Zeitung Heute : Mitt Romneys Spiele

Martin Hägele

Als die Frage nach seiner Zukunft kommt, reagiert Mitt Romney, der die Fernseh-Show zuvor so locker bestritten hat, fast brüsk: "No comment." Was vieles heißen kann: Mitt Romney möchte der nächste Gouverneur von Utah oder sonst einem Staat werden oder gleich Präsident von Amerika. Alle Voraussetzungen, die einer braucht, um auch politisch auf den Gipfel zu gelangen, hat der Mormone und Geschäftsmann bereits erfüllt: Als oberster Veranstalter und Verkäufer des Schnee- und Eis-Festivals von Salt Lake City hat Romney die besten Olympischen Spiele in den USA hingelegt. Und das unter den denkbar schlechtesten Voraussetzungen.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Doch nun, kurz bevor ein Angestellter der städtischen Gaswerke von Salt Lake City der Flamme im Rice-Eccles-Stadion den Hahn abdreht, redet kein Mensch mehr von den Problemen. Romney hat es geschafft, dass die Leute die Korruptions-Geschichten vergessen haben, wie man am Rande des Salzsees die alten olympischen Herrschaften bestochen hat, um endlich die Spiele zu bekommen. Entgegen allen Befürchtungen haben die Besucher aus aller Welt auch gar nicht gespürt, dass Olympia in einem Hochsicherheitstrakt stattfand. Sie haben sich daran gewöhnt, dass sie jedes Mal, wenn sie eine Wettkampfstätte oder die Athleten ihr Dorf betreten wollten, von Detektoren geröntgt und von Soldaten abgetastet wurden. Irgendwie schafften es diese Leute aus FBI, Armee und Polizei, fast unsichtbar zu bleiben; und im Verlauf der Spiele gewöhnten sich Wachpersonal, Athleten, Journalisten und Publikum immer mehr aneinander. Die Polizisten lächelten und unterhielten sich mit den Menschen, die sie untersuchten. Und die meisten davon empfanden diesen Sicherheitscheck am Ende wie Zähneputzen oder Pinkeln, einen ganz normalen menschlichen Vorgang.

Auch der Patriotismus der Amerikaner war nicht so schlimm, wie man sich das ursprünglich vorgestellt hatte. Längst nicht so tumb und laut und pur wie in Atlanta, wo sich die ganze Ignoranz der Südstaaten hinter den Uniformen der Sheriffs und den Jacken der freiwilligen Helfer versteckt hatte. Und auch nicht so naiv und ahnungslos wie vor 22 Jahren in Lake Placid. Damals wollte der Cheforganisator, ein Pfarrer, am Tag vor Beginn der Spiele das ganze Gebiet rund um das Städtchen für die Öffentlichkeit sperren. Die Verkehrsproblematik war ihm über den Kopf gewachsen. Deshalb wollte er aus den Olympischen Spielen reine Medienspiele machen - unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Die 19. Winterspiele aber erlebten mehr Zuschauer als jemals zuvor. Und die fühlten sich als aktive Kulisse. Noch nie zuvor ist das olympische Publikum so von seinen Hauptdarstellern gelobt worden. Die feierten nämlich nicht nur den Sieger und diejenigen, die zum Schluss die Medaillen bekamen. Den Exoten galt oft genauso viel Applaus, und das war einer der Unterschiede zu Lillehammer, jenem paradiesischen Wintersportort in Norwegen, in den sich die ganze Welt im Februar 1994 verliebt hatte. Außerhalb von Salt Lake City, an den Wettkampfstätten von Park City, Snowbasin oder Soldier Hollow ging es ähnlich unbeschwert zu wie seinerzeit in Europas Norden. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Amis aus jeder Veranstaltung eine Mega-Party machten und nicht nur in ihren traditionellen Sportarten wie Eishockey und Eiskunstlaufen. Im Utah Olympic Park zum Beispiel jubelten bei jeder Veranstaltung 16 000 Menschen; egal, ob es sich um Frauen-Bob, Rodel-Doppelsitzer oder Skeleton handelte und die meisten Zuschauer nur ein Zischgeräusch wahrnahmen, wenn einer dieser rasenden Schlitten durch die Eisrinne und in Bruchteilen von Sekunden an ihnen vorbeiflitzte.

Mitt Romneys Spiele überstanden auch die kleinen Affären. Erstens, weil diese erst gegen Ende hin auftraten, als die ganze Welt am Fernsehen längst nur noch schwärmte von diesem Schneefest. Zweitens, weil die Proteste und Abreisedrohungen ausgerechnet aus solchen Ländern kamen, die mit Vorwürfen und Begriffen wie Betrug oder Manipulation vorsichtig sein sollten. Die Russen etwa haben 1980 bei den Sommerspielen die Tore des Moskauer Stadions immer dann geöffnet, wenn ein Landsmann mit dem Speerwurf dran war. Durch den Zug entstand ein Luftpolster, das den Speer ein paar Meter weiter trug. Und Mister Kim, der Chef des koreanischen Verbandes, hat die wohl befleckteste Vita aller IOC-Mitglieder. Als ehemaliger Chef des Geheimdienstes von Seoul war er nicht nur in politische Dreckgeschäfte verwickelt. In seiner Vergangenheit lassen sich auch zahlreiche sportliche Skandale finden.

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