Zeitung Heute : Mit neuen Rezepten

Die Praxisgebühr haben Regierung und Opposition gemeinsam beschlossen. Die Aufregung bei Ärzten und Patienten jedoch haben sie unterschätzt. Nun wird nach Auswegen gesucht – zum Beispiel einer wichtigeren Rolle für Hausärzte. Erste Pilotprojekte starten im April.

Carsten Brönstrup Cordula Eubel

GESUNDHEITSREFORM – WIE GEHT ES WEITER?

Von Carsten Brönstrup

und Cordula Eubel

Ist es realistisch, dass die Praxisgebühr wieder abgeschafft wird?

Nein. SPD, Grüne und Union haben sich im vergangenen Sommer darauf verständigt, die Praxisgebühr für den Arztbesuch einzuführen. Rund 90 Prozent der Parlamentarier stimmten der Gesundheitsreform im Bundestag zu, etwa 80 Prozent der Bundesländer sprachen sich im Bundesrat für die Reform aus. Dass dieser Konsens nun aufgekündigt wird, ist unwahrscheinlich. Spitzenpolitiker aller Seiten halten deshalb auch an der Praxisgebühr fest. Derzeit melden sich vor allem diejenigen kritisch zu Wort, denen der gesamte Kompromiss von Anfang an nicht passte. Diese Kritiker stellen aber weder im Bundestag noch im Bundesrat die Mehrheit.

Warum kündigt Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) denn dann an, in ein paar Jahren könnte die Praxisgebühr keine Rolle mehr spielen?

Die Ministerin spielt damit auf die Hausarztmodelle an, die mit der Gesundheitsreform gesetzlich verankert wurden. Danach muss jede gesetzliche Krankenkasse für ihre Versicherten ein Hausarztmodell anbieten. Wer immer zuerst den Hausarzt aufsucht, bevor er sich bei Bedarf von diesem zum Spezialisten überweisen lässt, soll belohnt werden. Die Kassen können Zuzahlungen ermäßigen, also etwa dem Versicherten die Praxisgebühr erlassen. Sie müssen diese Boni aber über Einsparungen finanzieren, dürfen dafür nicht die Beiträge erhöhen. Schmidt will mit ihrer Ankündigung vor allem Druck auf die Kassen machen, damit diese schneller attraktive Hausarztmodelle anbieten.

Wer ist dafür verantwortlich, dass die Patienten seit diesem Jahr die Praxisgebühr zahlen müssen?

Alle Parteien, die am Gesundheitskompromiss beteiligt waren. Der rot-grüne Gesetzentwurf sah eine Praxisgebühr dann vor, wenn ein Patient ohne Überweisung direkt den Facharzt aufsucht. Ziel war, das Verhalten der Patienten zu steuern. Die Union setzte stärker auf die Arztgebühr als Finanzierungsinstrument, mit möglichst wenigen Ausnahmen. Am Ende der Verhandlungen stand ein klassischer Kompromiss: die Praxisgebühr, die sowohl Geld bringen als auch steuern soll. Klar ist: Deutschland steht mit 565 Millionen Arztbesuchen pro Jahr im internationalen Vergleich ziemlich an der Spitze. Die Praxisgebühr soll – nach dem Willen von Regierung und Opposition – auch helfen, von unnötigen Arztbesuchen abzuhalten.

Wie kann ich die Gebühr umgehen?

Wer den Arzt zwecks einer Vorsorgeuntersuchung oder einer Schutzimpfung aufsucht, muss keine Praxisgebühr zahlen. Außerdem ist sie nur einmal pro Quartal fällig – wer also den Arzt wechseln oder mehrere Spezialisten konsultieren möchte, sollte immer eine Überweisung vom alten zum neuen Mediziner mitnehmen. Die Besuche sollten möglichst innerhalb desselben Quartals stattfinden – am Beginn eines neuen Dreimonatsabschnitts ist die Gebühr erneut zu zahlen. Die Antibabypille gibt es für ein halbes Jahr. Befreit von allen Zuzahlungen sind Kinder. Dies gilt neben der Praxisgebühr auch für Arzneimittel-Rezepte – selbst bei Medikamenten, die nicht verschreibungspflichtig sind, müssen Kinder bis zu zwölf Jahren keinen Eigenanteil tragen. Eltern können also auf diesem Wege ihre Hausapotheke auffüllen. Auf freundliches Bitten hin werden viele Kinderärzte sicher auch einen Routinecheck bei den Eltern vornehmen. Die Krankenkassen haben aber angekündigt, genau darauf zu achten, ob das Leistungsvolumen der Kinderärzte wächst.

Welche Krankenkassen bieten ein Hausarztmodell an?

Mehrere Kassen haben angekündigt, bald Hausarztmodelle anzubieten – etwa die Barmer, die Techniker, die Gmünder, die BKK Essanelle oder mehrere AOK-Landesverbände. Dabei soll Versicherten die Praxisgebühr erlassen werden, wenn sie sich verpflichten, immer zuerst ihren Hausarzt aufzusuchen, der sie dann zum Facharzt überweist. Konkrete Starttermine gibt es aber noch nicht, die Barmer etwa will frühestens im Herbst starten. Bislang hat die zuständige Aufsichtsbehörde, das Bundesversicherungsamt in Bonn, noch kein einziges Modell genehmigt.

Wie kann man sich befreien lassen?

Versicherte müssen maximal zwei Prozent ihres jährlichen Haushaltsbruttoeinkommens für Praxisgebühr, Zuzahlungen und Krankenhausaufenthalte ausgeben. Fallen höhere Kosten an, können sie sich davon befreien lassen. Dazu ist ein bestimmtes Formular nötig, das Versicherte von ihrer Krankenkasse bekommen. Wer chronisch krank ist, muss nur ein Prozent seines Einkommens für Medizinleistungen ausgeben.

Dürfen Ärzte die Praxisgebühr boykottieren?

Nein. Denn dann riskieren sie, ihre Kassenzulassung zu verlieren. Außerdem schneiden sie sich ins eigene Fleisch, weil die Praxisgebühr Teil des Honorars ist, das sie insgesamt von den Krankenkassen für die Behandlung eines Patienten bekommen.

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