Zeitung Heute : Mit Skiern zum Einkaufen ins autofreie Dorf düsen

Lola Sommer

Schon wieder zu spät abgeschwungen! Also nochmals eine Runde mit den Dorf-Lifts "Bettmeralp" und "Groß Läger", einmal locker über die Dorfstraße und nun sitzt der Einkehrschwung: direkt vorm Supermarkt. Falls das verwirrend klingt: Auf der Bettmeralp ist das Hauptverkehrsmittel der Ski. Er dient als Spaß-Gerät, aber auch als Fortbewegungsmittel beim Einkaufen. Gegen 16 Uhr 30, wenn die Lifts schließen, tummeln sich auf der Hauptachse des Orts Skifahrer beidseitig mit Einkaufstüten behängt, Rodel, Hunde, Fußgänger, Snowboarder - keine Autos, nicht mal Elektromobile.

Einzig zum An- und Abtransport des Gepäcks darf ein Ratrak über die Dorfstraße stampfen. Der Beat hat so ein Raupen-Lasttier. "Endbahnhof" für Autos ist nämlich die Talstation der Gondelbahn tief unten im Rhônetal, sie schwebt hinauf ins urige Bergdorf Betten auf 1200 Meter und weiter hinauf zur Sonnenterrasse der Bettmeralp auf rund 1900 Metern. Geschlossene Schneedecke, sonnenverbrannte Holzhäuser, die sich unter der Schneelast ducken - das ist der erste Eindruck der Alp. Für den zweiten sorgt Beat.

Das Gepäck hievt er auf die Ladefläche, zwei Menschen finden im Cockpit der Raupe Platz - nur wie man den mittig gelegenen Platz besteigen soll, bleibt rätselhaft. Der Beat gibt Hinweise, mit heiligem Ernst vorgetragen, nur leider in einem Dialekt, der absolut unverständlich ist. Selbst die Restschweizer behaupten, die Waliser hätten mindestens zehn Lautverschiebungen vom Mittelhochdeutschen zur Neusprachlichkeit einfach nicht mitgemacht ... Zudem ist der Oberwaliser nun auch nicht als Mensch bekannt, der vehement aus sich heraus geht - bester Beweis ist der Beat. Er schweigt für den Rest des Transports.

Die Bettmeralp hat eben ihre Karriere als Wintersportort so richtig erst 1962 begonnen, als erstmals Skilifts in Betrieb genommen wurden. Vorher verbrachten hier nur Kühe, Schafe und Ziegen den Sommer mit ihren Hirten und Sennen. Als 1953 das Waldhotel als erstes Hotel eröffnet wurde und gar das "Elektrische" brannte und heizte, war das eine Sensation - mehr noch die ersten Wintergäste. Im Winter auf der Alp? Viele der älteren Bettmer fanden das höchst bizarr, machten sie mit den Eltern doch das Nomadenleben der Bauernfamilen mit: klassische Transhumanz mit Wintern im Tal, Frühjahr und Herbst auf der Maiensäß und die Sommer auf der Alp.

So gibt es auch heute schwerpunktmäßig fünf Namen, die die Bettmer Alp dominieren - aber die Däninnen! Sie arbeiten saisonweise in der Gastronomie und so manche bleibt hängen an einem Mattig oder Minnig, Imhof, Stucky oder Eyholzer. Wie sie das finden, die Ur-Bettmer? Sie kommentieren lakonisch und ohne ein wertendes Kippen in der Stimme, genau wie die deutschen Zahnärzte unkommentiert bleiben, die in den 70er Jahren Chalets gekauft haben. Der Oberwaliser ist eben zurückhaltend!

Angenehm zurückhaltend - und so blieben dem Ort Bausünden erspart, Nobel-Alpen-Disney-Hotels genauso wie Après-Lokale mit österreichischen Schirmbar-Look. Auch das neue kreisrunde Panorama Restaurant unterm Bettmerhorn hält sich in vernünftigen Dimensionen.

Kein Laut durchschneidet die glasklaren Nächte. Es ist von 19 Uhr an unendlich still, unendlich dunkel mit einem perfekten Sternenhimmel. Es wird klirrend kalt in der Nacht - Garant für guten Schnee bis weit in den April hinein - und bei 300 Sonnentagen im Jahr fast ebenso garantiert strahlend blau am Tage. Von 8 Uhr 30 bis 16 Uhr 30 liegt das gesamte Skigebiet in der Sonne. Es zieht sich rund 80 Kilometer von der Riederalp hinüber zur Fiescheralp, in sanften weiten Hängen. Ein Gebiet für den Skifex ist das nicht, dafür mit perfekter Infrastruktur für Kids und Familien. Auch die Carving Szene feilt hier auf den glattgebügelten Hängen an den extremen Schräglagen und die Skischule hat sich auf Carving Kurse spezialisiert: "Fun" lange bevor die Hand im Schnee streift, außerdem kann der stocklose Carver viel besser die Einkaufstüten halten!

Hinter Bettmerhorn und Eggishorn schiebt sich der Aletschgletscher, der mit 23 Kilometern einer der längsten Gletscher Europas zu Tale. Oben auf dem Eggishorn ein Bild fast nicht von dieser Welt: Im Hintergrund stehen Eiger mit der Südwand, Mönch und Jungfrau Spalier, davor der Gletscher und gegen Süden nichts als südliche Bergriesen. Dazu die urige "Horli Hitta", einen weißen Fendant im Glas und eine Käseschnitte - jene mit Käse überbackenen Kalorienbomben aus der Pfanne - und das Leben ist perfekt! Zur völligen Landschaftsperfektion fehlt noch eine Piste namens "Panorama", die immer entlang der Gletscherzunge Richtung Riederalp führt. Skifahrerisch nichts als ein Ziehweg, ist diese Piste landschaftlich eine Sensation: den Aletschgletscher zu Füßen, den Aletschwald, einen uralten Arvenwald und in Blickrichtung, der Berg aller Berge, das Matterhorn! Ein begnadeter Platz und just diesen Platz hat 1901 eine Villa okkupiert.

Der steinreiche jüdisch-deutsche, in England lebende Bankier Sir Ernest Cassel bekam von seinem Arzt die Riederalp gegen eine Art frühes "Burn-Out-Syndrom" verschrieben. Ein Londoner Reisegrüppchen kam also völlig gerädert nach langer Zugfahrt in Brig an, fuhr dann mit dem Landauer nach Mörel und mühte sich schließlich mit Mauleseln hinauf nach Riedrfurka. Entsetzen machte sich breit über das wenig komfortable Hotel, aber der Arzt blieb hart. Cassel habe dazubleiben! Er blieb und beschloss, eine angemessene Villa bauen zu lassen. 1902 war das Werk aus Türmchen, Erkern und Ornamenten fertig. Der damalige Pfarrer befand, "es passt in die Landschaft wie ein Fünfliber in einen Kuhfladen"!

Hier heroben wurde Weltpolitik gemacht, Cassel war engster Freund des englischen Königshauses, er war Vaterfigur für Churchill und als kluger Weltbürger zerbrach er am Wahnsinn der Welt. Bis zuletzt hatte er versucht, den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu verhindern. Stoisch sah dagegen die Villa dem Weltenlauf zu, sah die Enkelin von Sir Ernest, die spätere Lady Mountbatten, Vizekönigin von Indien heranwachsen, sah sich als Hotel verkauft und ist seit 1976 das erste Naturschutzzentrum der Schweiz. Auskunft: Bettmeralp Tourismus, CH-3992 Bettmeralp; Telefon: 00 41 / 27 / 927 12 91, Telefaxnummer: 00 41 / 27 / 927 33 45.

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