Zeitung Heute : Mit rasender Ungeduld

In Karlsruhe wird der Fall des „Autobahn-Dränglers“ verhandelt: Steht der richtige Fahrer vor Gericht?

Benno Stieber[Karlsruhe]

Schon morgens um sechs waren die Ersten gekommen, um sich einen Platz zu sichern. Damit alles seine Ordnung hat, geben die Saaldiener kleine, rote Platzkarten aus. Als der Angeklagte Rolf F., von der Boulevardpresse zum „Raser von Bruchsal“ gemacht, gegen halb neun vor das Karlsruher Amtsgericht tritt, ist der Saal gesteckt voll. Für viele im Publikum geht es allerdings weniger um sein Schicksal als vielmehr um Grundsätzliches: um freie Fahrt auf Autobahnen. Die Stimmung im Saal ist recht eindeutig. Unsichere Aussagen von Zeugen werden mit ungeduldigem Getuschel quittiert, und als Richterin Brigitte Hecking einem Zeugen antwortet, sie habe wenig Erfahrungen mit Geschwindigkeiten über 200 Stundenkilometern, zischt einer in der letzten Reihe: „Auch so eine Kleinwagenfahrerin.“

Es war dichter Verkehr an jenem Morgen des 14.Juli auf der A 5, kurz hinter Karlsruhe, als ein Mercedes mit einer Geschwindigkeit von mindestens 220 bis auf einen Meter, an den Kleinwagen einer 21-jährigen Frau herangerast sein soll. Durch den Schreck muss die Frau das Steuer herumgerissen haben und schleuderte quer über die Fahrbahn. Der Kleinwagen prallte im Wald rechts der Autobahn gegen einen Baum. Die Frau und ihr zweijähriges Kind, das mit im Auto war, waren auf der Stelle tot.

Der Unfall hatte vergangenen Sommer großes Aufsehen erregt. Die Grünen in Baden-Württemberg forderten als Konsequenz ein generelles Tempolimit. Eine 34 Mann starke Sonderkommission der Polizei stand erheblich unter Erfolgsdruck. Mehr als 600 Autos, auf die die Beschreibung der Zeugen passte, wurden überprüft. Dann sickerte durch, ein Dienstwagen von Daimler-Chrysler habe den Unfall verursacht. Und wieder dauerte es Wochen, bis die Behörden einen Verdächtigen präsentieren konnten.

An diesem Morgen im Gerichtssaal indes bestreitet Rolf F. vehement die Tat. Er sei erst kurz nach dem Unglück an dem Autobahnabschnitt vorbeigekommen, von einem Unfall will er nichts bemerkt haben. Der 34-Jährige ist Ingenieur und arbeitet als Testfahrer bei Daimler-Chrysler. Dort ist es durchaus üblich, Autos auch auf regulären Autobahnen bis an die Grenze zu testen. „Wenn es der Verkehr zulässt“, wie ein Unternehmenssprecher ergänzt.

Unter seinen Kollegen trägt der Angeklagte den Spitznamen „Turbo-Rolf“. Warum, will das Gericht wissen. Weil er immer so große Autos fahre, sagt er. An jenem Morgen war Rolf F. unterwegs zu einem Testgelände im norddeutschen Papenburg. Bei der Polizei haben seine Kollegen zu Protokoll gegeben, F. habe sich gleich, nachdem er dort angekommen war, erkundigt, was denn mit dem Unfall auf der A5 sei. Rolf F. bestreitet das nicht. Warum er das getan habe, wenn er nicht in den Unfall verwickelt gewesen sei, fragt die Richterin. Er habe davon im Radio gehört, sagt F., „man ist ja nicht so teilnahmslos“. Die Tragik des Falls habe ihn mitgenommen – und offenbar auch persönlich beunruhigt. Denn nun teilt er dem Gericht mit, er habe sich sicherheitshalber schon mal bei einem Anwalt erkundigt, was zu tun sei, wenn man in Verdacht gerät, Unfallflucht begangen zu haben. Schließlich habe er ja gewusst, dass man nach einem schwarzen Mercedes suche.

Das ist nicht die einzige Aussage, mit der sich F. keinen Gefallen tut. Er wirkt immer wieder unsicher, verheddert sich. Aber auch die Staatsanwaltschaft hat keine wirklichen Beweise zu bieten, dass F. zur fraglichen Zeit an der Stelle gewesen sei. Es gibt lediglich Tankquittungen und die Berechnungen der Sachverständigen. Und die Augenzeugen des Unfalls tun sich schwer, Monate später präzise zu beschreiben, was in Sekundenbruchteilen passiert ist. Sie können wenig mehr sagen, als dass der Wagen dunkel war und mit hoher Geschwindigkeit gefahren ist. Keiner weiß, ob Rolf F. hinter dem Steuer saß. Oft mischen sich in die Aussagen Fakten, die Zeugen erst aus der Presse erfahren haben können.

Nichts als vage Indizien, sagt F.s Verteidiger Ulrich Schweizer. Es gebe keine Beweise für die Anklage, er rechne mit einem Freispruch. Für manchen im Publikum liegt der Fall ohnehin klar. In einer Sitzungspause gibt ein Mann mit monströsem Schnurrbart einem Rundfunkreporter zu Protokoll, was viele auf den Zuschauerbänken denken: „Wer langsam fährt, gehört nicht auf die Überholspur.“

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