Zeitung Heute : Mit Mietgarantie vom Auswärtigen Amt

Bernd Hettlage

In Bukarest blühen die Kirschbäume. Eine milde Frühlingssonne blinzelt noch einmal durch die Straßen, bevor sie endgültig hinter den Dächern verschwindet. Feierabendstimmung in der rumänischen Hauptstadt. Die Leuchtreklamen der Geschäfte springen an, dichter Verkehr wälzt sich durch den Boulevard Nicolae Balcescu. Das Tempo der Fußgänger ist schnell wie in jeder Großstadt. An einem Kino hängt Werbung für den Hollywood-Film "Die Royal Tenenbaums". Hier heißt er "O familia geniala". In einem vollbesetzten Schnellimbiss albert eine Gruppe Jugendlicher. Ein junges Paar küsst sich. Keine Spur von Ostblock-Tristesse im einstigen "Paris des Ostens". Das hier könnte irgendwo in Frankreich oder Italien spielen.

Armut ist in Bukarest wenigstens nicht augenfällig. Die internationalen Marken dagegen schon: McDonalds, Pizza Hut und Benetton haben sich unübersehbar in der 2,4-Millionenstadt eingenistet. Dazwischen liegen Kleinode wie die Pasajul Villacros an der Calea Victoriei. Die Haupteinkaufsstraße der rumänischen Hauptstadt ist eine von einem Glasdach überwölbte schmale Ladenpassage zwischen Gründerzeithäusern. Von den Fassaden blättert Farbe, aber die Gasse schimmert wie ein ungeschliffener Edelstein. In einer Boutique drängen sich drei junge, gestylte Verkäuferinnen in hochhackigen Schuhen um einen weißen Kachelofen. Dem romantischen Blickwinkel des Besuchers würden sie wahrscheinlich den dringenden Wunsch nach einer Modernisierung einschließlich Einbau einer Zentralheizung entgegensetzen. In Berlin wäre die Pasajul schon längst zu einem touristischen Highlight à la Hackesche Höfe ausgebaut worden. Hier liegt sie noch in einer Art Dornröschenschlaf, so wie die meisten Gebäude der Altstadt.

Deren Sanierung scheint nur zögerlich in Gang zu kommen. Bei vielen Immobilien sind die Eigentumsverhältnisse ungeklärt, weil noch Rückübertragungsansprüche auf ihnen liegen. Und "unbebaute Grundstücke sind knapp in Bukarest", sagt Dierk Ernst, geschäftsführender Gesellschafter des deutschen Immobilien-Entwicklers Tercon. Die Tercon ist eine Tochter des börsennotierten Immobilienkonzerns IVG Holding AG. In Bukarest ist die Tercon mit einem rechtlich eigenständigen Ableger, der Tercon Bukarest S.R.L., vertreten. Diese Konstruktion ist erforderlich, um Immobiliengeschäfte in Rumänien machen zu können, denn Ausländer dürfen weder Grundstücke noch Gebäude erwerben. Nicht einmal Staaten dürfen das.

Das bekam jüngst auch die Bundesrepublik Deutschland zu spüren. Die muss nämlich aus ihrer alten Botschaft ausziehen. Das zweistöckige Gebäude im Villenviertel nahe dem Boulevard Aviatorilor, in dem man bisher zur Miete residiert, unterliegt Restitutionsansprüchen von Alteigentümern. Ein Neubau auf einem noch zu erwerbenden eigenen Grundstück kam aber nicht in Frage. Dazu hätte die Bundesrepublik eine Privatfirma in Rumänien gründen müssen. Ein anderes geeignetes Gebäude zu finden, das vor allem auch den Sicherheitsstandards einer Botschaft genügt, ist in Bukarest nicht so einfach. Zudem haben die Gewerbemieten mit 30 Dollar pro Quadratmeter und Monat hier längst das Niveau von Frankfurt oder München erreicht, sagt Ernst.

Nun baut seine Firma die neue Botschaft der Bundesrepublik in Bukarest. Am 19. März war Richtfest. Dem Gebäude fehlt zwar noch eines von fünf Stockwerken. Da sich aber Bundespräsident Johannes Rau zu dieser Zeit zu einem zweitägigen Staatsbesuch im Lande aufhielt, hatte man die Feier kurzerhand vorverlegt, um ihn als Ehrengast zu gewinnen. Rau folgte der Einladung bei strahlendem Sonnenschein und brachte gleich noch seinen Gastgeber mit, den rumänischen Staatspräsidenten Ion Illiescu. Das war im Protokoll gar nicht vorgesehen. Beide Staatsmänner nutzen ihre kurzen Reden, um für den Stellenwert der deutsch-rumänischen Beziehungen hervorzuheben.

So betonte Illiescu, dass Deutschland das einzige Land innerhalb der EU sei, das die Probleme des ehemaligen Ostblocks verstehe, weil es die gleichen habe: "Der Prozess des Aufbaus und Wiederaufbaus ist charakteristisch für beide Länder." Rau hob unter dem Beifall der rund 400 Gäste hervor, dass die neue Botschaft kleiner als zunächst geplant ausfalle, weil sie keine Visumsabteilung mehr benötige. Dann stieß man mit Champagner an und schon waren die beiden Präsidenten wieder fort. Dagegen blieb Ion Tiriac noch etwas länger. Der von einer Menschentraube umlagerte Tennis-Promoter ist an der den Bau ausführenden Firma Alpine-Romania SA beteiligt.

Das neue Botschaftsgebäude liegt fünf Minuten Fußweg vom alten entfernt. Dieses war an jenem Tag "ab 13 Uhr aus innerbetrieblichen Gründen geschlossen." Das Viertel, in dem noch einige andere Botschaften liegen, ist mit alten, herrschaftlichen Villen im typischen Bukarester Stilgemisch bebaut: klassische Moderne und Art-Deco, ein bisschen Pariser Jugendstil und viel den Klassizismus zitierende Gründerzeit. Dazu gibt es noch viele an Portugal oder den Süden erinnernde, verspielte Häuser mit Satteldächern und orientalischen sowie byzantinischen Ornamenten und Fensterbögen.

Die neue Botschaft entwarf Gerd Ruepp, einer der Tercon-Geschäftsführer, zusammen mit dem Bukarester Architekturbüro "Studio 10M". Der Bau steht mit seiner sachlich-kantigen Form und der Glas- und Granit-Verkleidung im Kontrast zu seiner Umgebung. Möglicherweise bekommt er noch einen ähnlich gestalteten Nachbarn. Denn das angrenzende Grundstück, mit knapp 2000 Quadratmetern etwa so groß wie das der deutschen Botschaft, ist unbebaut und gehört ebenfalls der Tercon. Dort soll eine weitere Landesvertretung entstehen, kündigte Tercon-Gesellschafter Ernst in seiner Rede auf dem Richtfest an. Andeutungen zufolge könnte es die japanische sein.

Ob der neue Nachbar gleichfalls Mieter wird wie die Bundesrepublik Deutschland, ist noch nicht klar. Und was die Bundesrepublik für die 3500 Quadratmeter Nutzfläche an Miete zahlen wird, wollten weder das Auswärtige Amt noch die Tercon mitteilen. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes bestätigte nur, dass der Mietvertrag schon unterschrieben sei und 20 Jahre lang gelte. Man habe zwar noch nie von einer Privatfirma einen Botschaftsneubau finanzieren und erstellen lassen und dann gemietet, räumt man ein. Der Vorteil liege jedoch darin, dass die Kosten dadurch gestreckt würden. Auch die Tercon betritt mit diesem Projekt Neuland, würde aber durchaus gerne weitere Botschaften nach diesem Modell errichten, wirbt Ernst. In Berlin renoviert sein Unternehmen in der Dorotheenstraße ein Gebäude für die neue rumänische Botschaft. Und mit Kanada stehe man in Verhandlungen über den Bau deren Berliner Vertretung.

Die Finanzierung für das Haus in Bukarest übernimmt die Hannover HL Leasing GmbH & Co. KG. Auch dies ist eine Gesellschaft unter dem Dach der IVG Holding. Das Geld will man über einen geschlossenen Fonds einsammeln. Der ist aber noch nicht aufgelegt. "Im Moment", so HL-Geschäftsführer Klaus-Werner Sebbel, "wird die Botschaft mit einer Mischung aus je 50 Prozent Eigen- und Fremdkapital gebaut." Bei einer solchen Finanzierung von Botschaften müsse man allerdings beachten, dass deren Gelände exterritorial sei. Gelder, die nicht gezahlt würden, könne man auch nicht einklagen. Das sei noch ein ungelöstes Problem, doch, da der Schuldner hier ja Deutschland sei, "wohl nicht wirklich relevant." Im Übrigen hält man sich bedeckt, was die Höhe der Miete, die Baukosten und die Rendite betrifft. "Sie entsprechen deutschen Verhältnissen", sagt Tercon-Gesellschafter Ernst nur. Einzig über das "Objektvolumen" der deutschen Botschaft in Bukarest gibt er Auskunft: 6,5 Millionen Euro.

Kein Vergleich mit den Kosten der "Casa Poporului", dem "Haus des Volkes". Dieses ließ der ehemalige rumänische Diktator Nicolae Ceausescu in den 80er Jahren in Bukarest bauen für 3,5 Milliarden Dollar. "Ein Fünftel der Stadt hat er dafür abreißen lassen - furchtbar!" sagt ein rumänischer Mitarbeiter von Tercon über den Palast und die daran anschließende kilometerlange Prachtallee. Das Haus des Volkes ist nach dem Pentagon das zweitgrößte Gebäude der Welt. Im Innern zählt der Block 7000 Räume und Säle. Die Büro- und Wohnfläche beträgt 450 000 Quadratmeter. Von außen lässt sich seine Größe schwer erfassen. Je weiter sich der Betrachter auf der Allee entfernt, die rechtwinklig auf ihn zuläuft, desto größer erscheint das Gebäude. Am Abend erinnert die Straße mit ihrer Breite, der Menschenleere und den dunklen Geschäften an die Berliner Karl-Marx-Allee.

Und dann ist sie auf einmal doch da, die Tristesse, die man in Bukarest erwartet und zuvor nicht gefunden hatte: An der nächsten Kreuzung springt ein junger Mann vor den Autos auf die Straße, um deren Scheiben zu putzen. Das Wasser holt er sich von einem Blumenmädchen, das alleine und ohne Kundschaft mit ein paar Sträußen vor einem Blumenbeet steht. Ein Mann und eine Frau streiten sich laut klagend und werden handgreiflich. Menschen hasten im Dunkeln an ihnen vorbei, sehen nicht hin, überqueren die Kreuzung und sammeln sich an einer Bushaltestelle. Lieber weg hier, zurück ins Licht, an einen Ort mit Wärme und Leben.

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