Zeitung Heute : Mit Menschen werfen

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

Manche Leute behaupten, ich neigte zum Jähzorn. Das stimmt natürlich nicht. Ich werde im Büro nur manchmal violett im Gesicht, und brülle ein wenig rum. Einmal hätte ich meinen Laptop beinah an die Wand geworfen.

Aikido hilft. Technische Geräte sind teuer und zerbrechlich, daher gehe ich lieber ins Dojo, um mich abzureagieren.

Ein Aikido-Dojo ist ein Raum mit Reisstrohmatten drin, in dem man andere Leute durch die Gegend wirft. Ich stelle mich dabei noch etwas unbeholfen an. Aber fliegen kann ich bereits einwandfrei.

Bei den Fortgeschrittenen sieht Aikido ähnlich aus wie Judo, nur viel eleganter. Und selbst als Urgroßvater kann man diese Kampfkunst noch erlernen. Man verwendet nämlich die Kraft des Gegners: Wenn etwa jemand mit der Faust zuschlägt, duckt man sich elegant, und der Angreifer landet auf dem Bauch. Eine vornehme Kampftechnik.

Aikido-Meister können aber auch anders: Diese Erfahrung hat Herr Ikeda aus Japan gemacht. Sein Körperbau erinnert an einen Orang-Utan, er war lange Jahre Sumo-Ringer. Sein Bekannter, Herr Tada, ist hingegen ein kleines, zartes Männlein. Ikeda hat Tada provoziert: „Aikido, wie lächerlich.“ Da hat Meister Tada ihm lässig den Oberarmknochen gebrochen. Inzwischen ist auch Herr Ikeda auf Aikido umgestiegen.

Ich kann inzwischen schon sehr grazil weglaufen, falls mir jemand den Arm brechen will.

Wenn es um Aikido geht, werde ich richtig missionarisch: In der Schweiz habe ich unzählige Freunde mit ins Dojo geschleppt. Flo und Hansi fanden das Training „sehr interessant“, und kamen nie wieder. Nadja hielt einige Wochen durch. Doch mittlerweile spart sie auf ein „Rössli“ (Pferd).

Auch in Berlin versuche ich vehement, meine Bekannten zu bekehren: „Durch Aikido könnt Ihr genauso ausgeglichen werden wie ich!“, sage ich immer. Das will wohl niemand.

Dabei ist Berlin ein Aikido-Paradies: In der Schweiz galt ich als Rebell, weil ich mein traditionelles, weißes Aikido-Gewand mal aus Versehen mit einem roten T-Shirt gewaschen hatte. Im Kreuzberger Dojo bin ich der Spießer. Der Meister trainiert hier in einem weinroten Dress, und viele Schüler kommen in azurblau oder dunkelgrau. Gerda hatte neulich eine chinesische Bauern-Tracht an.

Im Basler Dojo war alles sehr schlicht. Fast so, wie in einer evangelischen Kirche. Lediglich ein Foto des Aikido-Erfinders, Meister Ueshiba, hing an der Wand. In Kreuzberg haben wir hingegen bequeme Liegestühle für Zuschauer, und in einem Teich tummeln sich Goldfische. Wer nach dem Training duschen will, muss über Felsbrocken klettern. Wahrscheinlich hat die jemand aus Japan mitgebracht, und sie haben magische Kräfte.

In Berlin müssen sich die Dojo-Leiter was einfallen lassen, denn es gibt hier fast so viele Aikido-Zentren wie Döner-Buden. Sogar von einem „Aikido-Mobil“ habe ich neulich gehört. Klingt vielversprechend: Womöglich darf man dort Guido Westerwelle durch die Gegend werfen.

Aikikan-Dojo, Prinzessinenstraße 2 in Kreuzberg, www.aikikan-berlin.de

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