Zeitung Heute : Mit viel Getöse

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Von Lutz Haverkamp

Die IG Chemie hat sich entschieden – für 3,6 Prozent mehr Lohn. Die IG Bau verhandelt noch, ebenso wie andere Branchen. Die IG Metall hat sich auch entscheiden – für Streik. Verhandlungen finden nicht mehr statt. Vorerst. Jetzt wird erstmals seit 1995 in der deutschen Metall- und Elektrobranche wieder gestreikt. Der Anfang ist gemacht, das Ende offen. Am Montag sollen 50 000 Beschäftigte in 21 baden-württembergischen Betrieben den Anfang machen. Ob und wann die Berliner und Brandenburger Kollegen folgen, ist offen. „Flexi“-Streik nennt das die IG Metall. 1995 hatten 22 000 Arbeitnehmer elf Tage lang die Arbeit niedergelegt.

Die Stimmung ist kämpferisch. „Die Verantwortung für die Zuspitzung des Tarifkonflikts tragen allein die Arbeitgeber“, sagte IG-Metall-Chef Klaus Zwickel nach der Entscheidung des Vorstandes am Donnerstag in Frankfurt. Und die Arbeitgeber konterten prompt: Zwar würden nicht bestreikte Unternehmen ihre Mitarbeiter nicht aussperren. Betriebe, die allerdings so stark behindert würden, dass sie nicht mehr funktionieren könnten, müssten schließen, schrieb Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser in einem offenen Brief an seine Unternehmerkollegen. Allerdings empfahl Kannegiesser auch, kein Personal abzubauen, wenn sich das finanziell vertreten ließe.

Zumindest ist der Gesprächsbedarf der IG Metall mit den Arbeitgebern vorerst gestillt. Denn bevor nicht die ersten Streikmaßnahmen über die Bühne gegangen sind, werden sich die Gewerkschafter auf keine neue Verhandlungsrunde einlassen, auf Schlichtung schon gar nicht. Die Fronten sind verhärtet. Wann die Arbeitgeber ein neues Angebot auf den Tisch legen und alle wieder am Verhandlungstisch sitzen, ist fraglich.

„Kräftiger Schluck“

Das letzte Angebot der Unternehmen hatte Lohnerhöhungen von 3,3 Prozent für 13 Monate sowie Einmalzahlungen von 190 Euro für die Monate März und April 2002 vorgesehen. Für sie selbst das Äußerste, was gesamtwirtschaftlich verantwortbar sei. „Wir haben uns schon bis auf die Haut ausgezogen“, sagte Kannegiesser. Für die IG Metall war das nicht mehr als ein schlichte „Provokation“. Die will nun einen „kräftigen Schluck aus der Pulle“ nehmen und die aus eigener Sicht moderaten Abschlüsse der vergangenen Jahre, die eben nicht zur Schaffung neuer Arbeitsplätze genutzt worden seien, vergessen machen. Eine Vier vor dem Komma müsse es schon sein. Die hat es auch in den letzten Jahren nicht mehr gegeben. Ende 1995 betrug der Schluck aus der Pulle 3,6 Prozent, 1997 gerademal 1,5 und im letzten Jahr 2,1 Prozent.

Die Messlatte in der diesjährigen Tarifrunde hatte die Gewerkschaft Chemie vorgelegt. Die hatte sich fast geräuschlos mit den Unternehmen auf ein Gesamtvolumen von 3,6 Prozent für ihre Mitglieder geeinigt. Aber die allgemeine Erwartung – und Hoffnung –, dass die Metaller auf diesen Zug aufspringen, verflüchtigte sich schnell. Jetzt sind die Pflöcke eingeschlagen. Auf beiden Seiten. Während die Metaller einen Abschluss fordern, der deutlich über dem der Chemie liegen müsse, warnen die Arbeitgeber vor den wirtschaftlichen Folgen eines zu hohen Tarifabschlusses. Auch die Verhandlungen anderer Branchen stecken in der Sackgasse. Die IG Bauen-Umwelt-Agrar (Bau) erwartet heute zwar ein neues Angebot der Arbeitgeber, rechnet aber offen mit einem Scheitern. Aus Frust über die schleppenden Verhandlungen legten in Berlin gestern rund 250 Beschäftigte die Arbeit spontan nieder und nahmen an „Informationsveranstaltungen“ ihrer Gewerkschaft teil. Die Arbeitgeber wittern Rechtsbruch.

Machtkampf hinter den Kulissen

Dass es der IG Metall gar nicht um die Portemonnaies ihrer Mitglieder geht, ist offensichtlich auch mehr als ein hartnäckiges Gerücht. Denn hinter den Kulissen tobt ein Machtkampf um den künftigen Vorsitz. Das hat auch Kanzler Gerhard Schröder schon beklagt. Zudem verliert die Gewerkschaft dramatisch an Mitgliedern. Und jetzt sei halt die Zeit gekommen, um für die verbleibenden Mitglieder ein Signal zu setzen, munkeln Insider. Das Signal heißt Geld. Genau das, so wird auch der BDI-Vizepräsident Hans-Olaf Henkel nicht müde zu beteuern, sei die Ungerechtigkeit an der Tarifrunde. Den Gewerkschaften gehe es nicht um ihre gesellschaftliche Verantwortung und den Abbau der Arbeitslosigkeit, sondern nur um die Besitzstandswahrung ihrer Mitglieder.

Die Arbeitgeber haben vorsorglich schon mal ausgerechnet, was der ganze Streik kosten könnte, wenn am Ende 4,0 Prozent statt der bisher angebotenen 3,3 Prozent bezahlt würden. Bei den Unternehmen schlügen die 0,7 Prozent mit 1,5 Milliarden Euro zu Buche. Wenn das nicht über höhere Preise am Markt kompensiert werden könne, müssten 25 000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Auf der anderen Seite würde sich der monatliche Bruttoverdienst eines Arbeiters im Durchschnitt nur um 20,60 Euro erhöhen. „Angesichts einer Belastung mit Steuern und Sozialabgaben im Jahr 2002 von gut 50 Prozent bliebe gerade ein Nettoverdienst von zehn Euro“, heißt es in einem Papier von Gesamtmetall.

Solche Feinheiten werden am Montag aber erst einmal nicht zur Debatte stehen. Jetzt wird gestreikt. Am Ende der Prozedur steht eine Zahl irgendwo zwischen 3,3 und 6,5. Und Arbeitgeber wie Gewerkschafter werden vielleicht sagen, das hätte man auch eher haben können. Haben sie aber nicht.

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