Zeitung Heute : Mit Schwung zurück ins Leben

Einen Tag nach der OP war sein Auto umgerüstet Stefan Weidner verlor sein linkes Bein nach einer Blutvergiftung. Dank Hightech-Prothese arbeitet er heute wieder in seinem alten Beruf, treibt Sport und läuft im Urlaub über den Strand – nur vor Wasser muss er sich hüten Im Sommer trägt er gerne kurze Hosen

Schlaue Stütze. Das Kniegelenk von Stefan Weidners Prothese wird durch Mikroprozessoren gesteuert, er kann damit in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und auf ganz verschiedenen Untergründen laufen. Am Anfang zeigte ihm ein Gangschullehrer, wie man sich richtig bewegt. Foto: Thilo Rückeis
Schlaue Stütze. Das Kniegelenk von Stefan Weidners Prothese wird durch Mikroprozessoren gesteuert, er kann damit in...

An seinem Gang fällt nur das schnelle Tempo auf: Stefan Weidner läuft mit zügigen Schritten über den Parkplatz in den Feierabend – ohne zu humpeln, zu stocken oder zwischendurch anhalten zu müssen. Seine Beinprothese hält Weidners Tempo stand. Und das sogenannte C-Leg bekommt an diesem frühsommerlichen Montag auch etwas von der frischen Luft ab: Stefan Weidner versteckt die Prothese nicht unter der Kleidung, sondern er trägt eine kurze Hose, unter der sein Carbonbein hervorschaut.

„Für mich ist das heute selbstverständlich“, sagt der 42-Jährige. Auch wenn er weiß, dass nicht jeder Prothesenträger so selbstbewusst mit dieser Situation umgehen kann. Denn viele Betroffene ziehen auch bei hohen Temperaturen lieber lange Hosen an. Oder verstecken die künstlichen Gelenke unter einem hautfarbenen Überzug.

Oben in der Wohnung setzt sich Stefan Weidner zum Kaffeetrinken auf sein weißes Ledersofa. Sein gesundes rechtes Bein steht neben dem anthrazitfarbenen C-Leg des Herstellers Otto Bock, das man ohne Übertreibung als Hightech-Prothese bezeichnen kann: Das Kniegelenk wird durch Mikroprozessoren gesteuert, Stefan Weidner kann damit in unterschiedlichen Schrittgeschwindigkeiten laufen. Und auch auf ganz verschiedenen Untergründen, zum Beispiel auf Wiesen oder den Ostseestränden, an denen er mit seiner Familie gerne die Wochenenden verbringt. Mit der modernen Prothese, für die der Berliner auch ein eigenes Ladegerät hat, kann er sogar Fahrrad fahren. Nur vor einem muss er das C-Leg unbedingt schützen: vor Wasser.

Sein linkes Bein hat der Filtrierer im Frühjahr 2008 verloren – nach einer Blutvergiftung, die ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Eine Woche haben die Ärzte damals versucht, das Bein zu retten, fünfmal nachoperiert und zunächste einen Zeh abgenommen. „Ich hatte mich damals aber eigentlich schon damit abgefunden, dass mir das Bein amputiert wird“, erinnert er sich. Andererseits gingen ihm in diesen Tagen vielen Fragen durch den Kopf: Wie es weitergehen würde ohne das fehlende Bein, zu Hause, mit der Arbeit – und seiner eigenen Mobilität.

Weidners Frau hat in dieser Zeit jede freie Minute mit ihm verbracht. Und sie organisierte den Umbau seines Autos: „Am 31. März 2008 war das Bein ab, einen Tag später war mein Auto umgerüstet“ , erinnert er sich. Nach der Operation begann Weidner schnell, im Krankenhaus zu trainieren – mit einem Gehbock. Doch nach ein paar Tagen stürzte er und fiel auf den Stumpf. Dieser schmerzhafte Unfall verlängerte seinen Krankenhausaufenthalt um weitere 14 Tage. In der Reha hatte er dann erneut große Probleme mit seinem Stumpf, der mal dicker und mal dünner wurde, und oft nicht richtig in seine Übergangsprothese passte.

Nach der Zeit in der Reha setzte sich Stefan Weidner an den Rechner und recherchierte im Internet, was nun zu tun war. Im Netz suchte er nach jenem Mann, über den er kurz vor der Blutvergiftung eine Fernsehreportage gesehen hatte: Den Gangschullehrer Michael Kramer, der vor 21 Jahren selbst ein Bein verloren hat – und heute andere Menschen dabei berät, wie sie wieder mobil werden. Kramer empfahl Stefan Weidner das C-Leg, und er zeigte ihm, wie man sich damit bewegt.

„Einfach so drauflosgehen funktioniert nicht“, erinnert sich der Filtrierer, der die Prothese inzwischen nur noch zum Schlafen auszieht. Als er das C-Leg zum ersten Mal anprobierte, hätten ihm zunächst „die Beine gewackelt“. Dann habe er sich aber schnell ziemlich sicher gefühlt. Weil die datengefütterte Prothese mitdenkt: Wenn Weidner umzuknicken droht, bremst sie ab.

Nach einem Probemonat bekam er im April 2009 seine eigene Prothese. „Im Grunde sitze ich mit dem Stumpf auf dem C-Leg“, beschreibt er das Tragegefühl. Der Vakuumschaft der Prothese fühlt sich für Weidner an, als ob jemand zwei Hände mit Druck um den Oberschenkel legt. Am Anfang brauchte er zum Anziehen der Prothese fünf bis zehn Minuten, heute sind es nur noch zwei. Stefan Weidner fährt längst wieder regelmäßig mit dem Auto zur Arbeit, und er kann im Job auch wieder acht Stunden am Tag alle Aufgaben erfüllen.

Anderthalb Jahre nach der Operation kehrte der Filtrierer an seinen Arbeitsplatz in der Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei zurück. In den ersten Monaten steigerte er seine Arbeitszeit von zwei auf vier, sechs und schließlich acht Stunden. „Diesen stufenweisen Einstieg habe ich gebraucht, schließlich war ich eineinhalb Jahre aus dem Arbeitsprozess raus.“ Für das Feierabendbier seiner Kunden ist der 42-Jährige acht Stunden am Tag im Einsatz – und immer in Bewegung. Gangtrainer Michael Kramer hat ihm beim Wiedereinstieg vor Ort gezeigt, wie er dabei mit seinem C-Leg umgehen muss. Heute ist Stefan Weidner im Job genauso einsatzfähig wie vor seiner Operation, und arbeitet wie die Kollegen in drei Schichten.

Menschen, die in eine ähnliche Situation kommen, empfiehlt der Berliner einen Profi, der ihnen den Umgang mit dem neuen Gelenk zeigt. Und einen guten Orthopäden. Sein eigener schickte ihn nach der ersten noch einmal in eine zweite Reha ins bayerische Osterhofen. Dort traf Weidner auf Betroffene in seinem Alter, die ebenfalls darauf hin trainierten, beruflich wieder einsatzfähig zu werden. „Wir haben uns damals gegenseitig motiviert.“ Und er trainierte das Gehen mit der Prothese, auch mit Hilfe von Videoanalysen. Und Therapeuten, die ihn – seine Rückkehr in den Job fest im Auge – zum Beispiel auf Leitern steigen und Säcke tragen ließen. „In Osterhofen bin ich wieder fit für den Alltag geworden.“

Nach der Reha wechselte der ehemalige Sportkanalgucker vom Passiv- in den Aktiv-Modus und meldete sich mit einem Bekannten im Fitnessstudio an. Und auch mit seiner Familie ist er viel unterwegs. Mit seiner Frau war er 2010 zum Beispiel im Olympiastadion – auf dem AC/DC-Konzert.

Sehr wichtig ist Stefan Weidner auch das Verhältnis zu dem Techniker, der seine Prothese betreut: „Der muss verrückt genug sein, sich in mich hineinzuversetzen“, sagt er und grinst. Und er wiederum müsse verrückt genug sein, um den Techniker zu verstehen. Viermal im Jahr wird Weidners Prothese neu programmiert, alle zwei Jahre geht sie allein auf Reisen, in die Inspektion. Stefan Weidner trägt dann ein Ersatzexemplar. „Mit der Prothese stehe ich wieder mitten im Leben“, sagt der 42-Jährige mit dieser festen Stimme, in der während des ganzes Gesprächs kein Hauch von Selbstmitleid zu hören ist.

„Ich habe in der Reha Menschen kennengelernt, denen beide Beine und ein Arm gefehlt haben“, sagt er, und schaut auf das C-Leg. Bei diesen Menschen musste es ja auch weitergehen – genau wie bei ihm.

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