Zeitung Heute : Mit Putin an die Spitze

Wie ein Ex-Stasi-Spion die Dresdner Bank in Russland aufgebaut haben soll

Malte Lehming

Man merkt ja nichts. Als Referent war Matthias Warnig eine gute Besetzung. Jurastudenten der Universität Passau erinnern sich lebhaft an den Mann mit den schmalen Lippen, der markanten Nase und der hohen Stirn, das ist im Internet zu lesen. Vor fünf Jahren waren sie nach St. Petersburg gereist. Zuvor hatten die juristischen Fakultäten beider Städte einen Partnerschaftsvertrag abgeschlossen. Immerhin ist der berühmteste Absolvent der juristischen Fakultät in St. Petersburg kein geringerer als Wladimir Putin, der russische Präsident. Nun erkundeten die Studenten eine Woche lang Land und Leute. Ihr letzter Besuch führte sie zu einem prachtvollen Gebäude am St.-Isaaks-Platz.

Dort sitzt die Dresdner Bank. Ihr Geschäftsführer, damals 44 Jahre alt, war Warnig. Eines der größten Probleme sei die Absicherung von Unternehmenskrediten, erzählte er. Im Bereich Zwangsvollstreckungen sei die Rechtslage in Russland noch rückständig. In der Wirtschaftskrise 1998 habe sein Unternehmen mehr als hundert Millionen US-Dollar verloren. Bei der Dresdner Bank in St. Petersburg, schreiben die Studenten später, „scheint es nicht langweilig zu werden“.

Am Mittwoch indes dürfte der Erregungspegel extrem kräftig ausgeschlagen haben. Denn an diesem Tag landete das „Wall Street Journal“ (WSJ) einen Coup ersten Ranges. Zeitlich perfekt platziert, zwischen Bush-Besuch in Mainz und Bush-Putin-Treffen in Bratislava, berichtete die Zeitung über eine so abenteuerliche wie atemberaubende Männerliaison. Die Schlagzeile auf der Aufschlagsseite lautet: „A Friendship Forged in Spying Pays Dividends in Russia Today“ – eine Freundschaft, die durch Spionage begründet wurde, zahlt sich im heutigen Russland aus. Die gründliche Recherche liest sich wie ein Kriminalroman.

Warnig, schreibt das WSJ unter Berufung auf mehrere Quellen, sei langjähriger Stasi-Agent gewesen. In den siebziger Jahren habe ihn die DDR-Staatssicherheit angeheuert. Herausragend sei er bei der Rekrutierung von Spionen in der Bundesrepublik gewesen. Mindestens zwanzig Westagenten soll er angeworben haben, erzählte Warnigs ehemaliger Vorgesetzter, Frank Weigelt, dem WSJ in mehreren Interviews. Seit 1988 habe Warnig von Düsseldorf aus agiert. Im Oktober 1989, kurz vor der Wende, sei er dann nach Dresden geschickt worden, um informell mit dem KGB zu kooperieren.

Und hier, in der Elbstadt, laufen in dieser irren Zeit zwei Stränge zusammen. Warnig trifft Putin. Man lernt sich kennen, schätzen, knüpft Bande. Putin, der fließend deutsch spricht, sitzt im Auftrag des KGB seit 1985 in Dresden. Auch er rekrutiert Agenten für brisante Missionen. Dann fällt die Mauer. KGB und Stasi organisieren sich um. Neue Zellen werden formiert, einige unter dem Decknamen von Unternehmensberatungen. Einer davon soll auch Warnig angehört haben, berichtet dem WSJ ein anderer Ex-Stasi-Offizier, Klaus Zuchold. Auch er war von Putin für den KGB angeworben worden.

Die Dresdner Bank indes bestreitet, dass sich Warnig und Putin in Dresden kennen lernten und es Geheimdienstkontakte zwischen ihnen gab. „Warnig hat Putin erst 1991 in St. Petersburg kennen gelernt“, sagt ein Sprecher der Dresdner Bank in Frankfurt. „Es gab vorher keine Geheimdienstkontakte.“ Außerdem weist sie darauf hin, dass Warnig Anfang der neunziger Jahre wegen seiner früheren Tätigkeit für das Ost-Berliner Wirtschaftsministerium von Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt überprüft worden sei. Der damalige Vorstand Bernhard Walter ist von Herrn Warnig über die Ermittlungen gegen ihn informiert worden. Allerdings erst einige Jahre später, sagt die Dresdner Bank in Frankfurt. Diese Ermittlungen wurden eingestellt, damit war die Sache für Herrn Walter erledigt. Etwas unklar ist, seit wann die Bank weiß, dass Warnig für die Stasi gearbeitet hatte.

Im März 1990 jedenfalls wird Warnig von der Dresdner Bank angeheuert. Seine Stasi-Vergangenheit verschweigt er offenbar. Beim Einstellungsgespräch gibt er an, im DDR-Wirtschaftsministerium gearbeitet zu haben. Das erzählt Bernhard Walter, damals Dresdner-Bank-Chef und zuständig für die Geschäfte in Osteuropa. Damals seien Menschen wie Warnig – mit Russischkenntnissen und guten Verbindungen zur Sowjetunion – händeringend gesucht worden. Mehr als 3000 Ostdeutsche stellte die Dresdner Bank damals an.

Warnigs unaufhaltsamer Aufstieg in der Bank beginnt. Parallel dazu lauert sein Freund Putin darauf, in den Kreml einzuziehen. Im August 1991 wird Warnig nach Leningrad geschickt, das später wieder in St. Petersburg umbenannt wird. Dort soll er in einem Joint Venture mit der „Banque Nationale de Paris“ (BNP) eine Filiale der Dresdner Bank aufbauen. Kurz zuvor war auch Putin nach Leningrad zurückgekehrt, um für den Bürgermeister der Stadt, Anatoly Sobchak, zu arbeiten. Im September 1993 kann die Bank ihren Betrieb aufnehmen. Gerade rechtzeitig: Wenig später erlässt die russische Regierung ein Moratorium für die Registrierung von Banken, die sich im ausländischen Besitz befinden. In Warnigs Datscha, rund 200 Kilometer von St. Petersburg, sollen Putin und seine Frau regelmäßig zu Besuch gewesen sein.

Ein Jahr später verletzt sich Ludmilla Putin bei einem Autounfall. Auf Bitten ihres Mannes springt die Dresdner Bank großzügig ein. Sie finanziert alles: den Flug von Frau Putin nach Deutschland, ihre Behandlung in einer Spezialklinik in Bad Homburg. Selbst an ihren Genesungskosten beteiligt sie sich. Auch spätere Reisen von Herrn Putin nach Hamburg werden von der Dresdner Bank übernommen, schreibt das WSJ, ebenso die Reise- und Unterhaltskosten für dessen Töchter, Maria und Katerina, damit diese auf eine Schule in Hamburg gehen können.

Im August 1996 zieht Putin nach Moskau, um unter Boris Jelzin im Kreml zu arbeiten. Ein Jahr später wird Warnig, ebenfalls in Moskau, Vizechef der Dresdner/BNP-Filiale. Im März 2000 wird Putin Russlands neuer Präsident. Zwei Jahre später übernimmt Warnig als Präsident das gesamte Russlandgeschäft der Dresdner Bank. Unter seiner Führung entwickelt sich das Unternehmen fantastisch. Das Jahr 2002 wird zum erfolgreichsten überhaupt.

Heute gehört die Dresdner Bank AG, laut WSJ, zu einer der wichtigsten Finanzgruppen in Russland. Im Bereich der Fusionen und Übernahmen liege sie auf Platz zwei. Und Warnig? Der wurde in diesem Monat, zusätzlich zu seinen Managerfunktionen bei der Bank, in den Vorstand von Gazprom berufen, dem größten Erdgaskonzern der Welt. Er und Putin treffen sich immer noch gelegentlich zum Abendessen.

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