Zeitung Heute : Mit Sicherheit

Entführung, Korruption, Markenpiraterie – Control Risks berät weltweit Firmen, wie sie sich schützen können

Jörg Oberwittler

„Hier ist es schlechter geworden“, sagt Jürgen Stephan, Deutschland-Chef der britischen Unternehmensberatung für Sicherheitsfragen Control Risks, deutet auf eine Weltkarte und lässt den Finger mitten über Afrika kreisen. Jedes Jahr erstellt das Unternehmen für seine Kunden eine Risiko-Landkarte. Länder wie Tschad, Kongo oder Süd-Sudan sind dunkelrot eingefärbt. Extrem hohes Sicherheitsrisiko.

Auch Südamerika hat sich verschlechtert. Zugenommen hat hier das sogenannte „Express-Kidnapping“. Banditen halten europäischen Geschäftsleuten gern kurz vor Mitternacht die Pistole unter die Nase, um sie dann vor den nächsten Geldautomaten zu zerren. „Sie wissen, warum kurz vor Mitternacht?“, fragt Stephan. „Weil sie dann zweimal den Höchstbetrag eines Tages von der Kreditkarte abheben können.“ Mitteleuropäer kennen die Geheimnummer ihrer Kreditkarte häufig nicht, weil man hier eher EC-Karten nutzt. Das kann im Falle eines Express-Kidnappings tödlich enden. Deshalb rät er Geschäftsreisenden, stets die Geheimnummer der Kreditkarte im Kopf zu haben. Das Geld bekomme man zurück. Sein Leben nicht.

Weltweit beschäftigt die 1975 von ehemaligen britischen Soldaten gegründete Sicherheitsfirma 700 Berater in 27 Büros. Jahresumsatz: rund 200 Millionen Euro. Von Berlin aus koordinieren die 30 Mitarbeiter die Länder Deutschland, Schweiz und Österreich sowie einige ehemalige Ostblockstaaten. Das Unternehmen berät fast alle Dax-30-Konzerne sowie kleine und mittelständische Firmen.

Das Team sitzt im 25. Stockwerk der Treptowers und hat nicht nur einen beeindruckenden Ausblick auf die Spree, sondern auch stets die internationale Wirtschaftskriminalität im Blick. Wenn ein Unternehmen interne Betrugsfälle aufdecken, die Zahlungsfähigkeit eines Kunden überprüfen möchte oder sich um Produktpiraterie sorgt, werden die Mitarbeiter aktiv. Aber auch, wenn es darum geht, die Bewerbungsunterlagen eines Topmanagers auf ihre Richtigkeit zu überprüfen, oder wenn ein Kunde in Afghanistan entführt wird.

Zum Team gehören Wirtschaftswissenschaftler, Sicherheitsexperten und Politologen, Geografen und Historiker. Gefragt sind investigative Recherche, das Näschen für Kriminalität sowie analytisches Denken und betriebswirtschaftliches Hintergrundwissen. Mithilfe besonderer Computerprogramme ermitteln die Mitarbeiter die Ursachen von Fehlbeträgen in Firmenkassen oder organisieren blitzschnell die Ausreise von Geschäftskunden aus Krisengebieten und beraten Firmen in Sicherheitsfragen.

In Berlin findet Stephan für diese Aufgaben gut qualifizierte Hochschulabsolventen. „Zudem ist Berlin ein Schmelztiegel aus Politik und Wirtschaft. Hier kann man frühzeitig Tendenzen erkennen.“ Die deutsche Hauptstadt sei neben Wien ein wichtiges Tor nach Osteuropa. Hier sitzen viele Interessensgruppen mit Osteuropa-Bezug. Wenn es um Berlin geht, hellt sich die sonst eher ernste Miene des 45-Jährigen im dunkelblauen Anzug und Manschettenhemd deutlich auf. „Berlin ist eine sehr offene, tolerante Stadt, wo jeder etwas findet“, sagt der gebürtige Düsseldorfer, der Begriffe wie „Datenklau“ oder „Produktpiraterie“ vermeidet und lieber von „Risikomanagement“, „Reisesicherheit“, „Beratung“ und „Prävention in Sicherheitsfragen“ spricht. Bei den in den letzten Monaten immer wieder in die Schlagzeilen gekommenen Fällen von Schiffsentführungen ist Control Risks Deutschland hingegen nicht involviert. Dennoch haben die Mitarbeiter gut zu tun. Die Sensibilität für Wirtschaftskriminalität ist weltweit im Zusammenhang mit der Krise gestiegen. Zudem werde das internationale Risikomanagement aufgrund der Globalisierung immer wichtiger. „Es bleibt weiter spannend“, sagt Stephan daher auch zu der Frage, wie er die weitere Entwicklung einschätzt. Doch eines scheint klar: Viele Sicherheitsprobleme sind zu erwarten – und damit viele potenzielle Aufträge für Control Risks.

www.controlrisks.com

In Berlin findet man gut qualifizierte Hochschulabsolventen. Zudem ist Berlin ein Schmelztiegel aus

Politik und Wirtschaft. Hier kann man

frühzeitig Tendenzen

erkennen.“

Jürgen Stephan,

Deutschland-Chef

Control Risks

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