Zeitung Heute : Mit viel Glück Fischotter entdecken

Claus-Dieter Steyer

"Lieber Groß Schauen als dumm gucken." Was sich wie ein Kalauer anhört, ist tatsächlich ein geflügeltes Wort in einer Brandenburger Region. In der Umgebung von Storkow, ohnehin mit Wasser reichlich gesegnet, breitet sich mit der Groß Schauener Seenkette eines der schönsten Naturschutzgebiete des Landes aus. Da lohnt sich durchaus ein längeres Schauen.

Schon Fontane rühmte die einsame Gegend in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" als einen "wenig gekannten Winkel, der nichtsdestoweniger seine Schönheit und seine Geschichte hat". An diese Einschätzung muss sich wohl der Tierfilmer Heinz Sielmann gehalten haben, als er vor einigen Wochen die gesamte Seenkette kaufte. Seine nach ihm benannte Stiftung machte für die 955 Hektar immerhin knapp 330 000 Euro locker, die in den Bundeshaushalt flossen. Er habe nie geglaubt, dass es noch so eine "intakte Welt" mitten in Europa gebe, meinte Sielmann ergriffen. "Sogar mein Lieblingstier, der Fischotter, fühlt sich hier sehr wohl. Er ist in Deutschland, ja sogar in Europa, nur noch an sehr wenigen, verborgenen Stellen zu finden", schwärmt der 84-Jährige.

Mit dem Kauf will er die einzigartige Seenkette in ihrem derzeitigen Zustand so gut wie möglich bewahren. Doch sperrt er damit auch die Ausflügler aus? Sielmann reagiert auf die Frage ausweichend. Gewiss brauche die Natur auch Erholungsgebiete. Die Menschen könnten aber auch weiterhin auf Erlebnistouren gehen.

Ein Wanderweg beginnt an der Fischerei Köllnitz, etwas außerhalb von Groß Schauen gelegen. Schon mindestens seit 1209 wird an dieser Stelle Fisch gefangen, wie eine Urkunde von Kaiser Otto IV. beweist. In einem kleinem Museum zwischen Restaurant, Hotel und Lagerhäusern der heutigen Fischerei ist nicht nur die Geschichte festgehalten. Allerlei Fanggerät aus uralten Zeiten steht neben präparierten Fischen. Ein Karpfen oder ein Aal dürften noch leicht zu erkennen sein. Da sieht es beim Zander, Hecht oder der Maräne schon anders aus.

"Der gesamte jährliche Fang von fünf bis sechs Tonnen landet in der Küche der Fischerstuben oder im Hofladen", sagt Holger Rölke vom Fischereibetrieb. Er selbst habe die Kontakte zu Heinz Sielmann geknüpft, um die Existenz der Firma auch künftig zu sichern. "Ein anderer Käufer hätte die Seen vielleicht nach seinen Interessen genutzt und so den Fischreichtum gemindert. Immerhin reproduzieren sich jetzt bis auf Karpfen und Aal alle Arten selbst, es wird also kein zusätzliches Futter in den See geschüttet", erzählt Wilke. Wegen des geringen Wasserstandes gelte die Groß Schauener Seenkette als "Zander-Hochburg".

Mit so viel theoretischem Wissen ausgestattet, steht der drei Kilometer langen Wanderung zum Aussichtsturm nichts entgegen. Sie beginnt direkt am Mühlrad. Dessen Fließ entwässert die Seenkette in den Wolziger See. Mit viel Glück kann hier tatsächlich der Fischotter entdeckt werden. Kurz vor dem Mischwald lohnt ein Blick auf die große Übersichtstafel mit dem Verlauf des Naturlehrpfades. Er führt durch Wiesen, einen nassen Erlenbruch, vorbei an verschiedenen Biotopen, brach liegenden und gemähten Flächen. Schon von weitem ist der hölzerne Aussichtsturm zu sehen.

Der Blick von oben begeistert. Erst jetzt ist die Weite der Landschaft und der Seen zu erfassen. Wie auf Bestellung setzt ein Fisch- oder Seeadler zum Flug über das Wasser an. Ein Fernglas sollte also nicht vergessenen werden. Dann sind beispielsweise auch Kraniche, die Gänse- und Zwergsäger, die Singschwäne und die nordischen Gänse gut auszumachen. Diese und andere Arten verbringen hier den Winter, ehe sie in den nächsten Wochen wieder in den Norden aufbrechen. Überhaupt kommen Vogelfreunde hier auf ihre Kosten. Zahlreiche Vogelarten, die unter strengem Schutz der EU stehen, fühlen sich wohl. Dazu gehören der Weißstorch ebenso wie Sumpfhühner, Ziegenmelker oder der Eisvogel.

Angeln ist nur an ausgewiesenen Zugängen vom Ufer oder auf einigen Seen nur vom Boot aus erlaubt. Die Erklärung liefert ein Schild unweit des Turmes: "Brutgebiet. Betreten verboten." Vom Frühjahr bis zum Herbst brüten hier etwa 60 Paare Graugänse. Dazu kommen Hunderte weitere Tiere. Zurück führt der Wanderweg hauptsächlich durch einen Kiefernwald. Die Böden sind hier so nährstoffarm, dass nur Moos und Rentierflechten gedeihen.

Etwas abseits der Seen gibt es schließlich die Erklärung, warum die Mark Brandenburg oft den Beinamen "Streusandbüchse" trägt. Vor mehr als 10 000 Jahren lagerten sich während der Weichselvereisung großräumig Sande ab. Aus vielen Tälern entstanden Seen, Fließgewässer und Moore. Anderenorts wehte der Wind den Sand zu Binnendünen auf, die höchstens von kläglichen Pflanzen bedeckt sind.

In Groß Schauen bietet sich ein Abstecher zur Kirche an. Der ungewöhnliche Fachwerkbau gehört zu den ältesten im südlichen Brandenburg. Groß Schauen wurde bereits im Zuge der mittelalterlichen Kolonisation von deutschen Siedlern gegründet. Das benachbarte Klein Schauen wurde ursprünglich vom slawischen Volk der Wenden oder Sorben bewohnt. Es besitzt bis heute keine Kirche.

Wundersamer klingen die Namen der gleich um die Ecke gelegenen Orte Philadelphia und Neu Boston. Im 18. Jahrhundert ließen sich hier Dank der Steuerbefreiung und anderer königlicher Vergünstigungen Siedler nieder. Ursprünglich wollten sie über den großen Teich fahren und in Amerika ihr Glück versuchen. So steht es jedenfalls in alten Chroniken. Mit ihren Ortsbezeichnungen drückten die Siedler ihr Fernweh und das eigentliche Ziel ihrer Ansiedlung aus.

Heute gehören die Ortsschilder zu den gefragtesten Foto-Motiven von Wanderern und Radfahrern, die sich dann oft in ganz besonderen Posen davor aufbauen. Stolz wird dann im Familienalbum eine "Radtour von Berlin nach Philadelphia" präsentiert.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar