Zeitung Heute : Mittags ausgehen

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Daniel Haaksman

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Sie haben sich darüber bestimmt auch schon mal gewundert: Was machen eigentlich tagsüber all die Leute, die man nachts in irgendwelchen Mitte-Clubs arbeiten sieht? Also die Leute, die hinter den Tresen stehen, oder an der Tür? Wo sind am helllichten Tage all die Leute, die Bars und Clubs betreiben, die Partys veranstalten, auf denen man an den Wochenenden landet, die DJs, zu deren Musik man tanzt? Schlafen sie alle wirklich jeden Tag bis fünf Uhr am Nachmittag, weil sie bis in die frühen Morgenstunden arbeiten oder feiern?

Wenn es um die Figuren hinter Clubs wie dem Cookies, dem WMF, dem White Trash, dem F.U.N., dem Helsinki oder dem FC Magnet geht, also den Strippenziehern der aktuellen Berliner In-Schuppen, dann sind diese Fragen ziemlich einfach zu beantworten. Man findet sie unter der Woche derzeit tagsüber mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit an zwei Orten. Täglich ab ein, zwei Uhr hängen sie an der Bar des 103 zum Frühstück oder zum frühen Imbiss. Während im Hintergrund die neueste Mix CD eines ihrer DJ-Kumpels läuft, reden sie über anstehende Projekte, mögliche Jobs, und darüber, wer mit wem gestern Abend nach Hause ging. Gespräche, die man auch abends in Clubs führt. Nur ein paar Häuser weiter, im Backshop des FC Magnets, ein ähnliches Bild. Dort sitzen die Nachtlebenleute auf Plastikstühlen herum, schlürfen Kaffee-Latte und knabbern frische Bio-Sandwiches, und reden ebenfalls über all die morgigen Partys, neue Filme und CDs, die aktuellen Fußballergebnisse, und auch hier wippen sie zu House-Beats oder Reggae-Riddims. Würde man an diesen beiden Orten kurz das Tageslicht ausblenden und die Uhr nur ein paar Stunden nach vorne drehen, könnte man sich glatt in die Lounge oder auf die Tanzfläche eines ganz gewöhnlichen Clubs versetzt fühlen. Denn auch das Interieur der Tagsüber-Clubs sieht so aus, wie man es aus dem Nachtleben kennt. Und dann ziehen sich die Tagsüber-Clubgänger aus dem 103 und dem Backshop auch am helllichten Tag auch noch meist so an, als würden sie gleich ausgehen.

Wieso also eigentlich noch nachts lange ausgehen, wenn man auch um die Mittagszeit ausgehen kann? Es gibt nämlich darüber hinaus eine Menge Vorteile beim Tagsüber-Clubben: Man sieht, wie die Clubgänger wirklich aussehen, etwa die Augenfarbe der Person, mit der man sich unterhält – die man in den schummrigen Lichtverhältnissen der Clubs ja sonst nur erahnen kann. Man kann sich beim Tagsüber-Clubben außerdem mit normaler Stimme unterhalten, ohne sich anzubrüllen, weil die Hintergrund-Musik okay laut ist . Die Luft ist viel besser, weil weniger geraucht wird. Man trinkt weniger Alkohol. Man muss keinen Eintritt zahlen. Und tagsüber lässt sich außerdem auch noch viel besser flirten. Okay, aufs Tanzen muss man verzichten, aber sonst können die Tagsüber-Clubs im Prinzip locker in allen Kategorien mit ihren nächtlichen Vorbildern mithalten. Versuchen Sie es doch auch mal: Sparen Sie sich dieses Wochenende das Nachtprogramm und beginnen Sie ihre Ausgeh-Tour kommenden Montag um 13 Uhr.

103 Bar, Kastanienallee, Ecke Zionskirchstraße,

Backshop, Kastanienallee 45, Mitte.

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