Zeitung Heute : Mit Sack und Pack und drei Millionen Websites

Der Vorgang ist einmalig: Rund 5000 Internet-Rechner ziehen um. Die Kunden sollen davon nichts merken

Kurt Sagatz

Man kann sich leichtere Aufgaben vorstellen. Wenn drei Millionen Internet-Präsenzen im laufenden Betrieb umziehen sollen, und zwar so, dass es möglichst niemand bemerkt, dann ist diese logistische Herausforderung nur mit einem Aufwand zu bewerkstelligen, der seinesgleichen sucht. Insgesamt 5000 Internet-Server transportiert die 1&1-Gruppe derzeit vom alten Standort im Zentrum von Karlsruhe zum neuen Rechenzentrum im so genannten Brauerboulevard. Anfang Januar ging der erste Webserver am neuen Standort in Karlsruhe ans Netz. Mitte April soll der letzte Internet-Rechner im alten Komplex, der einem Einkaufszentrum weichen muss, abgeschaltet werden. Ganz zum Schluss ziehen dann noch die letzten Dienste wie das Unified Messaging um. Zwei Jahre lang hat ein Team des Unternehmens die Mammutaktion vorbereitet. Und wenn weder die Kunden noch die Nutzer der Internet-Seiten überhaupt mitbekommen, dass sich etwas geändert hat, dann wissen sie, dass sie Erfolg hatten.

Das Webhosting gehört zu den wenigen erfolgreichen Geschäftszweigen im Internet. Die größten Zuwächse wurden dabei in den Jahren 1999 bis 2001 erzielt. Ende 1998 waren bei der deutschen Registrierungsstelle Denic gerade einmal 288 000 der so genannten de-Domains eingetragen. Ein Jahr später waren es bereits 1,4 Millionen. Bis Ende des Jahres 2000 stieg die Zahl auf 3,7 Millionen und am 31. Dezember 2001 meldete Denic den Stand von 5,1 Millionen Internet-Präsenzen mit der Länderendung .de. Im vergangenen Jahr hat sich das Wachstum zwar verlangsamt, dennoch nahm die Zahl der Internet- Seiten im Verlauf des Jahres auf rund sechs Millionen zu. Aktuell sind laut Denic 6,17 Millionen de-Domains registriert.

Das rasante Wachstum spiegelt sich auch in der weltweiten Internet-Statistik wider. Das deutsche Länderkürzel wird weltweit am häufigsten genutzt. Nur die allgemeine Internet-Endung .com kommt in der Rangliste noch vor den de-Präsenzen. Im Vergleich dazu liegt Großbritannien mit seiner Länderkennung co.uk – rund 3,8 Millionen Präsenzen – ein ganzes Stück zurück.

Die enorme Zahl von Internet-Adressen in Deutschland hat einen einfachen Grund: So preiswert wie hier zu Lande lässt sich wohl nirgends eine private Homepage mit eigener Internet-Adresse aufbauen. Und neben dem Berliner Internet-Dienstleister Strato hat vor allem die 1&1-Gruppe diesen Markt bereitet. Mit Einsteiger-Angeboten für teilweise unter einem Euro pro Monat und einem differenzierten Angebot an Paketen für jeden Zweck ist der Aufbau der eigenen Internet-Seite zudem denkbar einfach. So beliebt die eigene Homepage ist, so wenig verzeihen es die Besitzer allerdings, wenn ihre Seiten auch nur für kurze Zeit unerreichbar sind. Für 1&1 kam es also nicht in Frage, wie bei einem echten Umzug zuerst den eigenen Besitz zusammensuchen, um dann zur neuen Residenz umzuziehen. Dieses Verfahren konnte weder für die privaten Homepages noch für die Firmenserver, bei denen jede Ausfallzeit Umsatzeinbußen bedeutet, angewendet werden.

Aus der Not haben die Karlsruher daher eine Tugend gemacht und ein Verfahren entwickelt, das bei einem Umzug so gut wie keine Ausfallzeiten nach sich zieht. Über zwei 10-Gigabit-Glasfaserleitungen ist das neue Rechenzentrum mit dem Vorgänger verbunden. Bevor eine Webseite umzieht, wird sie sowohl auf dem alten als auch auf dem neuen Server gespeichert. Mehrfach wird dafür der Inhalt von dem einen auf den anderen Rechner kopiert, damit in den Internet-Datenbanken auf beiden Seiten die gleichen Informationen vorgehalten werden.

In der Nacht dann, zwischen zwei und fünf Uhr morgens, wird der alte Server kurz angehalten, um ein letztes Mal die Daten zu synchronisieren. Danach wird jede Anfrage nur noch an den neuen Server geleitet. Jeder Nutzer, der am nächsten Morgen zu der gerade umgezogenen Seite surft, wird von dem aufwendigen Verfahren nichts spüren. Sind erst einmal alle Präsenzen von einem Server auf diese Weise zum neuen Standort gewandert, kann der Rechner selbst abgebaut und im Brauerboulevard neu aufgebaut werden. Dort steht er für den nächsten Umzug bereit.

Der Neubau des Einkaufszentrums am alten Standort war der eine Grund für den Umzug. Der andere war zumindest ebenso gewichtig, denn an Platz mangelt es schon seit geraumer Zeit. Und der wird nicht nur für die Server benötigt. Auch die mit Bleigel gefüllten Akkus für einen Stromausfall, die fünf Notstrom-Aggregate und das immense Kühlsystem müssen untergebracht werden. Über zwei Prozent des Strombedarfs von Karlsruhe entfallen übrigens auf das Rechenzentrum.

Rund 2000 Quadratmeter misst die Grundfläche des neuen Standortes, der mit einem Investitionsvolumen von zwölf Millionen Euro erschlossen wurde. Doch auch dieser Platz reicht nicht auf Dauer. Bereits im nächsten Jahr werden die Planungen für ein weiteres Rechenzentrum aktuell. Gesucht wird ein Standort mit einer Fläche von 10 000 Quadratmetern. Damit hätte man in Karlsruhe dann drei bis fünf Jahre Luft, um über den nächsten Umzug von Millionen Webseiten nachzudenken.

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