Zeitung Heute : Mittagstisch in Transsylvanien

Europa – eins und uneins: der Lieblingsstreit der Leipziger Buchmesse

Gregor Dotzauer[Leipzig]

Das Paris des Ostens trägt viele Namen. Es heißt Budapest und Prag, wenn nicht auch Krakau oder Bratislava – sogar Sofia hat schon einmal Ansprüche auf den Titel angemeldet. Die Sehnsuchtsrichtung in Europa ist jedenfalls eindeutig. Wie aber soll es eine Vereinigung geben, solange München nicht irgendwann mit Stolz behauptet, es sei das Bukarest des Westens und fleißige Hanseatinnen massenhaft zum Putzen nach Tirana einmarschieren?

Von Berlin redet schon kein Mensch mehr. Man muss vermutlich Schriftsteller sein und auf einem der zahllosen Europapodien der gestern zu Ende gegangenen Leipziger Buchmesse sitzen, um die deutsche Hauptstadt zum Modell für die künftige Völkergemeinschaft zu stilisieren. Mit seinen Dörfern, erklärte der gebürtige Dresdner Ingo Schulze, sei Berlin doch ein wunderbares Beispiel für ein einvernehmliches Mit- und Nebeneinander. Und er sagte auch: „Die Leute, vor denen wir uns fürchten, sind längst da.“ Berlin als Schrumpfversion Kakaniens unter Einbeziehung der Türkei: Diese Vorstellung hat schon etwas, nur dass ihr ein bisschen zusätzliche Romantik gut tun würde, damit etwas von dem vermeintlich ewigen Frühling, der zwischen dem Pariser Jardin du Luxembourg und den Tuilerien knospt, in die politische Fantasie Einzug hält.

Die Leipziger Buchmesse ist alle Jahre wieder ein Umschlagplatz für europäische Ideen: für bodenlosen Optimismus und Defätismus und sämtliche Mischformen von nationalem Chauvinismus und Masochismus, also alles, was Europa ausmacht und über sich noch herausfinden muss. In vieler Hinsicht bildet auch die Messe selbst Europa fast maßstabsgetreu ab – mit kleinen kartografischen Fehlern. In Halle zwei glucken überwiegend die deutschen Verlage zusammen – mit dem Farbtupfer Frankreich. In Halle drei findet sich dann Osteuropa, teils in Gemeinschaftsständen, an denen etwa das slowenische Buchzentrum und die ungarische Buchstiftung eine visionäre Allianz eingehen – mit den Schweden als Nachbarn.

Getrennt durch die riesige Glashalle, durch die man die Messe betritt, leben West und Ost so vor sich hin, verbunden durch zwei lange Brücken, auf denen man im Gedränge manchmal kaum weiterkommt: Mit Wartezeiten an den Grenzen ist zu rechnen. Alles andere wäre allerdings auch falsche Nähe, gerade jetzt, wo Europa ab 1.Mai ein administratives Stückchen weiter zusammenrückt, dem der geistige Zusammenschluss erst noch folgen muss.

Wir und Ihr bleiben Kategorien, die nicht so schnell verschwinden werden. Und wer den polnischen Schriftsteller Andrzej Stasiuk, der von ihnen ungeniert Gebrauch macht, fragt, wann sie es denn womöglich tun, bekommt vom Podium herab eine klare Antwort: „Das liegt ganz an Euch.“

Im Chor der Berufsenthusiasten ist der 44-jährige Stasiuk, der sich mit Romanen wie „Die Welt hinter Dukla“ oder „Neun“ in die Weltliteratur eingeschrieben hat, ein Miesepeter. Und wer seine schlechte Laune auf die provinzielle Luft im fernen Czarne zurückführt, dem Dorf in den Beskiden, in dem er seit acht Jahren lebt, schreibt und einen eigenen Verlag betreibt, wird genauso deutlich zurechtgewiesen. „Ich wohne mitten in Europa“, sagt er. „Ich fahre 15 Minuten in die Slowakei, zwei Stunden nach Ungarn und fünf in die Ukraine – wenn die Polizei gnädig ist.“ Und um den Triumph zu vervollständigen, blafft er in die Runde: „Und wie klingt es, wenn ich sage, dass ich mal eben zum Mittagessen nach Transsylvanien fahre?“

Andrzej Stasiuk liebt es, den Wilden zu spielen. Wie er im T-Shirt dahockt, ein Mordstrumm Mann, schüchtert er schon beim Sichräuspern den Moderator ein. Vielleicht ist es aber auch nur seine Schüchternheit, die ihn, entfesselt durch ein frisch angebrochenes Fläschchen Jägermeister, so wütend erscheinen lässt. Und: Er hat seine Gründe, Kanzelreden zu misstrauen: „Wir sind es“, glaubt er, „die eure Gesten, Siege und Irrtümer wiederholen sollen. Ein großartiger Weg, gewiss, doch nimmt er uns das Recht auf eigene Errungenschaften und eigene Niederlagen – selbst wenn jene die letzten wären und diese schändlich.“ Das ist seine Sorge: „Vergehen soll alles, woraus diese Gegend bestand. Verschwinden soll das Chaos, die Unordnung, die Verantwortungslosigkeit, die Unbekümmertheit, ihren Geist aushauchen soll die perverse Liebe zur verfluchten Geschichte, verenden soll die Neigung zum Spintisieren.“

Auf den ersten Blick sieht Stasiuks zornige Trauer nach reinen Mentalitätsdifferenzen aus. Doch das westliche Misstrauen gegenüber Slawen und anderen Temperamentsquerulanten hat sicher mehr mit der Unlust zu tun, die Probleme von Hungerkünstlern in ihrer Kultur des Überlebens zu teilen. Stasiuk braucht nicht einmal von seinen Landsleuten reden: „Die Slowakei hat 5,4 Millionen Einwohner. Eine halbe Million davon sind Zigeuner. Die Zigeuner haben einen viel höheren Bevölkerungszuwachs. Die Prognosen besagen, dass die Zigeuner in 50 Jahren die Mehrheit stellen werden. Auf diese Weise wird die Idee eines Zigeunerstaates Wirklichkeit. Ganz ohne politische Forderungen, ohne Grenzveränderungen, ohne Ideologie, ohne nationalistisches Geschrei.“

Welche Rolle Deutschland übernehmen kann, steht dabei für die unterschiedlichsten Köpfe außer Frage. Die Philosophin Susan Neiman, Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums, eine amerikanische Linke und Jüdin, die nächstes Jahr ein Symposion über die Vergleichbarkeit von Nationalsozialismus und Kommunismus plant, kann nur Andrzej Stasiuk zustimmen, der erklärt: „Deutschland ist das einzige Land, das Putin sagen darf, dass Russland sich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen soll.“ In Halle drei, wo der Historiker Karl Schlögel und der in der Slowakei geborene Ungar Pal Zavada über Vertreibung und Aussiedlung debattieren, herrscht ähnliche Einigkeit. Deutschland hat eine besondere Kompetenz, mit verbrecherischen Vergangenheiten umzugehen. Der allererste Anfang besteht darin, die Geschichten dieser Katastrophe zu erzählen.

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