Zeitung Heute : Mit wieder vereinten Kräften

Die UN versuchen, der Aufgabe gerecht zu werden und alte Zwistigkeiten zu vergessen

Matthias B. Krause[New York]

Von Matthias B. Krause,

New York

Die 22 Bilder mit den freundlichen Gesichtern und den dicken schwarzen Rahmen wurden vor ein paar Wochen abgehängt. Grau und leer harren die Stellwände im marmornen Foyer des Hauptquartiers der Vereinten Nationen an der First Avenue in New York einer neuen Aufgabe. Vergessen sind die Opfer des verheerenden Bombenanschlags auf das provisorische UN-Hauptquartier in Bagdad am 19. August vergangenen Jahres nicht. Der Tod dieser Mitarbeiter hinterließ die größte Narbe auf der Seele der Organisation, seit die USA mit ihren Verbündeten im Irak einmarschierten. Die einzige war es nicht. Selten zuvor in der Geschichte der Vereinten Nationen hatten die Delegierten im Sicherheitsrat so verbissen um Frieden gerungen.

Zwölf Monate nachdem US-Präsident George W. Bush den UN die Bedeutungslosigkeit prophezeite, weil sie auch unter massivem Druck nicht mehrheitlich auf den Kurs Washingtons einschwenkten, sind sie für den Friedensprozess im Mittleren Osten weniger verzichtbar denn je. Als hätte es dazu noch eines Beleges bedurft, flatterte am Donnerstag ein Brief auf den Tisch des UN-Generalsekretärs Kofi Annan, in dem die irakische Übergangsregierung offiziell um Hilfe bei der Nationenbildung bittet. Ein Schreiben, das nur nach heftigem Drängen von Washingtons Statthalter Paul Bremer entstand, um die von schiitischer Seite vorgebrachten Zweifel an der Rolle der UN wegzuwischen.

Dies könnte also eine Zeit des Zeigefingerhebens sein, der Schadenfreude – eines der wenigen deutschen Wörter übrigens, das auch die Amerikaner kennen. Doch damit wäre die Stimmung auf den Fluren des Gebäudekomplexes am East River unzureichend wiedergegeben. „Von Schadenfreude kann ich nur sehr wenig entdecken“, sagt Shashi Tharoor, einer der UN-Sprecher, „niemand läuft hier mit einem selbstgefälligen Grinsen durch die Gegend.“ Dazu sei die Lage viel zu ernst. Nancy Sonderberg, ehemalige amerikanische UN-Botschafterin, sagt: „Es liegt schon noch ein großes unausgesprochenes Ich- hab-es-ja-gleich-gesagt in der Luft. Aber die UN sehen, dass die USA etwas begriffen haben und nun mit Macht versuchen, das Richtige zu tun.“ Und Eigennutz natürlich, hängen doch von der Lage im Irak in den nächsten Monaten auch Bushs Wiederwahlchancen ab. Im Stab des UN-Generalsekretärs herrscht derweil der Eindruck, die Hauptstädte hätten ihren Gesandten Order gegeben, die Dinge abkühlen zu lassen. Allerdings hat sich längst die Ahnung festgesetzt, dass die Vereinten Nationen mächtiger sein könnten, als angenommen. „Ihre entscheidende Ressource ist Legitimität“, bemerkte Joschka Fischer nach seinem Gespräch mit Annan jetzt und deutete damit an, dass in Schwierigkeiten kommt, wer sie ignoriert.

„Ein kleines Misstrauen ist geblieben“, sagt ein westlicher Diplomat. So werde nun zweimal darauf geschaut, von wem ein Vorschlag komme. Die deutsch-französische Annäherung gilt seither als von besonderer Güte, der mexikanische Kollege, der wegen seiner strikten Kriegsopposition gehen musste, als warnendes Beispiel. Spanien darf sich nach dem Regierungswechsel wohl wieder in Europa einreihen, die Bulgaren, die so willfährig auf Bushs Kurs einschwenkten, sind turnusgemäß nicht dabei. Und über allem steht die Ungewissheit über die Endlichkeit der eigenen Bedeutung. Wenn es den USA passt, suchen sie den Rat der UN. Wenn nicht, dann nicht.

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