Zeitung Heute : Mit Senf

Der Tagesspiegel

Von Bernd Matthies

Das geistige Leben in einer Redaktion müssen Sie sich vorstellen wie unter Hempels Sofa. Einer sagt was, alle anderen fallen ein, geben eigene Meinungen dazu, reden Unsinn und Tiefsinn - und stellen hinterher manchmal fest, dass alles von Anfang an falsch gelaufen ist. So war es gestern. „Komisch“, sagte ein Kollege, „ich habe mir die Dinger viel älter vorgestellt.“ Nicht wahr, assistierte ein anderer, „die hat meine Oma schon gemacht, und die hat sie doch auch nicht erfunden.“ Anlass für den dritten, eigenen Senf beizugeben: „War da nicht was mit den Hugenotten?“

Das war erst der Anfang. „Aber der Kollege X hätte doch in der Konferenz das Thema nie angekündigt, wenn nichts dran wäre“, gab der für seine sorgfältig sachlichen Abwägungen bekannte Altredakteur Y zu Protokoll. „Könnte sein“, ergänzte Jungredakteur Z, „dann waren die Hugenotten die, die die Currywurst erfun...“ Hohngelächter! Betroffene Mienen! Konnopke! brüllte einer, Herta Heuwer! ein anderer, und dann rief auch noch einer Bocuse! dazwischen, Grund genug für einen leitenden Spitz- und Steilredakteur, die Gesprächsmacht endgültig an sich zu ziehen: „Ich frag da noch mal nach.“

So stellte sich dann relativ schnell heraus, dass heute keineswegs die Bulette 50 Jahre alt geworden ist, sondern das nach ihr benannte Nilpferd im Berliner Zoo. „Vielleicht die Currybulette...“ wandte noch einer der Debattierer halbherzig ein. Zu spät!

Ja, Leute: Mit dem Berlinischen geht es bergab. Das nächste Nilpferd im Zoo heißt vermutlich schon Frikadelle – oder Fleischpflanzerl. Immerhin: Wir haben Sie rechtzeitig gewarnt.

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