Zeitung Heute : Mit Leihwagen hadern

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Wohnen an zentralen Orten der Stadt bringt, wir wissen es längst, Parkplatzprobleme mit sich. Zwischen sieben am Abend und sieben am Morgen kann man hier eigentlich nur umherfahren – parken tun schon die anderen. Das Problem allerdings hat den Vorteil, dass der Anwohner besser daran tut, erst gar kein Automobil zu besitzen (da nicht allzu viele Anwohner dies für einen Vorteil halten und doch ein Automobil besitzen, bleibt es vorerst bei der vorteilhaften Parkplatzproblematik).

Ich jedenfalls besitze kein Auto, leihe mir aber hin und wieder eines, und erlebe dann umso intensiver die Nachteile, die die Autofahrerei (abgesehen vom automobilen Vorteil) mit sich bringt.

So musste ich mich einmal an der Tankstelle arg beschimpfen lassen, da ich einen Herrn nach dem Öleinlassstutzen des Automobils fragte, welches mir unter der Bedingung überlassen worden war, dass ich in eben jenen frisches Öl einlasse. Ein Lämpchen signalisierte seit etlichen Kilometern den Bedarf. Der Halter selbst sah sich außerstande, Öl aufzuschütten, da er mutmaßte, dass eine solche Tätigkeit schmutzen könnte. Der Herr jedenfalls, bei dem ich mich nach dem Öleinlassstutzen erkundigte, war außer sich. Zunächst sehr willig, Hilfe zu leisten und mit mir den Stutzen zu suchen, brüllte er mich an, kaum dass er des Motorblocks gewärtig war: „Wie sieht’n ditte aus, sach ma’? Total verdreckt, der janze Motorraum absolut mistich! Du bist ja wohl ’ne richtige Autoschlampe, Mensch!“ Ich beteuerte meine Unschuld, distanzierte mich von jeder Schliere an jedem Kabel, jeder Zündkerze, und schließlich zeigte mir der Herr, dessen blitzeblanken Motorraum ich gerne einmal kennen lernen würde, den Öleinlass. Ich dankte, der Herr zog kopfschüttelnd davon, und ich schüttete Öl in das Getriebe. Hinterher sah ich ähnlich aus wie der verschlampte Motorraum und wusste: Mit solchen Dingen willst du eigentlich nichts zu tun haben. Wenn du selbst ein Auto hättest, wärst du aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich eine Autoschlampe, denn was kümmerte dich dein Motorraum? All diese schmutzende Technik!

Und nun noch dies: Ich parkte einen anderen geliehenen Wagen, dessen Motorraum ich noch gar nicht kenne, unweit der Wohnung (es war lange vor um sieben, da geht das), am nächsten Tag klemmte an der Scheibe eine Karte. „Ihr Leben ist aufregend“, stand darauf. Ich dachte daran, wie ich kurz zuvor auf dem Spielplatz die Buddelschippe meiner Tochter gesucht hatte, und fühlte mich geschmeichelt. Auf der Rückseite stand: „Warum nicht auch Ihr Auto?“ So ein perfider Mist! Was wissen diese Werbefuzzis, die mir ein aufregendes Auto andrehen wollen, das auch nur vier Gummiräder und ein Lenkrad hat, von meinem Leben? Was wissen die von meinem Auto, das noch nicht mal meines ist (es war ein Ford Fiesta, der zu sehr aufregenden Geräuschen fähig ist)?

Ich fuhr davon und kehrte deutlich nach um sieben heim. Also verbrachte ich nun eine lange Weile mit der Parkplatzsuche, während derer ich über mein aufregendes Leben nachdachte. Parkplatzsuchend fand ich es extrem langweilig und freute mich sehr auf die Rückgabe des Leihwagens.

Gehen Sie zu Fuß, fahren Sie BVG. Und wenn Sie ein Auto haben, stellen Sie es vor um sieben ab!

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