Zeitung Heute : "Mitgift - Notizen vom Verschwinden": Auf dem Boden der Angst

Wolfram Pfre schuh

Kerstin Kempker hat mehr als drei Jahre, drei sehr junge Jahre, in der Psychiatrie zugebracht. In ihrem mutigen Bericht mit dem Titel "Mitgift" geht es um Leben und um Zerstörung, um das Verschwinden des Selbst und das Zurückfinden aus dem Nirgends. Ohne moralische Wertungen zeigt sie das pure Geschehen vor Ort und öffnet den Blick für die fast automatische Abwicklung einer fatalen Logik, die mit der Diagnose, der Festschreibung einer "Krankheit" einsetzt.

Kempker beschreibt ihre Kindheit, Familie und Schule, die Erziehung, die Fürsorge und die Bestimmung, welche diese Lebenswelt ausgemacht hat. Es ist die Welt ihrer Eltern, die eine Angst auslöst, deren Grund verborgen bleibt. Auf dem Boden dieser Angst wachsen die Kinder auf, sie versuchen Sinn zu konstruieren, auch dort, wo Irrsinn herrscht. "Kinder sind zur Rettung der Eltern da", hatte Franz Kafka einmal formuliert: Die Autorin zitiert ihn bewusst. Widersinn in einer Familie erzeugt Scheinwelten und Unwägbarkeiten, verdrängt in einem lähmenden Alltag. Für das Mädchen Kerstin ist die Kindheit eine einzige Agonie. Zu ihrem einzigen Schutz wird eine fortwährende Selbstverleugnung, der Rückzug in sich selbst. An einer katholischen Mädchenschule erfährt die Schülerin die Gewalt jener höheren Ordnung, die Disziplin einer Weltherrschaft, die "Ihm" zu Ehren und Diensten sein muss. Religiosität, Kirche soll binden. Doch die geforderte seelische Unterwerfung misslingt. Kerstin hasst dies alles, was sie lieben soll. Trotzig widersetzt sie sich, doch auf Kosten ihrer selbst. So wird das rituelle Fasten zum Hungern, der Ritus zum Protest. "Die Nonnen", schreibt sie, "haben mich mehr gelehrt, als sie wollten."

Sie beginnt sich zu verschließen. Sie schreibt. Das Tagebuch wird zum Dokument düsterer Gedanken. Die Protagonisten der Welt, ihre Lehrerinnen, verhalten sich ihr gegenüber immer absurder. Irgendwann gibt sie einer Betreuerin den Text. Darin stehe alles. Sie solle es lesen. Und sie liest.

Mit diesem Augenblick beginnt die Mühle zu mahlen, die das Mädchen Kerstin fast zerreiben wird. Für die Betreuerin ist die Siebzehnjährige über Nacht ein pädagogischer Fall, für ihre Chefin ein medizinischer, für den Hausarzt ein psychiatrischer. Tatsächlich wird sie in die Psychiatrie mit der Diagnose einer "krisenhaften Pubertätsentwicklung" aufgenommen, vier Wochen entdeckt man schließlich "progrediente psychiatrische Auffälligkeiten" entdeckt, weil sich die "negativistische Haltung der Patienten verstärkt" habe. Ein Krankenbericht begründet das unter anderem damit, dass die Patientin ihr Frühstück verweigert. Schließlich lautet die Diagnose auf "Endogene Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis".

Gnadenlos wirkt die Logik der psychiatrischen Diagnose. Sichtbare Verletzungen gibt es nicht, so wird der Mensch selbst zur Krankheit. Kerstin Kempker erfährt das ganze Arsenal psychiatrischer Heilkunst - Neuroleptika, Insulinschocks, Elektroschocks. Die Eltern, denen es unerträglich wird zuzusehen, sehen sich nach Alternativen zur "klassischen Psychiatrie" um. So gerät die Tochter, als Patientin aus besserem Hause, in die Binswangersche Therapie in der Schweiz, in ein Sanatorium. Dort gibt es zwar keine offenen Disziplinierungen, dafür aber wieder Behandlung mit Neuroleptika. In einer abgelegenen Villa soll die Sinnfindung durch eine therapeutische Gruppe hilfsbereiter Menschen stattfinden. Aber Kerstin Kempker fürchtet, dass sie hier nicht mehr wegkommt. Denn hier sind "alle Stunden des Tages therapeutisch gestaltet" (Binswanger-Werbung), und die pausenlose "Verständigkeit" droht ihr den letzten eigenen Boden, die Abgrenzung, unmöglich zu machen. All das, was beziehungsfähig macht. In dieser schönen Alpenwelt denkt sie ans Sterben. Kein offenes Fenster, keine Tabletten dürfen für sie erreichbar sein. Sie sorgen sich hier wirklich sehr. Und die junge Frau beherrscht das Spiel mit ihrer Sorge: "So gut wie Ihr seid, so böse werde ich nie. Wir spielen das Psychiatriespiel, gewinnen kann es keiner. Es ist eine neue Sprache, die ich gelernt habe."

Zwei Jahre später wird sie in eine süddeutsche Sozialpsychiatrie verlegt, eine moderne Psychiatrie. Wer das veranlasst hatte, weiß sie nicht. Betreuer, Therapeuten sind aufgeklärt und erfahren. Aber auch belastet mit wissenschaftlicher Forschung, Besprechungen und Konferenzen. Sie haben wenig Zeit, sind überfordert und scheuen den direkten Kontakt. In der Verhaltenstherapie geht es liberal zu. Und hauptsächlich wird gemeinsam geplant, gearbeitet - irgendetwas. Das Zusammenrechen von Laub mitten im Herbstwald kommt der Patientin sinnlos vor, ihr Dasein scheint ihr überflüssig. Doch die offene Form dieser Klinik hat ihre Vorteile: Kerstin gelangt an eine Schreibmaschine und bringt ihre Gedanken, ihren Hass und ihre Verzweiflung zu Papier: "Ich schreibe mich aus der Anstalt heraus."

Das ist ihr Weg. Sie studiert die eigenen Krankenakten und arbeitet auf. Sie findet ihre Sprache, auch mitunter eine literarische. Sie fotografiert, sie teilt sich mit. Ihre Pfade sind verrückt, voller Zweifel und Erschrecken. Aber am Ende dieser Geschichte steht hart erkämpftes Eigentum am eigenen Leben, eine große menschliche Leistung.

Kerstin Kempkers Beschreibung ihrer verlorenen Jahre klagt nicht an. Sie zeigt, wie es sein kann, dieses Gefängnis eines psychiatrischen Krankheitsbegriffs und seiner Mittel und Methoden. Ihrem Buch geht es nicht um die Frage des richtigen oder falschen Tuns, der besseren oder schlechten Hilfe. Es geht überhaupt nicht um Fragen und Probleme der Helfer und Experten, und ihr Text hat auch nicht den Duktus einer "Expertin in eigener Sache".

"Mitgift" ist ein wichtiges Buch und ein schönes, Literatur und Dokumentation in einem. Es ist ein Buch, das Hoffnung macht - auf die eigene, menschliche Befreiung aus Ohnmacht und Verzweiflung.

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