Zeitung Heute : Mit Vorbild

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Von Jürgen Zurheide,

Duisburg/Köln

An dieser Stelle des Gespräches lehnt sich Reinhold Spaniel zurück, er lächelt. „Ja, natürlich“, antwortet der Sozialdezernent der Stadt Duisburg, „haben wir uns mit dem Kölner Modell beschäftigt, aber wir machen hier etwas Eigenes.“ Er war gefragt worden, ob er ähnliche Erfolge wie sein Kollege vorweisen kann, der in der Domstadt die scharfe Trennung zwischen Arbeits- und Sozialamt aufgehoben hat. Aus Köln war gemeldet worden, dass ein erheblicher Teil der Sozialhilfeempfänger wieder Arbeit gefunden habe und die städtischen Kassen nicht mehr belaste. „Das sage ich schon lange“, erklärt Spaniel, „wir müssen uns endlich die Zeit nehmen, unsere Kunden zu fragen, warum sie in Not sind und nicht nur fragen, ob sie irgendwelche Ansprüche haben.“ Nach dieser Philosophie arbeiten sie seit einigen Jahren, und immerhin ist es Spaniel und seinen vielen Mitstreitern im Sozialamt gelungen, die Explosion der Kosten im größten Etatposten zu verhindern.

„Wir setzen in allen Bereichen auf Selbsthilfe, wir aktivieren die Potenziale der Menschen“, schiebt Spaniel nach, und dann erzählt er von den Mitteln, die Sozialhilfeempfänger neben den ihnen gesetzlich zustehenden Leistungen erhalten.

„Wir geben pro Fall im Jahr 1340 Mark aus, die Kölner kommen auf 1593 Mark, und in Nürnberg sind es 2500 Mark“, rechnet er vor. Die Zahlen liefert die Benchmark-Tabelle der 15 deutschen Großstädte, die sich ständig auf diesem Feld vergleichen. Bei dem Vorwurf, Duisburg kümmere sich vielleicht weniger um die Ärmsten, lächelt Spaniel erneut: „Wir geben nicht einfach Geld, wenn eine Wohnung renoviert werden muss, wie liefern die Farbe, die Tapeten, und die Betroffenen machen es dann selbst.“ Wer umzieht, bekommt ebenfalls Hilfe zur Selbsthilfe, und wer eine neue Einrichtung braucht, wird in den von ehemals Arbeitslosen geführten städtischen Betrieb mit Gebrauchtmöbeln geschickt. „Not macht eben erfinderisch“, lautet Spaniels Motto, der fast jeden dritten Euro im 1,5-Milliarden-Etat der Stadt ausgibt.

Mit den Kölner Kollegen tauscht er sich immer mal wieder aus, und in einem Punkt kommen sie schnell auf ähnliche Erfahrungswerte. „Als wir gezielt arbeitslose Sozialhilfeempfänger in unsere Gesellschaft für Beschäftigung gebracht haben, verschwanden plötzlich 30 Prozent“, berichtet Spaniel. Die Kölner haben beobachtet, dass ebenfalls ein erheblicher Teil derjenigen, um die man sich intensiver gekümmert hat, inzwischen kein Geld mehr aus dem städtischen Topf erhält. Am 1. April des vergangenen Jahres haben die Verantwortlichen in Köln ein Jobcenter eingerichtet, in dem neben 100 Mitarbeitern des Sozialamtes zehn Berater des Arbeitsamtes ihren festen Platz haben. Selbst der Kölner DGB-Chef ist begeistert: „Das ist ein großer Erfolg.“ Knapp 9000 Menschen haben die Berater bisher vorgeladen, und sie haben sich die Zeit genommen, sich intensiv um sie zu kümmern. Obwohl es sich vor allem um Langzeitarbeitslose handelte, konnten mehr als 1500 von ihnen neue Jobs finden, nachdem sie qualifiziert worden waren. Bald 2000 Personen verabschiedeten sich aus der Beratung – ein Teil davon, weil er nicht hilfsbedürftig war.

Die meisten haben jedoch so große Probleme, dass sie dem Arbeitsmarkt erst einmal nicht zur Verfügung stehen. Diese Erfahrung gilt gleichermaßen in Köln wie in Duisburg. „Die müssen wir fit machen“, lautet das Motto von Jörg Frost, einem Fallmanager im Duisburger Stadtteil Beeck. Früher stand auf seiner Visitenkarte „Sachbearbeiter des Sozialamtes“ und wer heute mit ihm redet, hat den Eindruck, dass das lange zurückliegt. „Wir haben jetzt endlich Zeit, uns um unsere Kunden zu kümmern, und wir arbeiten daran, sie so schnell wie möglich zu verlieren“, berichtet Frost.

Früher, im Sozialamt, musste er pro Monat 136 Fälle bearbeiten. Hinter dem schlichten Wort Fälle versteckten sich unzählige Einzelschicksale in einem belasteten Stadtteil. Duisburg-Beeck ist eine Halbinsel, im Westen beginnt der Hafen, im Norden stehehn die Reste vom Thyssen-Stahlwerk. Die Arbeitslosigkeit liegt nur knapp unter 20 Prozent, der Ausländeranteil sinkt nur deshalb, weil die Kinder der Zuwanderer inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit haben. „Und trotzdem sinkt die Sprachkompetenz“, hat Frost beobachtet. Frost und seine Kollegen haben in der Sozialagentur Beeck jetzt mehr als doppelt so viel Zeit wie früher für ihre Kunden: „Wir betreuen nur noch rund 60 Fälle und organisieren passgenaue Hilfe". Zunächst redet Frost ausführlich mit den Betroffenen, dann trägt er deren Schicksal der Fallkonferenz vor; mit am Tisch sitzen das Arbeitsamt, die AWO, die Caritas, das Rote Kreuz und die Gesellschaft für Beschäftigung.

Schwierig ist die Lage für viele, weil sich nach altem Recht niemand zuständig fühlte. Das Arbeitsamt darf sich nur um Anspruchsberechtigte – das sind lange nicht alle Arbeitslosen – kümmern, das Sozialamt kann zum Beispiel keine Ausbildung vermitteln. „Niemand darf über das Gesetzeswirrwarr stolpern“, verlangt deshalb Harald Schartau, der Sozialminister des Landes, der als Mitglied der Hartz-Kommission vehement dafür eintritt, dass Arbeits- und Sozialamt auch anderswo als in Köln und Duisburg zusammenarbeiten. Als Gewerkschafter glaubt er sogar die Freunde von der IG-Metall ins Boot holen zu können, zum Beispiel bei der Idee, die Hilfen zunächst zu pauschalieren. „Wer sagt uns denn, dass die Betroffenen weniger Geld als bisher bekommen“, meint Schartau. Über die Details der Finanzierung müssen sie in der Kommission noch reden. Wenn dieser Vorschlag nicht zu Lasten der Kommunen geht, hat er auch Reinhold Spaniel auf seiner Seite.

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