Zeitung Heute : Mit Vollgas

Treten und abfahren – das kann man mit der Weltneuheit Erockit. Das elektronische Humanhybrid-Moped wird in Marzahn gebaut

Wenn Stefan Gulas in die Pedale tritt, ist er schnell außer Sichtweite. Doch Gulas ist kein Radprofi, er sitzt nicht mal auf einem Fahrrad. Die schwarze Maschine unter ihm sieht aus wie ein schmales Motorrad. Ohne Auspuff, dafür mit Pedalen. Das Gefährt ist seine eigene Erfindung. Mitten in Berlin hat der 39-jährige Österreicher eine Weltneuheit entwickelt: Das Erockit, eine Kreuzung aus Fahrrad und Motorrad. Das erste Zweirad, in dem der Elektroantrieb nicht in einem für einen Benzinmotor entwickelten Fahrzeugkörper sitzt, sondern in einem selbst entworfenen Konzept. Das wird per Beinkraft elektrisch angetrieben. Humanhybrid heißt diese Technik. Mit ihr will Gulas die mobile Fortbewegung revolutionieren.

Was bei Passanten und anderen Verkehrsteilnehmern für staunende Gesichter sorgt, ist eigentlich ganz einfach. Der Fahrer lenkt und tritt wie beim Fahrrad. Ein Generator registriert die Trittfrequenz und gibt der Steuerelektronik des Elektromotors ein Signal, wie schnell er fahren soll. Der Elektromotor steigert die Leistung des Fahrers bis ums Fünfzigfache. Je schneller er trampelt, desto schneller wird das Erockit. Nahezu lautlos katapultieren die zwölf PS das Elektromotorrad in vier Sekunden von null auf 50 km/h – bei vollem Krafteinsatz. Brems- und Trittenergie werden zurückgewonnen und den Akkus zugeführt. Die halten für eine Strecke von 80 Kilometern. Nach drei Stunden an der heimischen Steckdose sind sie wieder aufgeladen, am Schnelllader sogar nach einer. Kosten für einmal volltanken: Weniger als ein Euro. Abgase produziert das Zweirad nicht.

Kein Benzin, keine Abgase – die Technik des Erockit steht bei Umweltschützern hoch im Kurs. Doch der ökologische Aspekt ist für Gulas Nebensache. Ihm geht es auch um Fahrspaß. Als er vor sechs Jahren ein Elektrorad testete, hatte ihm das zu wenig Leistung. „Wenn das alles ist, was es auf dem Markt gibt, dann mache ich’s halt selbst“, entschied er dann.

Der gelernte Bergbauingenieur und Unternehmensberater steckte zwei Millionen Privatvermögen in die Idee. Ab Herbst 2004 werkelte er mit zwei „Idealisten aus dem Fahrrad- und Motorradbereich“ in einer Wohnung in Friedrichshain am Prototypen. Sie entwickelten Rahmen, Elektronik und Technik. Markteinführung war im März, kurz zuvor zog die Erockit GmbH nach Marzahn. Zwölf Mitarbeiter tüfteln auf 800 Quadratmetern. Nachbar ist ein alteingesessener Zulieferer für die Auto- und Motorradbranche. Weil der über Fachwissen und Erfahrung verfügt, machte Gulas die Firma zum Produktionspartner. Seitdem fertigt sie Bauteile und baut die Erockits zusammen.

Die Nachfrage nach dem vom Tüv zugelassenen Elektromotorrad sei da. Südamerika, Europa, USA – aus der ganzen Welt kämen Bestellungen und Vertriebsanfragen. Die meisten Interessenten hätten das Fahrzeug nicht einmal Probe gefahren. Das erste Dutzend der 114 Kilo schweren Modelle ist ausgeliefert, bis zu 500 weitere sollen in diesem Jahr folgen. 2011 sollen es mehr als 1000 sein. Die Vision für die kommenden fünf Jahre: 100 000 Stück. Mit steigenden Stückzahlen würde auch das größte Hindernis des Erockit kleiner: Der Preis. Der liegt momentan bei 12 460 Euro. Noch habe man nicht den Anspruch, den Normalverdiener zu erreichen, erzählt Gulas. Doch die breite Masse ist das langfristige Ziel. Die kann sich das Erockit derzeit kaum leisten. Sinkende Preise kämen nur mit höheren Produktionszahlen zustande, doch dazu müssten sich mehr Investoren finden und Banken mehr Risiko eingehen, meint Gulas.

Der Österreicher vermisst die vorbehaltlose Unterstützung von Geldgebern und Politik: „Die Leute glauben nicht an Visionen, die wollen nur Fakten haben.“ Länder wie Spanien und Monaco würden elektronische Mobilität finanziell fördern, wodurch der Kunde einen niedrigeren Kaufpreis hätte. Wenn Deutschland bei der Elektromobilität eine Vorreiterrolle einnehmen wolle, müsse es auch fördern. Nun will Gulas das Erockit weltweit bewerben, wie genau sagt er nicht. Nur eines verrät er: „Wenn ich so etwas mache, dann muss es krachen, da muss ein hohes Marktvolumen hinterstecken.“

www.erockit.net

Die Leute glauben nicht an Visionen, die wollen nur Fakten

haben.“

Stefan Gulas, Erockit-Erfinder

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