Zeitung Heute : Mitleid haben

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lars von Törne

Dass ich nach jahrelanger Abstinenz vergangene Woche mal wieder im Zoo war, liegt an Yann Martel. Eigentlich wollte ich das Tiergefängnis ja lebenslang boykottieren. Sieht doch jeder, dass die armen Viecher psychische Wracks sind. Vor allem die Raubkatzen, die Tag für Tag auf zehn Quadratmetern im Kreis rumlaufen müssen. So was wollte ich nicht unterstützen. Aber dann bekam ich Yann Martels neuen Roman in die Hand, der gerade mit dem Booker-Preis geehrt wurde. Darin erzählt der kanadische Schriftsteller auf faszinierende Art, wie ein Junge in einem Zoo groß wird und später nach einem Schiffbruch einige Monate mit einem ausgewachsenen Tiger auf einem Rettungsboot verbringt. Was Martel über die tierischen Bewohner des Zoos berichtet, hat mein Tierpark-Bild erschüttert. Als Sohn des Direktors hat seine Hauptfigur nämlich ein völlig anderes Verständnis davon, was den Kreaturen gut tut, als ich als Gelegenheitstierfreund es habe. Tiere in freier Wildbahn sind glücklicher, weil sie nicht eingesperrt sind? Ihr Leben ist einfach, edel und sinnerfüllt? Käfig gleich Gefängniszelle? Von wegen. Martel beschreibt den Zoo als kleines Paradies, in dem es sich zumindest genauso gut leben lässt wie in freier Wildbahn. Denn während die Käfigbewohner rundum versorgt werden, ist das Leben ihrer wilden Verwandten vom nimmer endenden Überlebenskampf dominiert.

Nach der provokanten Frage von Martel, ob wir Menschen nicht auch lieber im Ritz mit Zimmerservice leben möchten als auf der Straße, beschloss ich, meinen Boykott vorübergehend zu brechen. Vielleicht hat Martel Recht und mein Bild von Natur und Freiheit ist nichts als der Versuch des entfremdeten Städters, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen? Mein Zoobesuch bekräftigte jedoch alle meine Vorurteile. Vor allem die Bewohner des Raubtierkäfigs wirkten keinesfalls so lebendig und zufrieden, wie sie der Schriftsteller beschreibt.

Die stolze Raubkatze aus dem Roman suchte ich vergeblich. Die Sumatratigerin Katanga, derzeit einzige Vertreterin ihrer Art im Berliner Zoo, döste bloß schläfrig auf dem kargen Boden ihres kleinen Käfigs. Die Löwen und Jaguare zogen dumpf ihre engen Kreise am Gitter entlang. Ob sie glücklich sind, weiß ich nicht. Ihnen bei ihrem trostlosen Leben zuzuschauen, machte zumindest mich nicht besonders glücklich. Die einzigen, die halbwegs fidel wirken, waren die Erdmännchen (die bei Martel übrigens auch eine Rolle spielen). Wie sie unablässig durch die Gegend flitzen, sich alle gleichzeitig auf die Hinterbeine stellen und neugierig in die selbe Richtung starren, als seien sie Menschen, die auf den Bus warten, das ist schon putzig. Trotzdem beschloss ich, dass mir Zootiere auch weiterhin im Roman besser gefallen als im echten Leben.

Heute Abend um 21 Uhr liest Yann Martel im Nachtcafé der Schaubühne (Ku’damm) aus seinem Roman „Schiffbruch mit Tiger“ (mit dt. Übersetzung). Das Buch erscheint auf Deutsch erst kommendes Jahr, bislang liegt es nur auf Englisch vor („The Life of Pi“). Nach der Lesung gibt es ein Gespräch mit dem Autor. Eintritt ist frei. Reservierung: Telefon 89002-777. Frühes Kommen wird empfohlen. Das Raubkatzenhaus im Zoo ist täglich bis 16.45 Uhr geöffnet .

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