Zeitung Heute : Mit Stärke und Engagement

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Bush hat im Gegensatz dazu am Anfang seiner Präsidentschaft wenig getan, um sich seinen Verbündeten anzunähern. Er hat weite Teile der Welt glauben lassen, dass er am liebsten nach Texas fährt. Kerry würde nie sagen, ,entweder ihr seid mit uns oder ihr seid gegen uns‘, weil er weiß, dass das zu einfach ist, so sehr es auch manchen Amerikanern gefällt. Letzten Endes ist es selbstzerstörerisch,“ sagt Richard Holbrooke, ein Berater Kerrys.

Kerry wird sich bei Differenzen weniger auf ein System von Treuepflicht und Strafe konzentrieren, sondern auf Zusammenarbeit. Seine Berater glauben, dass Kerry durch Gesten einen Neubeginn signalisieren kann, zum Beispiel durch die Bereitschaft die Bündnispartner anzuhören, Sensibilität für Klimaänderung, Besorgnis über den Status der Gefangenen in Guantanamo oder mehr Engagement für den Israel-Palästina-Konflikt.

Aber der Gedanke an ein Allheilmittel scheint weit hergeholt. Eine Kerry-Regierung müsste auf Grund der unterschiedlichen Bedrohungswahrnehmungen in Europa und den USA, sowie der erdrückenden militärischen, politischen und wirtschaftlichen Überlegenheit, mit Unmut rechnen. „Kerry träumt, wenn er glaubt, dass er Amerika populär machen kann,“ sagt Max Boot vom Council on Foreign Relations. „Die Franzosen haben Amerika schon unter Clinton ,Hyperpower‘ genannt.“ Alexandre Adler, ein französischer Außenpolitikexperte, sagt: „Irgendwie hat Europa nicht mit einem bestimmten Präsidenten, sondern mit den USA insgesamt ein Problem. Und da Michael Moore wohl nicht in absehbarer Zeit gewählt wird, wird das auch so bleiben.“

Offen gesagt, ein ungeteiltes Europa ist nicht ausreichend von drohenden Gefahren überzeugt, um die Budgets für Verteidigung und Geheimdienst wesentlich zu erhöhen. Die Bürde, die Welt zu verteidigen, sollten sich Terroristen Massenvernichtungswaffen beschaffen, wird deshalb auf den USA lasten. Das Risiko ist groß: ein Angriff, schlimmer als die Zerstörung des World Trade Center in New York. Kein amerikanischer Präsident kann darüber hinweg sehen, und Frustration über die europäische Einstellung ist kaum vermeidbar.

Die Flitterwochen einer Kerry-Regierung könnten kurz sein. Wenn er schon nicht geliebt wird, so scheint Kerry doch entschlossen, nicht ungeliebt zu sein. Seine außenpolitische Antwort auf die Todesdrohungen gegenüber den USA ist Teil eines Programms für eine breite Wählerschaft.

Es gibt Elemente der Realpolitik: ein „Nein“ zur dringenden Demokratieförderung in Pakistan, wenn die Sicherheit in den USA andere Prioritäten erfordert. Es gibt Elemente von Wilsons Idealismus: den Versuch, amerikanische Werte im Nahen Osten zu stärken. Die starke Bindung zu internationalen Institutionen ist gepaart mit der Bereitschaft, im Extremfall allein vorzugehen. Der Gaube an militärische Gewalt ist stark.

Die Ereignisse werden natürlich bestimmen, welche dieser Elemente am wichtigsten sind. Auch der Charakter spielt eine große Rolle. Präsident Bush zeigte sich bereit zu pokern, seinen Instinkten zu folgen und zu vertrauen, dass sein Glauben und seine Überzeugung vom Richtigen die Oberhand haben werden.

Bill Clinton hat neulich seine Meinung über Kerry mitgeteilt. „In wechselhaften Zeiten hat er zwei wichtige Vorzüge: unstillbare Neugier, die Welt um sich herum zu verstehen, den Willen, andere Ansichten anzuhören, selbst jene Meinungen, die er nicht teilt.

Deshalb wird John Kerry Entscheidungen treffen, die von Überzeugung sowie Verstand geprägt sind.“

Diese Worte können eher Aufschluss über eine mögliche Außenpolitik Kerrys geben als ein ausgefeiltes Programm. Weil die Europäer der Ansicht sind, dass Neugier und Verstand unter Bush zu kurz gekommen sind, werden sie sich nach einer Wahl Kerrys erleichtert fühlen. Doch dann werden die unvermeidlichen Unstimmigkeiten einer Welt, die Amerikaner und Europäer mit unterschiedlichen Augen sehen, beginnen.

Roger Cohen ist Sonderkorrespondent für Europa der „New York Times“

Aus dem Amerikanischen von Ingrid Müller

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