Zeitung Heute : Mit Spaß und Haltung Anzug tragen

Bei Herrn von Eden finden Damen und Herren nicht einfach nur Jacken wie Hosen, sondern viel Stil aus den vergangenen 80 Jahren.

Grit Thönnissen

Als Anzugträger tituliert zu werden, ist selten nett gemeint. Um Charaktereigenschaften wie Konformität, den Willen zur Anpassung und in positiven Fällen die Seriosität eines Menschen zu umschreiben, wird gerne darauf verwiesen, was für einen Anzug der Porträtierte trägt: nämlich einen schwarzen oder anthrazitfarbenen mit einer nicht zu schrillen Krawatte. Ein Stilmittel, das vor allem dann gern von Journalisten benutzt wird, wenn es sich bei der Person um einen Ex-Terroristen, Grünen-Politiker oder Waffenhändler handelt. Auch wenn es in Artikeln um die Rückkehr des Bürgerlichen geht, wird häufig darauf verwiesen, dass dabei Anzüge, Krawatten und ordentlich geknöpfte Hemden eine große Rolle spielen.

Und dann ist da noch Herr von Eden: Betritt man den Berliner Laden des Modelabels in der Alten Schönhauser Straße 14 könnte man das soeben Geschriebene für ein grobes Missverständnis halten. Beim Herren- und seit anderthalb Jahren auch Damenausstatter wird mit Anzügen, Kostümen, Hemden und Accessoires wie Krawatten und Einstecktüchern gehandelt, die ihre historischen Vorbilder nicht verleugnen. Hierher kommt derjenige, der einen Anzug kaufen will und nicht muss – Bankangestellte verirren sich nur selten in einen der drei Läden, die Herr von Eden in Köln, Hamburg und Berlin führt. Auch wenn es Herrn von Eden nicht wirklich gibt, der Firmengründer Bent Angelo Jensen wird nicht selten so angesprochen.

Sollte mal jemand ein Blind Date mit Bent Angelo Jensen in Berlin-Mitte haben, hier ein Tipp: Halten Sie einfach nach dem Typen Ausschau, der anders aussieht als der Rest: Jensen trägt Anzug. In einem grauen Geschäftszweiteiler wird man ihn aber wohl nie antreffen, heute hat er einen mit Fischgratmuster in Hellbraun und Beige aus gekämmtem Harris-Tweed gewählt, dazu ein bordeauxfarbenes Hemd mit einem grau-weiß gemusterten Einstecktuch. Von so jemanden erwartet man, dass er Sachen sagt wie: „Ich hasse Jeans, Turnschuhe und ungepflegtes Aussehen. Stattdessen sagt er sehr freundlich: „Ich habe auch eine Jeans.“ Und wenn er liest, dass seine Anzüge die Vorboten eines neuen Konservatismus unter jungen Menschen in Großstädten seien, die endlich Schluss machen mit dem in Berlin so beliebten schnoddrigen Kleidungsstil, wird er geradezu ungehalten. „Ich habe mit Secondhand angefangen und habe viele Freunde, die so rumlaufen.“

Wie zur Bestätigung betritt Turner, ein Hamburger DJ in Jeans und verwaschenem T-Shirt das Café, um seine Fahrtkosten für die Heimreise beim Designer Jensen abzurechnen. Turner ist einer der DJs, die am Abend zuvor bei der Herr-von-Eden-Modenschau im White Trash Fastfood auflegten. Im Gedränge des Clubs war nicht viel von den Anzügen und Kostümen zu sehen. Das war einkalkuliert: „Ich wollte eine richtige Party, keine klassische Laufstegveranstaltung. Schließlich sollte gefeiert werden, wenn man drei Monate Arbeit an einer Kollektion hinter sich hat.“

Inzwischen ist Herr von Eden durchaus all jenen ein Begriff, die Lust haben, Anzug zu tragen. Auch wenn Bent Angelo Jensen längst kein Einzelkämpfer mehr ist, der harte Von-Eden-Kern umfasst 15 Leute, taugt er immer noch als sein bestes Role Model: Absolut freiwillig trägt der 28-Jährige seit Jugendtagen vorzugsweise Anzug.

Vielleicht liegt es an der Leidenschaft, mit der er sich dem Thema widmet. Denn Liebe muss es ja wohl sein, da das erste Erlebnis mit formeller Kleidung so wenig erfreulich ausfiel. Das war zur Konfirmation. Zu diesem Anlass tragen Jungs ja oft zum ersten Mal Anzug – meist auf dem Höhepunkt ihrer Pubertät, was leider häufig mit linkischem Verhalten und Unsicherheit einhergeht. Nicht selten wird daraus eine so desaströse Erfahrung, dass viele danach denken: „Nie wieder, wenn ich nicht muss.“ Bei Bent Jensen war das anders, oder besser gesagt, er zog andere Konsequenzen daraus, seine Konfirmation in weißen Bundfaltenhosen und fliederfarbenem Seidenblouson überstehen zu müssen. Zumal da noch der Einfluss der Mods hinzukam, die schmale Anzüge tragen, Vespa fahren und Paul Weller hören. Einer von ihnen wohnte während Bents Jugend in der Flensburger Nachbarschaft.

Also machte er sich auf die Suche nach dem perfekten Anzug. Und stellte fest: In den alten Dingern fühlt man sich gut.

Der gebürtige Däne begann, Secondhand-Anzüge zu sammeln. Irgendwann waren es so viele, dass er sie gegen eine Monatspauschale vermietete. Die Geschäftsidee nannte er „offener Kleiderschrank“, bevor er Ende 1999 in Hamburg einen Laden mit seinen ersten eigenen Entwürfen eröffnete. Der schmale Schnitt des „Millennium-Modells“, es gab je 20 in Schwarz und Weiß, kam von seiner Schwester, einer Modedesignerin.

Das war der Anfang des Labels Herr von Eden: Anleihen aus den letzten 100 Jahren Anzuggeschichte vereint mit einer modernen Passform. 1000 Anzüge seien bestimmt durch seine Hände gegangen, sagt Bent Jensen. Er hat sie alle gesehen: Sportjacketts aus Tweed, Smokings aus den 20ern und Swinganzüge mit weiten Hosen aus den 40ern. Aber nie würde er ein Stück eins zu eins kopieren. Modern muss es sein, schließlich ist er ein Kind der 80er und 90er – einer Zeit, in der er es darum ging, immer schneller, höher, weiter zu kommen und dabei alles schön modern aussehen zu lassen.

Wobei das mit der Modernität beim Anzug so eine Sache ist: Schließlich gehört er zum automatisiertesten Kleidungsstück überhaupt. Viele Details des Anzugs haben so gar keine Funktion mehr, sie sind vielmehr Rudimente der Geschichte. Zum Beispiel das Revers, das man nicht hochschlagen kann, oder der rückwärtige Schlitz, durch den kein Kavaliersdegen mehr geführt wird. Und doch hat sich der Anzug seit Jahrzehnten nicht wesentlich verändert. Im Gegenteil, die letzte wirkliche Revolution in der Mode war jene, als Frauen anfingen Anzüge zu tragen.

Bei Herrn von Eden wird nun aus diesem Anzug eine Art Kunstobjekt. Die eigenartige Mischung aus Nostalgie, Neoklassik und Modernität lässt Jeansträger ihre Aversion gegen formelle Kleidung vergessen. Zumal die Anzüge solide verarbeitet und mit Preisen um die 300 bis 500 Euro durchaus erschwinglich sind. Die Leute sollen halt Spaß haben mit Herrn von Eden.

www.herrvoneden.com

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