Zeitung Heute : Mit neuer Energie

Seit Jahren verhandelt die Welt über den Klimaschutz – Russlands Ja könnte der Durchbruch sein

Dagmar Dehmer

Die russische Regierung ist offenbar entschlossen, nun doch das Kyoto-Klimaprotokoll zu ratifizieren. Was bedeutet das für die Umsetzung des weltweit wichtigsten Umweltabkommens?

Der russische Außenminister, Sergej Lawrow, hat am Freitag vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen versprochen, dass Russland nun ernsthaft das Kyotoprotokoll zum Schutz des Weltklimas ratifizieren will. Sollte das Parlament dem Vertrag tatsächlich zustimmen, könnte das Abkommen endlich in Kraft treten. Deshalb haben alle Parteien des Bundestags am Freitag die Ankündigung einhellig begrüßt.

Aber weil die Welt schon seit Jahren auf Russland wartet, ist die Euphorie noch etwas gebremst. Das Umweltministerium reagierte abwartend. „Der Sekt wird aufgemacht, wenn ratifiziert ist“, sagte auch Regine Günther, Leiterin der deutschen Klimakampagne des World Wide Fund for Nature (WWF), dem Tagesspiegel. Ihre Kollegin Jennifer Morgan, WWF-Klimachefin, sagte aber auch: „Dass die Regierung die Entscheidung getroffen hat, war sehr wichtig.“ Offenbar haben inzwischen alle fünf von Lawrow zur Unterzeichnung der Dokumente aufgeforderten Ministerien diese gebilligt. Und da in der Duma fast nur noch Abgeordnete sitzen, die meist den Wünschen von Präsident Wladimir Putin folgen, könnte die Ratifizierung noch vor der Klimakonferenz im Dezember in Buenos Aires vorliegen.

Sollte Russland ratifizieren, wären die mehr als zehn Jahre langen Verhandlungen über den Schutz des Weltklimas nicht vergeblich gewesen. Im Kyotoprotokoll verpflichteten sich 1997 alle Industriestaaten, den Ausstoß der sieben wichtigsten Treibhausgase bis 2012 um 5,2 Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren. Das klingt wenig, und ist auch wenig. Denn um eine Erderwärmung um mehr als zwei Grad zu verhindern, müssen die Treibhausgase in der Atmosphäre in den kommenden Jahren dramatisch verringert werden. Der Wert von zwei Grad Erwärmung wird von den meisten Wissenschaftlern als gerade noch bewältigbar eingeschätzt. In Buenos Aires muss nun über die nächsten Verpflichtungsperioden verhandelt werden. Die Reduktionszahlen, die bis 2050 gehandelt werden, bewegen sich zwischen 60 und 80 Prozent. Obwohl der Beitrag des Kyotoprotokolls bescheiden klingt, ist er es nicht. Denn mit dem Abkommen wäre zum ersten Mal überhaupt eine weltweite verpflichtende Übereinkunft zum Schutz der Umwelt in Kraft.

Vor allem könnte mit der Ratifizierung des Kyotoprotokolls eine neue Ära der Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern eingeläutet werden. Denn die Industriestaaten dürfen ihre Klimaverpflichtungen auch in der Dritten Welt erfüllen und bekommen dafür eine Klimagutschrift. Mit dem „Saubere-Entwicklungs-Mechanismus“ könnten erstmals Mittel aus dem Norden in den Süden fließen, die keine Almosen sind, sondern Geld für eine Klimaleistung. Außerdem würde der Aufbau einer sauberen Energieversorgung in Entwicklungsländern dort auch bei der Überwindung der Armut helfen. Neben der Wasserversorgung gilt die Energieversorgung dafür als ein Schlüssel.

Auch die Osteuropäer können vom Kyotoprotokoll profitieren. Im Rahmen der „Gemeinsamen Erfüllung“ können Industriestaaten in die Sanierung der maroden Energieversorgung beispielsweise in Russland investieren und sich dafür Klimagutschriften erteilen lassen. Ein Beispiel dafür ist ein Projekt der Ruhrgas, die mit dem russischen Gaskonzern Gasprom die durchlöcherten russischen Erdgaspipelines saniert und so dem Weltklima einen großen Dienst erweist.

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