Zeitung Heute : Mit Spitzengehalt "erfolgreich gescheitert

HANS-RAINER STRAHLENDORF

Zwölf-Stunden-Tage gehören für Reinhard W.zum Alltag - nicht selten auch an Wochenenden.Belohnt wird er dafür mit einer Spitzenposition in seinem Unternehmen und mit einem Jahresgehalt, von dem viele nur träumen können.Von seinen Freunden und Kollegen wird er als "Macher" bewundert, der alles im Leben erreicht hat.Er selbst sieht das ganz anders.Denn auf dem Weg dahin hat er seiner Meinung nach die Menschen verloren, für die er "das eigentlich alles getan hat" - und meint damit seine Familie.Reinhard W.sagt heute über sich selbst, er sei "erfolgreich gescheitert".

Inge W.hat die Kinder auf- und zu selbständigen Menschen erzogen.Sie hat ihre einst hoffnungsvolle Karriere für die Familie "geopfert" und ihren Ehemann auf dem Weg zur Karriere unterstützt.Sie meint heute resignierend "nichts im Leben erreicht zu haben".Mittlerweile sind Inge und Reinhard W.geschieden.Zwei Lebenswege, die so selten nicht sind.Experten schätzen, daß zirka 10 Prozent der Ehen in Deutschland zerbrechen, weil scheinbarer Erfolg nicht gemeinsamen Lebenszielen entspricht.

Was also ist Erfolg? Erfolg beginnt im Kopf, ist im wesentlichen Merkmal der individuellen Wahrnehmung und Bedeutungszuweisung.Würde man den Begriff "Erfolg" in einer Formel darstellen, sähe das etwa so aus: Erfolg = Lebensqualität + persönliche Entwicklung + Spaß.Erfolg ist also auch die Kunst der Ausgewogenheit von beruflicher Karriere und privatem Glück.Würden sich Männer einzig in der Rolle als "Versorger" definieren und mit einer Frau zusammenleben, die sich einzig in der Rolle der "Familienmanagerin" wohlfühlte, gäbe es mit der Erfolgsdefinition kein Problem.Die Realität sieht allerdings anders aus.

Männer sind heute weit vom Chauvi-Verhalten ihrer Großväter entfernt, halten aber in der Mehrzahl an traditionellen Rollenbildern fest.Auch wenn Männer heute verbal Veränderungswilligkeit in puncto Gleichberechtigung betonen, zeigt ihr Verhalten, daß sie ein neues Rollenbild noch nicht verinnerlicht haben.

Frauen fordern mehr Gleichberechtigung, behindern sich aber in der Realität oft durch Mehrfachprioritäten, mangelnde Zielorientierung und die Bereitschaft zur vorschnellen Anpassung."Vielleicht sind es die Frauen selbst, die die traditionellen Rollenbilder manifestieren", sagt Liana Schirra-Weirich, Autorin des Buches "Karriere versus Familie"."Die Frauen glauben nicht an Veränderungen ihrer Partner, oder sie wollen sie nicht", sagt die Autorin.

Wer hier ernsthaft etwas verändern will, muß sich nicht primär um Frauenquoten oder ähnliches bemühen, sondern Frauen konkret bei der persönlichen Entwicklung unterstützen.Insbesondere müssen Frauen in diesem Zusammenhang lernen, aus ihren Mehrfachprioritäten klare Ziele für sich abzuleiten und diese in eine konkrete Entwicklungsplanung umzusetzen.

Da die Spielregeln im Berufsleben oft anders sind als die, nach denen Frauen erzogen wurden, brauchen sie insbesondere konkrete Unterstützung im Bereich ihres Selbstwertgefühls und in der kommunikativen Selbstdarstellung."Ich wußte gar nicht, daß ich mich so bescheiden präsentiere und das meine Nachdenklichkeit auf andere als Unsicherheit wirkt", sagte Heike F., Teilnehmerin eines Partnerseminars.

Führungskräfte, die nicht auf der Reservebank landen wollen, sind im Beruf kreativ und innovativ, spätestens einmal im Monat wollen sie antizipativ das gesamte Unternehmen neu organisieren, ständig glänzen sie mit neuen Ideen, gleichen Interessen aus, lösen Konflikte, motivieren ihre Mitarbeiter, setzen neue Ziele, planen und organisieren den Erfolg, entscheiden und kontrollieren.Sie entwickeln Visionen, kommunizieren, kooperieren und sind teamfähig ...Aber, werden diese Kompetenzen und das Engagement auch in das Unternehmen Familie eingebracht?

Als "Schutzimpfung gegen die Scheidung" muß Frauen und Männern deshalb frühzeitig deutlich gemacht werden, welche Probleme im Unternehmen Familie auftreten können, wenn die Ziele nicht gemeinsam klar definiert werden und so die Konfliktpotentiale nur verschoben werden.

Die Ergebnisse von Partnerseminaren sind beeindruckend: vielfach erkennen sich Partner, die seit vielen Jahren zusammenleben nicht wieder."Wir haben uns wohl im Alltagsleben aus den Augen verloren, niemals habe ich so konsequent über mein Leben nachgedacht, eigentlich habe ich mir meine Ziele nie deutlich gemacht, selten konnten wir bisher so konfliktfrei über ernsthafte Probleme reden," lauteten die häufigsten Aussagen der Teilnehmer.

Das Geheimnis des Erfolges hat Henry Ford so formuliert: Es komme darauf an, den Standpunkt des anderen zuverstehen und die Dinge mit seinen Augen zubetrachten.Das ist genau der Bereich, der unter dem Stichwort Sozialkompetenz heute von Führungskräften verlangt wird.Nur darf sich diese Sozialkompetenz eben nicht nur auf den Beruf beziehen, wenn man erfolgreich sein will.Erfolg hat am Ende nur der, der seine Werte kennt, seine Prioritäten danach ausrichtet, sich klare Ziele setzt und diese mit seinem Partner vereinbart.

Der Autor ist Professor für Führungslehre an der FHVR Berlin und Projektmanager für Führungskräftetraining beim Institut für Wissenstransfer in Wirtschaft und Verwaltung (IWVR).1999 finden zwei Seminare zum Thema "Erfolgsplanung" statt (Infos unter t 90 21 -41 44 oder 90 21 -43 49).

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