Zeitung Heute : Mit Steinen reden

Brigitte Grunert

Wie eine Rentnerin die Stadt erleben kann

Auf einer lärmenden Autostraße wie der Leipziger fährt man glatt an der Stadtgeschichte vorbei. Aber einer auswärtigen Freundin zuliebe stieg ich neulich aus. Der Kontrast zwischen den Hochhäusern und einer barocken halbrunden Säulenhalle hatte es ihr angetan. Ach, die Spittelkolonnaden, die kennen wir doch als alte Berliner. Oder? Du liebe Güte, warum nur wirkt das Kleinod so mitgenommen? Tauben und Graffiti-Sprayer haben es tüchtig bekleckert. Auf einer Tafel lasen wir: „1776 nach Plänen von Carl von Gontard erbaut. Im faschistischen Raub- und Eroberungskrieg zerstört. 1979 von der Arbeiter- und Bauernmacht wiedererrichtet.“ Na ja, typisch DDR.

Doch wenn die Steine erst anfangen zu sprechen, hören sie nicht mehr auf. Sie erzählen, wie die Stadt mit ihren Kleinodien umgeht (und umging). Früher standen die Spittelkolonnaden nicht hier, wo einmal der Dönhoffplatz war, sondern am Spittelmarkt, und es waren zwei Säulenhallen mit Läden dahinter. Die eine wurde 1929 einem Geschäftshaus geopfert, die andere im Krieg zerstört. Rekonstruiert wurde nur eine, aber immerhin. Die Meilensäule davor, ebenfalls eine Rekonstruktion von 1979, kam allerdings an ihrem Stammplatz zu Ehren. Sie zeigte seit 1730 am Dönhoffplatz die Entfernung bis Potsdam an und wurde schon 1870 abgeräumt. Was den Spittelmarkt betrifft: 1881 riss man – aus Verkehrsgründen – die Gertraudenkapelle und das Gertraudenspital aus dem Mittelalter ab, die dem Platz den Namen gaben. Der Altar der Kapelle ziert übrigens seit 1956 die Dorfkirche in Lübars.

Zurück zu Gontard. Er hat uns ja auch Bauten wie das Brandenburger Tor und den Französischen und den Deutschen Dom am Gendarmenmarkt hinterlassen. Und die einst prächtigen Königskolonnaden. Die standen 1910 der Stadtbahn am Alexanderplatz im Wege, erhielten aber eine Bleibe am Eingang des gerade eröffneten Heinrich-von Kleist-Parks in Schöneberg, Potsdamer Straße, vormals Botanischer Garten. Beängstigend altersschwach, wie sie sind, werden sie endlich restauriert.

Wie faszinierend die Steine doch reden können. Und wie schön, dass man nicht auslernt.

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