Zeitung Heute : „Mit Verboten kommt man nicht weiter“ Gesundheitsexpertin Pott über Raucherecken und Prävention

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ELISABETH POTT

ist Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln, die sich mit der Gesundheits

erziehung und -förderung

beschäftigt.

Foto: R/D

Frau Pott, tut die Politik genug, um Kinder und Jugendliche vor Zigarettenqualm zu schützen?

Wenn wir Kinder und Jugendliche ansprechen wollen, müssen wir uns zuerst mit der Frage befassen: Wie sieht es bei den Erwachsenen aus? Eltern sind Vorbilder, die mit ihrem Verhalten großen Einfluss auf das Verhalten der Kinder haben. Wir dürfen nicht den Eindruck entstehen lassen, Rauchen sei nur für Jugendliche gesundheitsschädlich. Rauchen ist in dieser Gesellschaft generell akzeptiert und verbreitet. Das muss sich ändern, weil es bedeutet: In der Wohnung müssen die Kinder mitrauchen. Das ist nicht nur eine Belästigung, sondern schädlich.

Könnten wir es uns leisten, wenn ein ganzer Industriezweig, die Tabakindustrie, nach und nach verschwinden würde?

Damit ein Wirtschaftszweig boomt, müssen die Leute sterben? Das kann nicht sein.

Das Deutsche Kinderhilfswerk und die Drogenbeauftragte der Bundesregierung fordern ein Rauchverbot an Schulen. Stimmen Sie zu?

Generell ja. Die Arbeitsstätten-Verordnung besagt schließlich, dass jeder das Recht auf einen rauchfreien Arbeitsplatz hat. Das gilt auch für Schulen. Ich glaube jedoch, dass man mit einem Verbot von Raucherecken nicht weiter kommt. Vielmehr sollte man es begleiten durch Aufklärung, damit sich die Kinder und Jugendlichen darüber klar werden, was sie sich und anderen damit antun. Es sollte auch darauf geachtet werden, dass den jungen Rauchern Hilfen angeboten werden, die den Ausstieg aus der Droge Nikotin erleichtern. Wir haben extra Leitfäden für Schulen entwickelt. Mit einem generellen Rauchverbot kann man keine rauchfreie Schule schaffen. Das Bewusstsein gilt es zu verändern.

In den 70er und 80er Jahren haben Sie ausschließlich auf Abschreckung gesetzt. Viele erinnern sich noch an die Bilder von amputierten Raucherbeinen. Arbeiten Sie immer noch mit Abschreckung?

Damals haben wir tatsächlich noch auf Abschreckung gesetzt. Das hat den Hintergrund, dass Jugendliche oft nicht daran denken, was ihnen später einmal blühen könnte. Die Konsequenzen des Rauchens sind für sie gefühlsmäßig in weiter Ferne. Bronchialkrebs ist jedoch eine furchtbare Erkrankung , und wir müssen über die Schadstoffe informieren. Inzwischen thematisierten wir aber auch das Rauchverhalten. Es gibt nie nur eine Maßnahme. Man darf weder die Lebenssituation noch die individuelle Motivation der Jugendlichen vergessen.

Der „Ärztliche Arbeitskreis Rauchen und Gesundheit“ hat die Anzeigen kritisiert, die Sie in Jugendmedien schalten. Es heißt, die würden mit der Kampagne erst recht zum Rauchen verführen.

Wir haben bewusst Motive, die an Klischees anknüpfen. „Raucher haben Kontakt“ lautet der Slogan. Und darunter sind kleiner die Gifte aufgeführt, die man beim Rauchen aufnimmt. Wer sich nicht oft mit Kommunikation befasst, kann das missverstehen. Erwachsene begreifen es oft nicht: Um Jugendliche zu erreichen, sind unkonventionelle Mittel erlaubt.

Das Gespräch führte Esther Kogelboom.

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