Zeitung Heute : Mit mehr bescheiden

Die IG Metall will Lohnerhöhungen von 6,5 Prozent. Wie gerechtfertigt ist diese Forderung?

Carsten Brönstrup Henrik Mortsiefer

Eines ist klar: Die Forderung von 6,5 Prozent mehr Lohn für die Beschäftigten der Metall- und Elektrobetriebe ist das eine – der tatsächliche Abschluss in diesem Frühjahr ist das andere. In den vergangenen Jahren lag das tatsächliche Verhandlungsergebnis stets bei 55 bis 60 Prozent der ursprünglichen Forderung. Rein rechnerisch würde dies also 3,6 bis 3,9 Prozent mehr Lohn bedeuten. Ob die Wirtschaft das verkraften kann, darüber sind sich Ökonomen aber uneins.

Die Forderung setzt sich aus zwei Positionen zusammen: Die IG Metall erwartet für dieses Jahr 2,3 Prozent Inflation und einen Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktivität um 1,8 Prozent. In der Metall- und Elektrobranche gebe es aber einen deutlich höheren Effizienzzuwachs, argumentiert IG-Metall-Chef Jürgen Peters. Der liegt seiner Ansicht nach bei mehr als vier Prozent. Das sind keine Mondzahlen – 2006 lag der Anstieg beispielsweise im Maschinenbau nach Angaben des Branchenverbandes VDMA bei 4,2 Prozent. Eine Prognose für 2007 wolle man aber nicht abgeben, hieß es.

Hinter der IG-Metall-Forderung steht freilich mehr als pure Addition: Die Arbeiterführer haben Nachholbedarf bei den Belegschaften ausgemacht. In den vergangenen Jahren sind die Realeinkommen kaum gestiegen. Selbst im Boomjahr 2006 wuchsen die Tarifeinkommen in allen Branchen nur um 1,5 Prozent. Und speziell den Betrieben der Metallindustrie geht es extrem gut. Produktion und Aufträge kletterten 2006 so stark wie seit Jahren nicht mehr. Und auch für die kommenden Monate sind die Aussichten gut. Das hat viele Politiker veranlasst, steigende Löhne zu fordern – SPD-Chef Kurt Beck genauso wie Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU). Grund genug für die IG Metall, mit ihrer Forderung nach vorne zu preschen. Zumal sie, zusammen mit der Chemiegewerkschaft IG BCE, damit auch ein Zeichen für die anderen Branchen setzen will, in denen bald Tarifverhandlungen anstehen – die wichtigsten sind Bau und Handel.

Ob der Aufschwung die Lohnforderungen der Gewerkschaften verkraften kann, ist strittig. Eine gesamtwirtschaftliche Lohnerhöhung von durchschnittlich 3,5 Prozent hält Peter Hohlfeld vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung für vertretbar. „Damit entstünde kein preislicher Wettbewerbsnachteil für unsere starke Exportwirtschaft.“ Die Masseneinkommen würden hingegen gestärkt. Der private Konsum, der 60 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmache, stagniere seit Jahren und erhalte mit einer angemessenen Lohnerhöhung „Munition“.

Wolfgang Franz, Mitglied im Rat der Wirtschaftsweisen, ist anderer Meinung. „Sollte eine Vier vor dem Komma stehen, drohen Arbeitsplatzverluste und steigende Preise – und dann würde die Europäische Zentralbank womöglich eine restriktivere Zinspolitik fahren müssen“, sagte Franz, der Chef des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung ist, der „Wirtschaftswoche“.

Für Branchen, denen es „besonders gut geht“ sei ein Abschluss von vier Prozent noch vertretbar, findet Stephan Mütze, Konjunkturexperte der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). In der Baubranche oder der Druckindustrie seien vier Prozent Lohnsteigerung hingegen „abstrus“. Denn es gebe noch eine Menge Probleme für die Wirtschaft. „Die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor hoch“, sagte Mütze. Die Belebung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, ein wichtiges Anliegen der Gewerkschaften, solle daher über einen Abbau der Massenarbeitslosigkeit erfolgen – und nicht auf dem Wege üppiger Einkommensverbesserungen.

Dass es grundsätzlich mehr Geld geben solle, sei klar – dafür sprächen der gut laufende Export und die Attraktivität Deutschlands als Investitionsstandort, die nicht zuletzt durch die Lohnzurückhaltung der letzten Jahre gewachsen sei. Als Ausweg schlägt Mütze deshalb vor, nicht nur auf die Steigerung der Monatsverdienste zu setzen, sondern auch auf betriebliche Einmalzahlungen. Damit werde man der differenzierten Unternehmenslandschaft hier zu Lande gerecht. Unterschieden werden müsse dabei nicht nur zwischen den Branchen, sondern auch innerhalb der Branchen. „Die gute Konjunktur ist nicht überall gleichermaßen angekommen“, sagt Mütze. Mittelständische Metallfirmen und Zulieferer seien in einer anderen Lage als beispielsweise die großen Autokonzerne.

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