Zeitung Heute : Mit ohne Allah

Wieviel Macht wollen schiitische Geistliche im Irak?

Andrea Nüsse[Najaf]

Der Sturm fegt den Sand durch Najaf. Selbst die vergoldete Kuppel der Moschee – die sich über den Schrein des schiitischen Imams Ali wölbt – wirkt unter der Staubschicht schäbig. Doch die Gewänder und Turbane der jungen Theologiestudenten, die durch die Gassen eilen, leuchten in reinstem Weiß. Die trostlose Kleinstadt Najaf, 180 Kilometer südlich von Bagdad, ist das geistige Zentrum der irakischen Schiiten – sein Einfluss reicht bis über die Landesgrenzen hinaus. Seit dem Sturz Saddams wird die Hausa, die Religionsschule von Najaf, sogar als politische Vertretung der überwiegend schiitischen Bevölkerung Iraks gehandelt.

Vor einer Tür in einer mittelalterlichen Gasse begehren die Theologiestudenten Einlass. Hier wohnt Muqtadar as-Sadr, Sohn des bis heute verehrten Großayatollahs Mohammed Sadiq as-Sadr. Saddam ließ ihn 1999 ermorden, weil er ihm als Führer der irakischen Schiiten zu mächtig wurde. Sein Sohn, der 22-jährige Muqtadar, will künftig in der irakischen Politik mitmischen, obwohl er noch keinen höheren Rang als Religionsgelehrter hat. Auch Journalisten wird er selten präsentiert, stattdessen empfängt sein Sprecher, Scheich Adnan Scheichmani, im ersten Stock des kleinen Hauses, zu dem eine schmale, steile Treppe führt. Scheichmani scheint keine Zweifel zu haben: „Die Mehrheit der Iraker will, dass die Hausa sie politisch repräsentiert“, sagt er. „Die Hausa und die Politik sind eins.“ Eine Verfassung müsse man nicht erst ausarbeiten, die gebe es schon im Koran. Auf die Frage, ob die Gruppe um Muqtadar as-Sadr eine Herrschaft der Religionsgelehrten wie in Iran anstrebe, antwortet er mit einem Anflug von Stolz, dass der verstorbene Mohammed Sadiq as-Sadr an der iranischen Verfassung schließlich mitgearbeitet habe. Doch im selben Augenblick flüstert ihm ein Berater etwas ins Ohr. Nein, die Situation in Iran und Irak sei ganz anders, sagt der Geistliche dann eilig: In Irak denke man eher an ein Modell wie in Libanon, das auf einem religiösen Proporz-System basiert.

Ganz anders sieht das Mohammed Hussein, Sprecher seines Vaters Ayatollah Mohammed Said al-Hakim, eines der führenden Religionsgelehrten der Stadt. „Wir wollen, dass die Geistlichen die spirituelle Autorität für die Gläubigen bleiben. Sie sollen keine Politik machen oder politische Posten anstreben“, sagt der ruhige Mann mit dem fein geschnittenen Gesicht. Natürlich könnten sich die Religionsführer in wichtige Angelegenheiten einmischen und den islamischen Standpunkt klarmachen, aber entscheiden müssten letztlich die Politiker. Die meisten Religionsgelehrten in Najaf dächten so. Doch selbst in seiner eigenen Familie gibt es Ausnahmen: Husseins Onkel ist der aus iranischem Exil heimgekehrte Ayatollah Mohammed Baqir al-Hakim, seine Organisation SCIRI ist in dem von den Amerikanern gegründeten politischen Führungsgremium vertreten, und er selbst strebt eine politische Rolle im Nachkriegsirak an.

Selbst ernannte islamistische Tugendwächter zeigen derweil schon, wie sie sich die Zukunft des Landes vorstellen. Frauen werden unter Druck gesetzt, wieder einen Schleier und bodenlange Kleider zu tragen, und auch gegen den Alkohol zieht man ins Feld: In den vergangenen Wochen wurden Gin- und Arrak-Destillerien niedergebrannt, und Männer mit Maschinengewehren griffen eine Bierbrauerei an.

Vertreter der Hausa, die gegen eine aktive Rolle der Kleriker in der Politik sind, protestieren gegen diese Auswüchse, wie etwa der von vielen als „Religionsführer“ der Schiiten anerkannte Ayatollah Ali Sistani. Vor kurzem antwortete er auf die Fatwa eines Kollegen, die dazu aufrief, Baath-Mitglieder zu töten: „Es ist verboten, die Initiative zu ergreifen und jene zu bestrafen, die eine direkte Verantwortung für die Ermordung von Menschen tragen“, heißt es in seiner Gegen-Fatwa. Ausdrücklich schließt er auch jene „Spitzel“ ein, deren Berichte zur Verhaftung und Ermordung von Gläubigen geführt haben.

Allerdings will sich auch Sistani nicht darauf verlassen, dass eines Tages, wenn es wieder staatliche Strukturen in Irak gibt, Zivilgerichte die Verbrechen der Vergangenheit ahnden. Die Bestrafung sei Sache der Familien der Opfer, wenn das Verbrechen von einem religiösen Gericht bestätigt wurde, schreibt er in der Fatwa. Auch in Najaf sind in diesen Tagen Massengräber gefunden worden, in denen Saddams Häscher Schiiten verscharrten.

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