Zeitung Heute : Mit Weitsicht planen

Viele Angebote ermöglichen es heute, bis ins hohe Alter selbstständig zu wohnen. Man muss sich nur rechtzeitig darum kümmern

Bernd Hettlage

AKTIV INS ALTER

Die 60-Jährigen sind heute auch nicht mehr das, was sie mal waren. Sie reisen um die halbe Welt, surfen durchs Internet oder wohnen in WG’s. Doch gerade in diesem Alter, zwischen sechzig und siebzig, wenn man noch fit ist, sollte man sich auch Gedanken darüber machen, wie man später wohnen will. Das rät jedenfalls Petra Fock, die Leiterin der Koordinierungsstelle „Rund ums Alter“ in Charlottenburg-Wilmersdorf. „Je älter man wird“, sagt sie, „desto schwerer fällt nämlich ein Umzug.“

Da Menschen im Rentenalter vier Fünftel des Tages in der eigenen Wohnung verbringen, sei es um so wichtiger, sich zu fragen: „Passt meine Wohnung auch für die nächsten 20 oder 30 Jahre?“ Immerhin leben 93 Prozent der älteren Menschen in „normalen“ Wohnungen und möchten dort auch so lange wie möglich bleiben, weiß man beim Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA).

Das Kuratorium hat zusammen mit der Bertelsmann-Stiftung eine Studie übers „Leben und Wohnen im Alter“ erstellt. Das Spektrum an Wohnformen, das älteren Menschen heute zur Verfügung steht, wird dabei nicht mehr wie bislang anhand des Versorgungsangebots gegliedert, sondern nach „Entscheidungssituationen“: Will ich so lange wie möglich zu Hause bleiben? Will ich meine Wohnsituation selbst verändern und beispielsweise in ein Wohnstift oder eine betreute Wohnung ziehen? Oder muss ich meine Wohnsituation verändern, weil es nicht mehr anders geht, weil ich pflegebedürftig bin?

Selbst eine Pflegebedürftigkeit bedeutet heute nicht mehr unbedingt, die eigene Wohnung verlassen zu müssen. Es gibt ambulante Pflegedienste und oft kann man seine Wohnung barrierefrei umbauen lassen, so dass sie zum Beispiel auch für Rollstuhlfahrer geeignet ist. Ob das mit der eigenen Wohnung möglich ist, was es kostet, wie man das finanziert und wie man Anträge zum Beispiel an die Pflegeversicherung stellt – bei all diesen Fragen beraten die Berliner Koordinierungsstellen „Rund ums Alter“. Sie richten sich an Menschen ab 60 und deren Angehörige. Zwölf solche Beratungsstellen gibt es in der Stadt. Die Dienste sind kostenlos, die Büros werden vom Senat finanziert.

Oberstes Ziel der Beratung dort ist: Die Menschen sollen in der eigenen Wohnung bleiben können. „Wir suchen die Leute auf“, sagt Petra Fock aus Charlottenburg-Wilmersdorf, „und lassen uns zeigen, wie sie sich in der Wohnung bewegen.“ Da müsse man manchmal nur die Möbel umstellen, manchmal die ganze Wohnung umbauen. Die Koordinierungsstellen vermitteln in diesem Fall auch Handwerker und koordinieren die Arbeiten. Passe die jetzige Wohnung doch nicht mehr, gebe es ja auch die Möglichkeit, mit dem Vermieter zu sprechen, meint Petra Fock – zumal, wenn das eine größere Wohnungsgesellschaft sei. Man könne dann zum Beispiel einen Wohnungstausch von einer oberen Etage ins Parterre verabreden.

Falls jemand doch in ein Heim muss, helfen die Koordinierungsstellen bei der Auswahl wie auch der Vermittlung. „Oft wollen die älteren Menschen ja im eigenen Kiez bleiben“, sagt Fock. Dafür gibt es eine Datenbank mit Berliner Adressen für das Wohnen im Alter. Die Angebots-Palette ist vielfältig. Sie reicht von Wohnungsgesellschaften, die altengerechte Wohnungen anbieten, über Genossenschaften, die ganze Häuser altengerecht umgebaut haben bis hin zu Wohnstiften und Pflege-Wohngemeinschaften. Dort leben Menschen, die pflegebedürftig sind, in kleinen Gemeinschaften zusammen.

Neuer Trend Selbstständigkeit

In diesen „Gruppenwohnformen für Pflegebedürftige“ sieht Holger Stolarz, Referatsleiter Wohnen im Alter beim KDA, eine neuen Trend. Denn anders als im herkömmlichen Pflegeheim stehe hier eher das selbstständige Wohnen als die Pflegebedürftigkeit im Mittelpunkt. Das Kuratorium hat in diesem Bereich eine Angebotslücke ausgemacht und deshalb sogar eigene KDA-Hausgemeinschaften eingerichtet. Rund acht Personen wohnen dabei in Einzelhaushalten mit eigener Küche zusammen. Das Ziel: Die Anonymität und die Zwänge eines großen Pflegeheims sollen zugunsten von mehr Selbstbestimmung und Individualität abgebaut werden.

Neben diesen Hausgemeinschaften macht Stolarz noch einen zweiten Trend beim Wohnen im Alter aus: „Das selbstorganisierte, selbstständige Wohnen in einer Gemeinschaft.“ Hierbei schließen sich mehrere Menschen zusammen, um jeder für sich und dennoch gemeinsam zu leben – etwa in einzelnen Wohnungen im selben Haus oder in einer Wohnung mit eigenen Zimmern und Gemeinschaftsräumen. Zum Wohnen in einer Gemeinschaft gehören neben neuen alternativen Wohnformen wie generationenübergreifenden Projekten auch das Wohnen in betreuten Wohnungen oder zum Beispiel in einer Seniorenresidenz.

Bei der Entscheidungsfindung hilft eine Broschüre des Senats. Unter dem Titel „Was ist mir wichtig? – Auf der Suche nach der richtigen Wohnform für das Alter“ gibt es ausführliche Informationen über die einzelnen Wohnformen. Dazu enthält das Heft eine detaillierte Checkliste mit Themen wie Lebensqualität, Versorgungssicherheit, Vertragsgestaltung und nicht zuletzt den Kosten. Schließlich muss man herausfinden, ob die anvisierte Einrichtung zu den eigenen Vorstellungen und Ansprüchen passt.

Zum gleichen Thema und ebenfalls kostenlos gibt es vom Land Berlin die Broschüre „Wohnen im Alter“. Sie nennt unter anderem die Adressen der einzelnen Koordinierungsstellen „Rund ums Alter“ und stellt auf 70 Seiten und nach Bezirken gegliedert die ganze Palette der in Berlin erhältlichen Wohnangebote fürs Alter vor. Dazu gibt es Umzugtipps, Texte zu Themen wie Reise, Internet und Gesundheit und Kurzvorstellungen von Projekten, Vereinen und Institutionen, die sich – nicht nur – mit dem Wohnen im Alter beschäftigen.

In der Broschüre wird auch aus einer Umfrage unter Pankower Senioren zitiert. Gefragt wurde: Was gehört für Sie zum Wohnen im Alter? Ganz oben in der Antwort-Liste standen zwei Wünsche: „Hilfe nur, wenn ich sie brauche“ und „Nicht abgegrenzt wohnen – Teil der Gesellschaft bleiben.“ Es gibt heute viele Möglichkeiten, sich beides bis ins hohe Alter zu erhalten. Nur darum kümmern muss man sich früh genug.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben