Zeitung Heute : Mit und ohne Dreispitz

Militärischer Stratege oder intellektueller Kopf – Typologie der überlieferten Bildnisse Friedrichs II.

Leonore Koschnick

Friedrich der Große saß Künstlern nur ungern Modell, während er sich anderweitig durchaus in Szene zu setzen wusste. Die zu Lebzeiten entstandenen Staatsporträts des jungen Monarchen und Bildnisse des gealterten Königs waren in ihrer Variationsbreite überschaubar. Die Gemälde von Antoine Pesne und Heinrich Franke wurden wegen der großen Nachfrage bereits im 18. Jahrhundert vielfach kopiert. Nach dem Tod des Preußenkönigs lieferte vor allem Daniel Chodowiecki die kleinformatigen Illustrationen zu den anekdotischen Erzählungen, die über den Verstorbenen veröffentlicht wurden. Chodowiecki schuf dabei einige Darstellungen, die uns bis heute vertraut sind und die von Künstlern wie Adolph Menzel und Lovis Corinth übernommen und weiterentwickelt wurden. Man könnte von einer Typologie der Darstellungen Friedrichs des Großen mit teils mythologischer Bedeutung sprechen. Dazu gehören vor allem das Porträt in Uniform mit Dreispitz, das Reiterbildnis, das Porträt ohne Dreispitz, die Rückenansicht und die Totenmaske.

Große Popularität bei den Anhängern Friedrichs genoss stets die blaue Interimsuniform mit Dreispitz, wie sie der König in seinen letzten Jahren getragen hatte: Zuerst sorgte der Maler Heinrich Franke dafür, dass diese königliche Kleidung allseits bekannt wurde. Seine Porträts des Monarchen, kurz nach dem Siebenjährigen Krieg in höherer Auflage gemalt, untermauerten die Berichte von Zeitzeugen, dass der „Alte Fritz“ immer weniger Wert auf seine äußere Erscheinung legte, dass er sich aber weiterhin mit seinen Soldaten eng verbunden fühlte.

Die original erhaltenen Uniformen wurden nach dem Tod Friedrichs zu gefragten Sammlerstücken und erreichten zusehends Kultstatus. 1913 freuten sich die Mitarbeiter des Berliner Zeughauses über den Erwerb einer Originaluniform Friedrichs für das Zeughaus-Museum. 1921 verewigte Lovis Corinth das Kostüm in einer Lithografie. So wurde dieses „Bildnis“ des preußischen Königs zu einer bis heute populären Ikone.

Das Reiterbildnis des „Alten Fritz“ – 1772 erstmals von Daniel Chodowiecki als Gouache gemalt – symbolisierte den unermüdlich um Armee und Untertanen besorgten Landesvater. Er galt als schrullig und liebenswert und wurde unter anderem in kleineren Bildhauerarbeiten, in den Illustrationen von Adolph Menzel, den Grafiken Lovis Corinths sowie in der unpolitischen Werbung verewigt.

Das von Christian Daniel Rauch entworfene, 1851 in Berlin enthüllte Reiterstandbild verkörperte dagegen den preußischen Helden und Staatsmann – sowohl den militärischen Führer als auch den Intellektuellen, den Künstler und den Bauherrn. Wenn Preußen in der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Grund zum Feiern hatte, fanden die Jubelkundgebungen an diesem Denkmal statt. Nachdem der Alliierte Kontrollrat 1947 die Auflösung Preußens angeordnet hatte, musste 1950 auch das Denkmal weichen. Die Darstellung Friedrichs in Uniform, aber ohne seinen Dreispitz, symbolisierte den intellektuellen Denker und Künstler. Dieses Bild malte Anton Graff 1781, als der König 69 Jahre alt war. Immer wieder forderte dieses Porträt die nachfolgenden Generationen der Friedrich-Verehrer zu Interpretationen heraus. Sie glaubten, darin die Vielschichtigkeit von Friedrichs Charakter wiederzufinden: die mentalen Stärken wie auch die Selbstzweifel. Adolf Hitler erwarb 1934 eine zweite Fassung des Gemäldes und ließ es in seinem privaten Wohnbereich in der Alten Reichskanzlei in Berlin aufhängen. 1986 schuf Andy Warhol eine Serigrafie nach dem Bildnis von Anton Graff.

Die Rückenansicht Friedrichs des Großen erlangte zwar bei weitem nicht die Popularität des Porträts von Anton Graff, dafür findet sie sich häufiger in den Illustrationen zum Leben des Königs wieder: Daniel Chodowiecki verdeutlichte auf diese Art die Einsamkeit des Monarchen. Adolph Menzel wollte mit dem inmitten der Untertanen skizzierten Rückenbildnis die Fürsorge, aber auch die Distanz des Königs zum Volk aufzeigen. Die kommerzielle Werbung und die politische Propaganda der Nationalsozialisten benutzen später die von Menzel geschaffene Rückenansicht mit seitlichem Profil für ihre Zwecke (Siehe Plakat „Friedrichs Bräu“ Seite B1).

Die Totenmaske Friedrichs II., am 17. August 1786 von dem Bildhauer Johannes Eckstein abgenommen und in mehreren Fassungen in Wachs ausmodelliert, symbolisierte zunächst das Ende einer Epoche. Entsprechend verwendete Adolph Menzel das Motiv in seinen Buchillustrationen. Im Vorfeld des Ersten und des Zweiten Weltkriegs erlebte das Antlitz des Toten eine Renaissance: als Motiv für ein Theaterplakat und als Vorlage für eine Büste, die der Bildhauer Wolfgang Kronsbein für die Porzellanmanufaktur Meißen modellierte. Daraufhin verwendete auch die sowjetische Kriegspropaganda das gespenstische Bildnis für ihre Zwecke.

Nach 1945 wurde die Totenmaske zu einem Symbol für die schuldhafte Verstrickung Friedrichs in den Untergang Preußens: Auf dem 1987 entstandenen Gemälde „Preußische Pieta“ von Wolfgang Petrick schwebt der markante Kopf des Toten über der geteilten Stadt Berlin.

Die Autorin ist Sammlungsleiterin im Deutschen Historischen Museum und Kuratorin der Ausstellung.

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