Zeitung Heute : Mittel zur Beruhigung

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Die meisten Bundesländer wollten zunächst für deutlich weniger als 20 Prozent der Bevölkerung Grippemittel ankaufen. Vor allem aus Kostengründen: 300 Millionen Euro sind kein Pappenstiel. Am Donnerstag ließen sie sich dann aber doch von Berechnungen des Robert-Koch-Instituts überzeugen. Im Fall einer Pandemie werden antivirale Medikamente für drei Bevölkerungsgruppen benötigt: Für Risikopatienten (Kinder, Alte und bereits anderweitig Erkrankte), medizinisches Personal und für alle, die die öffentliche Ordnung aufrechterhalten. Die erste Gruppe umfasst 27 Millionen Menschen. Eine Erkrankungsrate von 30 Prozent angenommen, brauchte man 8,2 Millionen Therapieeinheiten. Die zweite und dritte Gruppe soll komplett versorgt werden können. Macht noch mal sieben Millionen. Zusammen sind es 15,2 Millionen, also knapp 20 Prozent der Bevölkerung.

Gut möglich, dass sich die Länder zunächst auch von medizinischer Skepsis abschrecken ließen. Die ist nicht unberechtigt. Ohne Therapie dauert eine Grippe 14 Tage, mit Therapie zwei Wochen, hieß es früher einmal. Pillen und Tropfen lindern das Leiden, packen es aber nicht an der Wurzel. Das ist bei Mitteln wie Tamiflu und Relenza nicht wirklich anders. Laut Statistik kommen Patienten mit deren Wirkstoff – offiziell heißt er Oseltamivir – gerade mal einen Tag früher aus dem Bett. Fieber und Schmerzen werden gemildert. Dass die Sterblichkeit erheblich sinkt, ist bisher allerdings nicht zu beweisen.

Ist die Vorratshaltung also nur Aktionismus und Augenwischerei? Tatsächlich hilft bei einer Grippe-Pandemie nur ein Impfstoff – der aber speziell auf das jeweilige Virus abgestimmt sein muss. Im Vogelgrippe-Fall kann er also erst entwickelt werden, wenn der Ernstfall da ist und das Virus so mutiert ist, dass es tatsächlich von Mensch zu Mensch springt. Dann beginnt der Wettlauf gegen die Zeit. Im Optimalfall dauere die Impfstoff-Entwicklung 18 Wochen, sagt Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Realistischer ist ein halbes Jahr. Während dieser Zeit wäre ein linderndes Medikament besser als gar keines – auch aus psychologischen Gründen.

Und es ist ja nicht so, dass Tamiflu und Relenza kein Fortschritt wären. Bis vor 15 Jahren konnte man nur an Symptomen kurieren. Das Problem war immer: Wer das Virus und dessen Brutstätten treffen wollte, erwischte auch gesunde Zellen. Man hätte den Patienten also nur zusätzlich geschwächt, die Nebenwirkungen wären stärker gewesen als die Heilwirkung. Tamiflu und Relenza konzentrieren sich dagegen auf das Virus-Eiweiß, das sie an einer bestimmten Stelle verkleben. Dadurch kommen die Viren nicht mehr in die Zellen hinein oder aus ihnen heraus. Der Schleim, mit dem sich die Zellen des Atemtrakts schützen, bleibt intakt. Allerdings werden weder andere Zellen geschützt noch bereits befallene Zellen erreicht, die neue Viren produzieren.

Auch Nebenwirkungen sind häufig: Übelkeit, Erbrechen, Magenschmerzen. Manchmal verschlimmert sich sogar die Entzündung der Atemwege, die gerade bekämpft werden soll. Daher wollen die Behörden auch nicht, dass Tamiflu generell zur Vorbeugung eingesetzt wird. Nur wer in engem Kontakt mit Grippe-Kranken steht, soll es verschrieben bekommen.

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