Zeitung Heute : Mitbestimmen will gelernt sein

Wie die Vereinten Nationen Demokratie erklären

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Das Prinzip klingt einfach: „One man one vote“, soll künftig auch in Afghanistan gelten. Im Frühsommer kommenden Jahres sind die ersten allgemeinen und direkten Wahlen in der Geschichte des Landes am Hindukusch geplant. Doch nach mehr als 20 Jahren Bürgerkrieg und der fundamentalistischen Diktatur der Taliban ist dies alles andere als einfach. Allein die Tatsache, dass nicht nur jeder erwachsene Mann, sondern auch die afghanischen Frauen künftig über die Politik in ihrem Land mitbestimmen sollen, gleicht einer Revolution. Vor allem in den Provinzen hatten bisher die Ältesten der Clan oder Dorfgemeinschaften das Sagen – und die lokalen Machthaber. Sie vertraten die Bevölkerung schon in der traditionellen Loya Dschirga, der Ratsversammlung der Stämme, von der sich einst der afghanische König seine Politik absegnen ließ. Ein Parlament im westlichen Sinne gab es hingegen nicht. „Auf dem Land wissen viele gar nicht, was eine Volksvertretung ausmacht, welche Aufgaben die Abgeordneten haben“, sagt Citha Maaß von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ).

Wissen spricht sich rum

Aufklärung ist also dringend erforderlich. Die bundeseigene GTZ organisiert in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen in Afghanistan Demokratieseminare, bei denen auch Parlamentssitzungen simuliert werden. „Die Teilnehmer müssen eine bestimmte Position übernehmen und in der Debatte dafür werben. Das klingt selbstverständlich, doch vielen Afghanen sind offene Diskussionen völlig fremd“, sagt Maaß. Bis zu 30 so genannte Multiplikatoren, die ihr Wissen später an ihre Mitbürger weitergeben sollen, nehmen an einer solchen Schulung teil. Die künftigen Wähler sollen verstehen, dass es darum geht, für den Kandidaten mit den besten Argumenten zu stimmen, egal aus welchem Clan er stammt oder wie viele Männer er unter Waffen hat. Demokratie für Anfänger. Diese Kurse seien nicht nur für die Wahlen von Bedeutung, sagt Citha Maaß: „Es geht darum, die grundlegenden Strukturen einer demokratischen Gesellschaft aufzubauen, und zwar von der Basis her.“ uls

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