Mitte : Das Hauptstadtgefühl

Oper, Schauspiel, Entertainment: In Mitte gibt es alles – und alle machen (fast) allen Konkurrenz.

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Ein Wanderer wider Willen ist der rastlose Protagonist (Bernd Moss) in »Der Weg zum Glück« (20.30 und 23 Uhr, Deutsches Theater)....Foto: promo/Arno Declair

Berlin ist die deutsche Theaterhauptstadt. Und das wäre auch so, wenn man nur allein den Bezirk Mitte nähme. Die deutsche Theatermetropole liegt also in einer kleinen Großstadt namens Mitte. Nirgendwo findet man eine solche Bühnendichte. Und das gilt für alle Sparten: Musiktheater, Unterhaltung, Schauspiel, freie Szene. Von den Sophiensälen zum Berliner Ensemble, vom Admiralspalast zur Volksbühne, vom Grips im Podewil zur Komischen Oper – dazwischen liegen Welten.

Das Deutsche Theater ist in diesen Tagen eine Welt für sich. Intendant Ulrich Khuon, aus Hamburg gekommen, hat vom Thalia Theater die „Autorentheatertage“ mitgebracht. Bis 17. April zeigt das DT Inszenierungen neuer Texte aus dem deutschsprachigen Raum, mit einer „Langen Nacht der Autoren“ zum Abschluss. So bekommt also nicht nur die „Lange Nacht der Opern und Theater“ Konkurrenz, sondern auch das Berliner Theatertreffen, das dieses Jahr erst am 7. Mai beginnt. Dort wählt eine Kritikerjury die bemerkenswerten Inszenierungen einer Spielzeit aus, bei den Autorentheatertagen trifft ein einzelner Juror die Entscheidung. Der Vergleich beider Veranstaltungen (um nicht schon wieder Festival zu sagen) wird das Geschäft beleben. Es ist ja wirklich faszinierend, wie viele Gastspiele nach Berlin eingeladen werden, über den gewaltigem Premierenausstoß der Hauptstadt hinaus.

An der reinen Produktivität gemessen, hält das Maxim Gorki Theater mit Abstand den ersten Platz. Vielleicht auch nur gefühlt – aber das Haus von Armin Petras arbeitet permanent unter Überdruck. Klassiker en masse, Romanadaptionen vom Fließband. Überwältigung als Strategie. Petras bringt das – sehr Berlinische – Kunststück fertig, sein Theater permanent so zu bespielen, als würde es jeden Monat neu eröffnet. Er macht sich selbst Konkurrenz.

Das macht generell das Berliner Theaterleben aus. In München oder Hamburg arrangieren sich die jeweils zwei Häuser am Platz, in Berlin heißt es: jeder gegen jeden. Mancher Neuankömmling hat damit seine Schwierigkeiten. „Der Berliner hat keine Zeit. Der Berliner ist meist aus Posen oder Breslau und hat keine Zeit. (...) In dieser Stadt wird nicht gearbeitet, hier wird geschuftet. Auch das Vergnügen ist hier eine Arbeit, zu der man sich in die Hände spuckt, und von dem man etwas haben will“, schrieb Kurt Tucholsky 1919, und so ist das ein bisschen auch noch heute. Der Theaterbesuch hat etwas Arbeitsames, was man – wieder im Vergleich mit Hamburg und München – auch an der Arbeitskleidung der Theatergänger erkennt.

Den Musiktheatern scheint der Konkurrenzgedanke allerdings fremd. Zwei von den drei großen Opern liegen in Mitte – und auch die sind durch Welten getrennt, schiedlich und friedlich. Bald allerdings muss die Staatsoper Unter den Linden während der Renovierung ins Ausweichquartier nach Charlottenburg, ins Schillertheater. Dann ergibt sich eine völlig neue Situation, wenn Deutsche Oper und Staatsoper Nachbarinnen sind. Vielleicht belebt das ja endlich das Berliner Operngeschäft.

Historisch betrachtet ist die Berliner Theaterlandschaft jetzt wieder da, wo alles begann. 1882 wurde der Bahnhof Friedrichstraße eröffnet, und um ihn herum schossen die Bühnen aus dem Boden. Namen, die heute keiner mehr kennt. Walhalla-Theater, Lessing-Theater, Concordia-Theater, Apollo-Theater; schön nachzulesen in dem bald nach der Wende im Ch. Links Verlag erschienenen Bändchen „Theater am Schiffbauerdamm“ von Christoph Funke und Wolfgang Jansen.

In Berlin-Mitte wurde Theatergeschichte geschrieben, von Hauptmanns „Webern“ über Max Reinhardts junges Ensemble bis hin zur „Dreigroschenoper“ von Brecht und Weill, die 1928 am Schiffbauerdamm uraufgeführt wurde. „Keine Sau hätte sich wohler fühlen können“, meinte damals Elias Canetti, ihm gefiel die „Berliner Form“ mit ihren „Härten, Schuftigkeiten“. Brecht als Kassenschlager – die Geschichte ging bekanntlich anders weiter.

In der DDR war das Deutsche Theater die Mitte einer kleinen und so großen Theaterwelt. Manchmal hat man das Gefühl, dass die Tradition schwer auf die Bühnen in Mitte drückt, ob BE, Volksbühne oder DT. Das mag ein Grund sein, dass man in diesen Häusern das Mittelmäßige so schlecht erträgt.

In der „Langen Nacht“ führen die Routen aber auch weg von den klassischen Trampelpfaden der Theaterbesucher. So kann man das Galli Theater entdecken oder auch die Sophiensäle, die eine „Groschenromanlesung“ anbieten oder – das Off-Theater lässt sich nicht lumpen – „Die längste Nacht mit Turbo Pascal“. Mitte ist nicht nur eine Topografie, sondern auch ein Gefühl. Rüdiger Schaper

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