Zeitung Heute : Mit Talenten wuchern

In Berlin werden dem mathematischen Nachwuchs einzigartige Möglichkeiten geboten

Günter M. Ziegler

Geld allein macht nicht unglücklich: Dieses Motto wurde in meinem Elternhaus gern zitiert, auch mit Bezug auf meinen Vater, der 35 Jahre in der Steuerabteilung eines großen Münchener Versicherungskonzerns gearbeitet hat. Meine drei jüngeren Brüder sind auch in der Finanzwelt gelandet. Nur ich schlage aus der Reihe: als Mathematiker und Professor an der TU Berlin. Mathematik galt und gilt ja als brotlose Kunst. Man braucht eben nicht mehr als Papier und Bleistift, um Ideen zu entwickeln, dazu Konzentration und gelegentlich Sitzfleisch. Die Gedanken und Phantasien des Mathematikers sind nicht von großen Apparaten, Maschinen und Labors abhängig.

Früher war das Fach tatsächlich eine brotlose Kunst. Einer der brillantesten Mathematiker aller Zeiten war der Norweger Niels Hendrik Abel (1802-1829). Sein kurzes Leben war von Armut geprägt. Er starb mit 26 Jahren an Unterernährung und Tuberkulose – drei Tage, bevor ihn der Ruf auf eine Professur an der damals noch jungen Berliner Universität erreichte. Seitdem haben sich die Zeiten gründlich geändert. Zur Mathematik gehören heute nicht nur Bleistift und Radiergummis, sondern auch Computer, große und sehr teure Bibliotheken, Geld für Gäste, Reisen und Kongresse. Sie ist nicht mehr die billige Wissenschaft von einst. Ihre Erkenntnisse schlagen inzwischen fast überall zu Buche: in der Finanzwelt, im Transportwesen, in der Technik und in der Medizin. Deshalb sind auch Mathematiker gefragt: Die arbeitslosen Mathematiker unter 35 in Deutschland passen zusammen in einen Bus. Unsere Absolventen kommen bei Banken unter, bei Versicherungen, bei Unternehmensberatungen oder in der Softwareindustrie. Oder sie bleiben an der Universität, wie ich.

Und auch Berlin hat sich seit der Zeit Abels herausgemacht: Das Forschungszentrum Matheon „Mathematik für Schlüsseltechnologien“, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hier ins Leben gerufen hat, strahlt weit über die Grenzen des Landes hinaus. Im Matheon haben sich die Mathematiker der drei großen Berliner Universitäten, das Konrad-Zuse-Zentrum für Informationstechnik und das Weierstrass-Institut für Angewandte Analysis und Stochastik zusammengetan. Jedes Jahr fördert die DFG das Projekt von 42 Professoren und mehr als 150 Mitarbeitern mit mehr als fünf Millionen Euro. Auch deshalb gilt heute mehr denn je: Die Berufung auf eine Mathematik-Professur in Berlin ist eine tolle Sache. So finden sich beispielsweise an der TU Berlin der Russe Alexander I. Bobenko, der faszinierende Konstruktionsmethoden für Kreismuster entwickelt, und der Amerikaner John M. Sullivan, ein Spezialist für die Darstellung komplizierter Geometrien im Computer.

Doch Geld allein genügt nicht. Es kommt vor allem darauf an, Talente zu fördern. Berlin zieht Mathematikstudenten aus aller Welt an, und will das noch sehr viel mehr tun. Die Mathematikerinnen und Mathematiker der drei Berliner Universitäten sind deshalb im Exzellenzwettbewerb des Bundes und der Länder gemeinsam angetreten, um eine international sichtbare Talentschmiede für herausragende Mathematiker zu gründen. Die „Berlin Mathematical School“ hat die Vorrunde des Wettbewerbs mit Bravour bestanden. Am 20. April wurde die ausführliche Version des Antrags bei der DFG eingereicht, 180 Seiten stark.

Schon im Herbst dieses Jahres soll ein neues Studienprogramm beginnen, das vierzig Studentinnen und Studenten pro Jahrgang direkt auf das Mitmachen bei den vielfältigen Projekten und Möglichkeiten der Berliner mathematischen Forschung vorbereitet: Die Mathematiker der Freien Universität, der Humboldt-Universität und der TU Berlin bieten ihnen gemeinsam ein Vorlesungsprogramm auf Englisch, das vom Vordiplom oder Bachelor direkt zur Promotionszulassung führt. Danach folgt die Doktorarbeit in einem der Berliner mathematischen Graduiertenkollegs, Institute und Forschungsprojekte, begleitet durch Vorträge, Seminare, Kolloquien und Workshops. Ein eigenes Studienbüro wird sich individuell um die Studenten der Berlin Mathematical School kümmern, die Mentoren und Professoren werden die Studenten umfassend betreuen. Gut bemessene Stipendien runden das Angebot ab. Ganz ohne Geld ist so ein ambitioniertes Projekt natürlich nicht zu machen: Es soll rund 1,2 Millionen Euro im Jahr kosten. Der Antrag an die DFG ist auf fünf plus fünf Jahre angelegt. Danach übernehmen die Universitäten die Finanzierung.

Doch Geld allein erzeugt keine Exzellenz: Die Hauptarbeit wird sein, mit den Studentinnen und Studenten aus aller Welt an ihren individuellen Stärken zu arbeiten, ihre besonderen mathematischen Begabungen und Talente zu erkennen und gezielt zu entwickeln. Dafür gibt es kein Schema, auch keine Formeln. Man kann Talente mit Geld und Ressourcen unterstützen, kaufen kann man sie nicht – das gilt übrigens für Studierende genauso wie für Professoren.

Die besondere Stärke der Berliner Mathematik liegt in der Zusammenarbeit über die Grenzen von Instituten und Fächern hinweg: Die „Berlin Mathematical School“ ist wie das Matheon ein gemeinsames Projekt aller drei Berliner Universitäten, und kombiniert mathematische Stärken, Ressourcen, ihr Know-how und ihr Engagement. Auch das ist mit Geld nicht aufzuwiegen.

Niels Hendrik Abel kannte so viel Kooperation überhaupt nicht. Er hat zeitlebens allein gearbeitet. Und wenn wir schon vom Geld reden: Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Norwegische Akademie der Wissenschaften seit 2003 jährlich eine Art Nobelpreis für Mathematik vergibt, der nach Abel benannt – und mit sehr viel Geld ausgestattet ist: sechs Millionen norwegische Kronen. Das sind rund 750 000 Euro.

Der Autor ist Professor an der TU Berlin, Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung und designierter Sprecher der „Berlin Mathematical School“.

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