Zeitung Heute : Mit Netz und doppeltem Boden

Der Sozialdemokrat Christoph Matschie will in Berlin ins Parteipräsidium und in Thüringen an die Regierung – aber die Fäden ziehen andere

Matthias Schlegel

Freeclimbing zählt er zu seinen Hobbys. Das sei vor allem eine Sache des Kopfes, nicht der Muskeln, sagt Christoph Matschie. Ihm mag es eine Art Training für das Klettern auf der Karriereleiter sein: weniger mit körperlichem, denn mit geistigem Einsatz. Zu den Dränglern gehört der 42-jährige Landesvorsitzende der thüringischen SPD nämlich nicht. Noch nicht.

Bis hierher hat es der gelernte Mechaniker und diplomierte Theologe mit der unauffälligen, besonnenen Art geschafft: Er hatte gerade sein Examen hinter sich gebracht, als die friedliche Revolution in der DDR das Leben des Pfarrersohnes hin zur Politikerlaufbahn wendete. Im Wohnzimmer eines Freundes in Jena hatten sie die SPD-Gründung in Thüringen vorbereitet, nachdem er bereits im Oktober 1989 in die Vorläuferpartei SDP eingetreten war. Seit 1990 sitzt er im Bundestag. 1999 wurde er Landesvorsitzender in Thüringen. Seit Oktober vergangenen Jahres ist er Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesbildungsministerium.

Aber Matschie will weiter. Am heutigen Sonnabend wird er sich in Erfurt zum Spitzenkandidaten seiner Partei für die Landtagswahl 2004 wählen lassen. Und: Nur zwei Tage später will er für das Präsidium der Bundes-SPD kandidieren. Dann wird sich entscheiden, wie das Kräftemessen zwischen den jungen, aufstrebenden Reformkräften und der etablierten Führungsspitze ausgeht. Seit Wochen werden im Netzwerk Pläne erdacht, um den Thüringer in die Führung einzuweben. Manche Taktik mag da beim Bier im Vereinszimmer des „Kölschen Römer“ am Berliner Schiffbauerdamm, der Stammkneipe der Netzwerker, ausgetüftelt worden sein, um dem Herausforderer des Thüringer Amtsinhabers Dieter Althaus (CDU) den Rücken zu stärken – und den Jüngeren in der Partei einen Punktsieg zu verschaffen.

Matschie ist einer, der weiter, aber nicht unbedingt visionär denkt. Er vertritt Standpunkte, die er auch schon mal wieder verlässt, wenn es sich darauf nicht sicher genug stehen lässt. Ins Programm der Netzwerker hat er die Studiengebühren mit hineingeschrieben, aber als sich seine Ministerin Edelgard Bulmahn darüber verärgert zeigte, hat er sich davon distanziert. Ein wenig hängt ihm das Etikett an, ihm fehle das Charisma für die ganz großen politischen Aufgaben. Aber das hat man von seinem CDU-Widersacher Althaus auch behauptet, als er frisch ins Amt gekommen war. Mittlerweile ist der in die großen Schuhe seines Ziehvaters Bernhard Vogel (CDU) hineingewachsen.

Wer zieht Matschie groß? Die Nähe zum Bundeskanzler fehlt ihm. Das Verhältnis zu Schröder könnte durch die Rangelei um die Präsidiumssitze eher getrübt werden. In gleichem Maße könnte das Beharren auf eine Kandidatur für das Spitzengremium Matschies Profil schärfen, weil er sich durch Konfliktfähigkeit bisher nicht ausgezeichnet hat. Das Netzwerk ist dem Thüringer, der mit einer Eritreerin verheiratet ist und drei Kinder hat, geistige Heimat. Doch dessen Protagonisten sind selbst Leute, die sich ihre Plätze in der ersten Reihe erst erobern wollen. Zurzeit dominiert bei ihnen Solidarität, bald wird es Rivalität sein.

Einer wie Matschie wird in der SPD schon zu einem Hoffnungsträger für den Osten – weil die Alternativen fehlen. Dabei steht auch in seiner Heimat nicht alles zum Besten für ihn. Im Juni hat sich der frühere Thüringer SPD-Landeschef und Innenminister Richard Dewes wieder in den Landesvorstand wählen lassen – der einst als Erster den Tabubruch beging, eine Kooperation mit der PDS zu erwägen. Der Saarländer hat noch viele Anhänger. Fast eine Spur zu trotzig sagt Matschie: „Die Thüringer SPD hat sich 1999 für einen Generationswechsel entschieden. Ich sitze fest im Sattel und bleibe dort.“

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