Zeitung Heute : Mit zwei geht’s los

Das Berliner Kinder- und Jugendtheater ist radikal jung geblieben.

„Ohne Moos nix los“. Szene aus dem Stück von Jörg Isermeyer in einer Fassung des GRIPS Theaters aus aktuellem Anlass. Foto: davidbaltzer/bildbuehne.de
„Ohne Moos nix los“. Szene aus dem Stück von Jörg Isermeyer in einer Fassung des GRIPS Theaters aus aktuellem Anlass....Foto: David Baltzer/ZENIT

Mit dem Theater kann's ja gar nicht früh genug losgehen. Deshalb hat Ania Michaelis auch Stücke für die Allerkleinsten ins Repertoire genommen, als sie künstlerische Leiterin des Theaters o.N. an der Kolllwitzstraße wurde. Zauberhafte Inszenierungen für Menschen ab zwei Jahren sind das, die sich auf Weise der elementarsten Welterfassung widmen. Ein Programm mit hoch politischem Anspruch. Denn die Prenzlauer-Berg-Künstler touren mit diesen Stücken zum Begreifen auch durch Kitas im Problembezirk Hellersdorf. Hinter den Kinderspielen steht eine Philosophie, die in Italien schon seit Jahrzehnten eine Gruppe wie La Baracca vorlebt: eine Gesellschaft muss sich an ihrem Verhältnis zur nachwachsenden Generation messen lassen.

Was in anderen Teilen Europas selbstverständlich ist, fällt in Deutschland vielen noch immer schwer: Kinder- und Jugendtheater als Kunst anzuerkennen, die nicht weniger Relevanz besitzt als der Tschechow oder Ibsen der erwachsenen Kollegen.

In Berlin hat Volker Ludwig schon in den 60er Jahren begriffen, dass Revolutionen im Kleinen und bei den Jüngsten beginnen. Aus dem linken „Reichskabarett“ ging damals sein Grips Theater am Hansaplatz hervor, wo seitdem im festen Glauben an die Veränderbarkeit der Welt gegen alle nur erdenklichen gesellschaftlichen Schieflagen angespielt und -gesungen wird.

Das Grips ist längst rund um den Globus bekannt. Obschon sich die Verdienste nicht in barer Münze auszahlen. Das Haus, das Ludwig als gegenwartsbewusster Gründervater in der Zwischenzeit an den künstlerischen Leiter Stefan Fischer-Fels übergeben hat, muss beständig um seine Existenz ringen.

Mit Kinder- und Jugendtheater ist kaum Gewinn zu machen. Umso mehr profitieren die Zuschauer. Auch vom erfrischenden Spielplan des Theaters an der Parkaue. Unter Intendant Kay Wuschek ist das junge Staatstheater Berlins mit dem Flugzeug im Logo kräftig durchgestartet und hat unter anderem ein paar der aufregendsten Künstler aus der freien Szene mit an Bord genommen. Zum Beispiel die Tabori-Preisträger der Gruppe norton.commander.productions, die an der Parkaue erst kürzlich Gottfried Kellers Erzählung „Kleider machen Leute“ in einer furiosen Performance entmottet haben. So sieht Theater von heute aus.

Radikal jung geblieben ist auch das Theater Strahl, dem das Kunststück glückt, bereits seit 25 Jahren in der freien Szene zu überleben. Die Bühne von Wolfgang Stüßl, die für die Generation 12+ spielt, trifft Jugendthemen ohne falsche Töne. Egal, ob mit einer freien Adaption von Wedekinds „Frühlingserwachen“, oder dem mitreißenden Masken-Beatbox-Theater „Klasse Tour“.

Um die 80 Einrichtungen gibt es in Berlin, die Theater für Kinder und Jugendliche machen. Von der Amateurgruppe bis zum Staatstheater. Mit Menschen aus Fleisch und Blut oder mit Objekten und Puppen. Noch so eine oft unterschätzte Kunstform. Nichts als Kasperletheater? Von wegen. Eine Bühne wie das Theater der kleinen Form in Friedrichshain mit ihren charmanten Figurenmärchen beweist ebenso das Gegenteil wie die Schaubude an der Greifswalder Straße, wo zu DDR-Zeiten das staatliche Puppentheater beheimatet war. Heute wird hier so innovatives wie internationales Figurenspiel geboten. Und, nicht zu vergessen, auch Theater für die Allerkleinsten.

Patrick Wildermann

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