Zeitung Heute : Mit neuem Gesicht

Sie brachten Tausenden den Tod und wurden dafür gejagt – Al Qaida. Der 11. September hat die Welt verändert. Vor allem die USA versuchen, die Terrorgruppe um Osama bin Laden zu zerstören. Aber die formiert sich wieder.

Frank Jansen

Die Warnung kommt eigentümlich spät, doch Sicherheitsexperten nehmen sie ernst. „Ich schwöre im Namen Allahs, dass der Kreuzritter Amerika einen hohen Preis für alles Leid zahlen wird, das er einem muslimischen Gefangenen zufügt“, sagt eine Stimme auf einem Tonband, das der Fernsehsender Al Arabija jetzt in Dubai gesendet hat. Der Sprecher ist möglicherweise die Nummer zwei der Al Qaida, der Ägypter Aiman al Zawahiri. Gemeint sind die 660 Islamisten aus Afghanistan und mehr als 40 weiteren Ländern, die das US-Militär seit fast zwei Jahren auf seiner kubanischen Basis Guantanamo Bay festhält. Die Tonbandstimme steigert sich zu einer apokalyptischen Drohung. „Wir sagen Amerika eins: Was ihr bislang gesehen habt, waren nur die ersten Scharmützel. Der wahre Kampf hat noch nicht begonnen.“ Eine neue Runde im Propagandakrieg gegen den Westen und das Signal für weitere Anschläge.

Deutsche Sicherheitskreise sagten am Montag, die Warnung sei glaubhaft und die Wahrscheinlichkeit „ziemlich hoch“, dass es Aiman al Zawahiri gelungen sein könnte, wieder ein Tonband zu übermitteln. Diesmal würden, wenn auch erstaunlich spät, die Gefangenen in Guantanamo für die psychologische Kriegsführung gegen die Ungläubigen instrumentalisiert. US-Justizminister John Ashcroft geht weiter: Das Tonband zeuge von der „sehr realen“ Gefahr weiterer Anschläge. Ein deutscher Experte klagt, „Al Qaida ist nicht totzukriegen“. Das bedeutet: Auch knapp zwei Jahre nach dem Angriff am 11. September ist der Kampf gegen den islamistischen Terror, trotz der militärischen Einsätze in Afghanistan und weltweiter Festnahmen, nicht gewonnen.

Es gibt offenkundig nur einen größeren Fortschritt, doch auch er wirkt fragil. In Europa und Amerika ist es unter dem enormen Verfolgungsdruck der Polizeibehörden und Geheimdienste gelungen, nach dem 11. September Anschläge zu verhindern. Außerdem gab es keine weiteren Attacken mit einer ähnlich monströsen Dimension. Doch Al Qaida und das kaum überschaubare, internationale Netz verbündeter Terrorgruppen seien weiterhin in der Lage, „mittelschwere Anschläge in Serie zu begehen“, sagt ein Experte und verweist auf die Attentate in Djerba, Bali, Mombasa, Riad und Marokko. Besonders gefährdet seien nach wie vor Nord- und Ostafrika sowie Südostasien.

Der unabhängige Fachmann Berndt Georg Thamm, Autor zahlreicher Analysen über den islamistischen Terror, bescheinigt Al Qaida eine erfolgreiche Reorganisation nach dem Militärschlag der USA in Afghanistan. Al Qaida sei heute „ein sehr loses Netzwerk, dessen Struktur geprägt ist von weitgehender Autonomie einzelner Gruppen“, schreibt Thamm in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift „Deutsche Polizei“, dem Organ der Gewerkschaft der Polizei. Außerdem seien seit 2002 aus Afghanistan etwa 1000 erfahrene Al-Qaida-Kämpfer in den islamistischen Milieus der Metropolen der muslimischen Welt angekommen. Statt eines sicheren Hafens, wie es Afghanistan war, benötige Al Qaida „nur noch konspirative Wohnungen, insbesondere zum Bombenbau und zur Waffenlagerung“. Auch den Verlust der Trainingslager habe Al Qaida überwunden – nun würden die Rekruten für den Heiligen Krieg in „temporär und geographisch wechselnden Terrorcamps“ ausgebildet. Osama bin Laden und sein Stellvertreter Aiman al Zawahiri halten sich wahrscheinlich im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet auf, nur nicht am selben Ort. Bislang seien von der ursprünglich 29 Köpfe zählenden Al-Qaida-Führung 15 Personen festgenommen oder getötet worden.

Die Gefahren bleiben dennoch unkalkulierbar. Islamistische Gruppen, die mit Al Qaida verbunden sind, können jederzeit zuschlagen. Experten nennen die Anschläge islamistischer Tschetschenen um den Warlord Schamil Bassajew, den Untergrundkrieg der Abu Sayyaf auf den Philippinen und die Entführung von Touristen durch die algerische GSPC. Die Strategie der Amerikaner, mit Kriegen in Afghanistan und Irak im die Zentralen des Terrors zu zerschlagen, ist nach Ansicht Thamms „in keinster Weise“ aufgegangen. Er befürchtet, der Irak werde „ein Schlachtfeld für alle möglichen Kombattanten“ islamischer Länder. Es seien bereits Kämpfer im Land, die den Kampf gegen das US-Militär aufnehmen. Nach Informationen des Tagesspiegels erwägt sogar eine Gruppe mit Verbindungen zu Al Qaida, sich in den Irak zu begeben. Es gibt Hinweise, dass Ansar al Islam, die einst mit Giftstoffen experimentierte und von den Kurden aus dem Nordirak nach Iran vertrieben wurde, ins Zentrum des antiamerikanischen Widerstands will – nach Bagdad. Wenn es dazu kommt, würde sich auf makabere Weise doch die US-Behauptung bestätigen, Husseins Leute seien Verbündete des islamistischen Terrors.

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