder eben nicht funktionieren. Der Lothar Matthäus, gewiss wird er den „wahren“ Anfeindungen von Effenberg demnächst seine „ganz wahren“ Repliken folgen lassen, Lothar Matthäus also sollte einmal auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn von der weltberühmten Porträtfotografin Annie Leibowitz abgelichtet werden, und nachdem er verstanden hatte, wer die Künstlerin ist, ließ er sich als italienischer Macho fotografieren. „Seitdem benutze ich Gel“, sagte er hinterher, seitdem fühlt er sich als Weltmann. Aber er wurde es nicht, er ist jetzt über 40 und Trainer in Belgrad und empört darüber, dass sich seine letzte Freundin als 19-jährig ausgegeben hatte und erst 17 war.

Oder Oliver Kahn, der mit 33 der Spätpubertät anheim fiel, den Besenkammer-Abenteuern des Tennis-Beckers in der Münchner Disco P1 nachforschte und jetzt schwankt zwischen gigantischem Torwart und lächerlichem Stenz.

Nun Effenberg. Der hat mit seinen 34 Jahren keinen Platz mehr als Fußballer, nachdem er sich unrühmlich vom VfL Wolfsburg verabschiedet hat. Der hat auch keinen Platz mehr als Dinosaurier, als – wie das branchenintern heißt – letzter Typ mit Kanten und Ecken, weil inzwischen jedem aufgefallen ist, dass diese Ecken und Kanten nur ungehobelte Ellbogen sind und ein holzschnittartiges Hirn. Das war ja auch in Wolfsburg, wo er einem Fotografen zwecks Prügel-Androhung hinterherhetzte. Nicht mal einen Platz als Familienvater hat er noch, nachdem er die Gattin samt Kindern geschasst hat und ausgetauscht gegen die Ehefrau eines ehemaligen Mitspielers. Die ist heute seine Partnerin auf den anzüglichen Bildchen im Buch. Keine glorreiche Strecke, die er da allen gezeigt hat. Aber wenn man ihn jetzt sieht, dann wird klar, dass er von all dem nichts merkt, dann sitzt er im Fernsehstudio und referiert sehr selbstgefällig mit immer leicht spöttischem Blick sein Leben.

Sie starten alle gleich, die Fußballspieler. Effenberg in Hamburg und mit 18 Jahren in der Jugend-Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes, wo er für Borussia Mönchengladbach entdeckt wurde. Dann bekommen sie Verträge, viel Geld und erst lokale Prominenz, dann bundesweite, und wenn sie die haben, wird ihnen suggeriert, sie seien wichtig, erst auf dem Platz, dann überall in der Welt. Und Samstag für Samstag jubeln viele Millionen Menschen, wenn sie die Profis nur sehen dürfen. Man muss Stefan Effenberg nicht in Schutz nehmen oder gar entschuldigen, es besteht keine Kausalkette zwischen Kicker-Talent und Idiot, aber dass mit Prominenz und Götterstatus nicht jeder umzugehen weiß, ist auch keine neue Erkenntnis.

Und was kommt nun? Mutmaßlich wird sich nach den Repliken, die wohl in „Bild“ stattfinden werden, auch einer finden, der Matthäus’ Erzählungen aushält und ein Buch daraus macht, das dann wiederum in „Bild“ vorabgedruckt werden kann. Thomas Strunz, der gehörnte ehemalige Mitspieler, könnte seine Wahrheit zu Effenbergs dazuaddieren, und dessen verlassene Gattin Martina sich anklagend zu Wort melden.

Und weiter? Es wird die ein oder andere Preisgabe in Effenbergs Elaborat auf Richtigkeit überprüft werden können, und wir können hier und heute damit anfangen. Effenberg berichtet, wie er von seinem Verein FC Bayern München zum Haartest wegen Drogenmissbrauchs aufgefordert wurde – es habe da einen anonymen Anruf gegeben – und mit ihm der Stürmer Carsten Jancker, der sich dafür eigens Haare wachsen lassen sollte. Was für einen Unsinn Effenberg da schon wieder verzapft. Es war nämlich so im Frühjahr 2001: Dem Verein – und insbesondere Manager Uli Hoeneß – war von Journalisten zu Ohren gekommen, dass wenigstens eine einseitige Verbindung zwischen der rechtsradikalen Szene und Jancker bestand. Der bestritt aber seine Beteiligung an dieser Verbindung, und um den Rechtsradikalen wenigstens die optische Identifikation zu erschweren, beschlossen Stürmer Jancker und der Manager, Janckers Glatze aufzuforsten.

Eine läppische Angelegenheit, aber eben auch Effenbergs Umgang mit Fakten? Wäre er daran interessiert, würde er ja auch erzählen, dass der Anlass für den Drogentest in seinem Fall weit konkreter war als nur der Hinweis eines anonymen Anrufers.

Allein, wen interessiert es? Und das könnte am Ende der Aufregung stehen. Dass nämlich nichts und niemand mehr sich für Stefan Effenberg, für Tätowierungen und Besäufnisse interessiert. Dann wäre auch aus Effenberg die letzte Luft raus. Oder man stellt die Frage nach dem Nutzen, fernab von allen finanziellen Überlegungen. Wem also nutzt das Buch: Der „Bild“-Zeitung und ihrer Auflage, dem Schreiber des Buches, der plötzlich zu Geld kommt, dem Verlag, und auch Claudia Strunz, der Freundin, die nun nicht mehr eine unbekannte Blonde an der Seite eines Fußballers ist. Des Weiteren all denen, die beleidigt wurden in Proll-Manier und dadurch erhöht. Nur einer, der trägt keinen Nutzen davon: Stefan Effenberg. Und der, der merkt es offenbar nicht.

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