Zeitung Heute : Mit vereinten Kräften

Die Menschen an Elbe und Mulde stemmen sich gegen die Wasserfluten. Tausende Helfer packen in ganz Ostdeutschland mit an. Aber die Arbeit ist meistens vergebens – so stark ist die Naturgewalt. Ein Überblick.

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DRESDEN: Nach den verheerenden Überschwemmungen in Dresden haben die Behörden am Samstagnachmittag erstmals leicht sinkende Pegelstände der Elbe verzeichnet. Nach Angaben des sächsischen Innenministeriums ging die Fluthöhe auf 9,34 Meter zurück; in den Stunden zuvor waren stagnierende Wasserstände zwischen 9,39 und 9,40 Meter gemessen worden. Spezialkräfte der Polizei sprengten am Samstag eine führerlose Fähre. Das Schiff sei vor der Elbbrücke „Blaues Wunder“ versenkt worden, teilte der Krisenbstab mit. Bisher starben in Sachsen mindestens elf Menschen, 108 wurden verletzt, 27 Personen werden noch vermisst. Ein 56 Jahre alter Mann ertrank am späten Freitagabend in Dresden. Er war noch einmal in seinen Keller zurückgegangen. In Wilsdruff ertrank am Donnerstag ein Mann im Fluss Wilde Sau. Am Montag ertrank ein 35-jähriger Feuerwehrmann, als er Flutopfer bergen wollte.

BITTERFELD: In Bitterfeld stieg das Hochwasser am Samstag in großen Teilen der Stadt weiter an. Stellenweise stehe die Flut schon bis zu zwei Metern hoch, sagte Landrat Uwe Schulze (CDU) am Mittag. Dennoch werde weiter versucht, gegen das Hochwasser anzukämpfen. Am Samstagabend stabilisierte sich der Wasserstand überraschend, da der Damm, der die Innenstadt schützen soll, den Fluten stand hielt. Mittlerweile habe das Hochwasser in der Region um Bitterfeld eine Fläche von rund 100 Quadratkilometern erfasst, sagte Schulze. Indessen haben sich Tausende in Greppin eingefunden, um den Deich hier zu verstärken. Sollte der Damm an dieser Stelle brechen, würde ein Teil des Chemieparks Bitterfeld unter Wasser gesetzt. Im Umland lief die Rettung von 30 000 Menschen an.

GRIMMA: Trotz der verheerenden Zerstörungen durch das Hochwasser im sächsischen Grimma und den umliegenden Orten läuft die Entsorgung der Trümmerberge gut an. Es gebe genug Fahrzeuge und Helfer, sagte der Landrat des Muldetalkreises, Gerhard Gey. Die Firmen sind rund um die Uhr im Einsatz, im Kreis Delitzsch boten Entsorgungsunternehmen aus dem ganzen Bundesgebiet ihre Dienste an. Tierkadaver sowie leicht verderbliche Stoffe wie Fleisch, Obst und Gemüse wurden als erstes abtransportiert, sagte Gey. Damit sei die Seuchengefahr gebannt. Allein in Grimma sind 30 Häuser eingestürzt, im ganzen Muldetalkreis hat die Flut 1500 Gebäude beschädigt.

TORGAU: In Torgau stieg die Elbe weiter an. Am Samstagnachmittag wurden dort 9,24 Meter gemessen, 30 Zentimeter mehr als am Morgen. 15 000 der insgesamt 19 000 Einwohner waren bereits ausquartiert.

RIESA: Am Samstagvormittag war in der Nähe der sächsischen Stadt Riesa eine Eisenbahnbrücke zusammengebrochen. Das Viadukt hatte nach einer Mitteilung des Landkreises Riesa-Großenhain den Wassermassen nicht mehr Stand gehalten. Der Interregio von Berlin über Riesa nach Chemnitz wurde eingestellt.

STENDAL: Das Elbe-Hochwasser erreicht das nördliche Sachsen-Anhalt. Im Landkreis Stendal sind die ersten Ortschaften überflutet, wie der Katastrophenschutzstab mitteilte. Die Einwohner von Werder und Scharpenlohe wurden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Gefährdet sind die Stadt Tangerhütte sowie sieben weitere Gemeinden.

REGION MÜGLITZTAL: Zwischen den Orten Glashütte und Heidenau hat es schwere Zerstörungen gegeben. „Wir sind von der Landkarte verschwunden“, sagt eine junge Frau an der Bahnstation von Burkardswalde-Maxen. Die Gleise auf der Strecke nach Altenberg sind unterspült und liegen schräg. Von Weesenstein selbst blieb außer dem Schloss nicht viel übrig. Seit Tagen wird der Ort überwiegend aus der Luft versorgt. „Glashütte ist weg, Schlottwitz ist weg, Weesenstein ist weg“, beschreibt ein Mann aus Dohna die gespenstisch wirkende Landschaft. Die genaue Katastrophenbilanz ist auch Tage später noch nicht zu ermitteln. Der Katastrophenstab im Weißeritzkreis spricht von drei Toten und 14 Verletzten. Sechs Menschen werden noch vermisst.

DESSAU: In der Bauhaus-Stadt Dessau, wo Elbe und Mulde zusammenfließen, zeichnete sich nur vorübergehend eine Entspannung ab. Nach Auskunft des örtlichen Krisenstabes soll das Wasser bis Montag erneut auf 7,20 ansteigen. Am Samstag stand der Pegel noch bei 6,70 Meter.

WITTENBERG: Wegen Überschwemmungen im Gebiet um die Lutherstadt Wittenberg hat die Deutsche Bahn den IC-Verkehr zwischen Leipzig und Berlin eingestellt. Betroffen sei die Fernverkehrsstrecke von München über Berlin nach Hamburg, teilte ein Bahn-Sprecher mit. Auf der Strecke zwischen Leipzig und Dresden wurde demnach der Bahnverkehr unterdessen komplett eingestellt. Nach den schweren Überschwemmungen verkehrte dort bislang noch ein Pendelzug. Die Einsatzkräfte haben die Deichsicherung nahe der Elbauen-Gemeinde Mauken (Landkreis Wittenberg) aufgegeben. Mit einem Dammbruch sei zu rechnen, hieß es. Damit bestehe zugleich für zehn weitere Dörfer entlang der Elbe akute Hochwassergefahr. Die Menschen wurden aufgefordert ihre Wohnungen zu verlassen.

MÜHLBERG: Das Elbe-Hochwasser hat Samstagmittag die knapp zehn Meter hohe Deichkrone bei Mühlberg in Brandenburg erreicht und überschritten. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) sagte, wegen der Deichüberflutung würden jetzt auch für Burxdorf und andere Orte die Evakuierung vorbereitet. Die Polizei begann damit, die etwa letzten 50 Leute aus Mühlberg in Sicherheit zu bringen. Diese waren bei der Evakuierung der Stadt in ihren Häusern geblieben. Auch im Umland begann die Evakuierung von sechs weiteren Ortsschaften.

MAGDEBURG: Die für Samstagabend geplante Evakuierung der östlich der Elbe gelegenen Stadtteile Magdeburgs, in denen rund 20 000 Menschen leben, ist vorerst ausgesetzt worden. Der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, Lutz Trümper, sagte, für eine Entwarnung sei es noch zu früh. Heute solle neu entschieden werden, ob geräumt werde müsse. Die Öffnung des Pretziener Wehrs, wodurch ein Teil der Elb-Wassermassen um Magdeburg umgeleitet worden sei, habe die Stadt bislang vor einer Katastrophe bewahrt. In Magdeburg sind 1500 Bundeswehrangehörige sowie Kräfte des Technischen Hilfswerkes und Freiwillige im Einsatz, um das Schlimmste zu verhindern. Ein zwölf Kilometer langer Deich östlich der Elbe wird um 70 Zentimeter erhöht. Weitere Sandverbaue entstehen im Hafengelände und Industriegebiet Rothensee. Der Zoologische Garten bereitete den Schutz der Tiere vor und errichtete so genannte Fluchthügel in den einzelnen Gehegen. Etliche Tiere sollen zeitweiligen in umliegende Zoos, so in Hannover und Berlin, evakuiert werden.

LUDWIGSLUST: Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Gottfried Timm (SPD) hat die Einwohner der elbnahen Gebiete im Landkreis Ludwigslust aufgefordert, ihr Eigentum zu sichern. Sie sollten ihre Habseligkeiten in die oberen Stockwerke der Häuser bringen und sich darauf vorbereiten, ihre Gemeinden verlassen zu müssen, sagte der Minister. Er rechne damit, dass schlimmstenfalls 30 000 Einwohner von einer Evakuierung betroffen sein könnten. Steige der Pegel der Elbe von derzeit 3,70 Meter auf mehr als sieben Meter an, würden große Flächen überflutet. In Mecklenburg-Vorpommern seien vor allem Boizenburg und umliegende Gemeinden betroffen.

LÜNEBURG: Auch in Niedersachsen sind die Vorbereitungen auf das in der nächsten Woche erwartete Elbe- Hochwasser angelaufen. Im Amt Neuhaus (Landkreis Lüneburg) dichten zahlreiche Helfer den Deich mit Folien und Sandsäcken ab und erhöhen ihn. Am Montag sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Die erste Hochwasserwelle werde am Dienstag, eine zweite am Samstag erwartet. Im Amt Neuhaus auf der rechten Elbseite sind rund 6000 Menschen gefährdet. Tsp

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