Zeitung Heute : Mitten durchs Herz

Zwischen Ketwurst und Hot Dog – eine Radtour in die eigene Jugendzeit

Robert Ide
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2005 Mit dem Swissotel bekam die Ecke Kurfürstendamm / Joachimstaler Straße in der City West eine markante Optik. Foto: Thilo...

Letztens habe ich Marilyn Monroe gesehen. Sie, diese junge hübsche Frau in einem weißen Kleid, stand über dem U-Bahn-Schacht am Pariser Platz und als die U-Bahn kam, da…

…da fuhr ich schnell weiter, mit meinem Fahrrad durchs Brandenburger Tor. Und in mir pochten zwei Gefühle gleichzeitig: ein bisschen Trauer und eine Menge Freude. Trauer darüber, dass die Berliner Tourismusindustrie nach all den Mauer-Echtheitszertifikaten und Alliiertenuniformen noch immer keine eigene Grenze gefunden hat. Und Freude darüber, dass die Stadt sonst keine Grenzen mehr kennt. Vor allem keine, die mitten durchs Herz gehen.

Ich freue mich jeden Morgen, wenn ich durchs Brandenburger Tor fahre, hinein in den Tiergarten, dessen Grün ich einstmals nur vom Fernsehturm aus kurz erspähen konnte. Kurz, ja, denn wenn man zu DDR-Zeiten im sich drehenden Tele-Café am Alexanderplatz saß, dann drehte sich alles immer schneller, wenn der Blick auf den Westen frei wurde. Oder kam es mir nur so vor?

Mit dem Fahrrad durch die Stadt: das ist eine tägliche Tour durch mein Leben in Berlin, durch das, was mir die Stadt nie hat langweilig erscheinen lassen in 20 Jahren des Wandels. Die Veränderung ist in jedem Stein und – insbesondere dort – in jeder Lücke zu sehen. Und los geht die Fahrt: Zuerst die Schönhauser Allee herunter, die mal der Ku’damm der Ostens sein sollte, bis irgendwann sogar der Frischfischladen mit seinen riesigen Aquarien dicht machte, weil alle zum richtigen Ku’damm rüberschwappten (und dennoch: Als Einkaufsstraße, zumindest als flüchtige, lebt die Schönhauser Allee noch weiter, trotz der Arcaden mit ihren künstlichen Flanierwegen und zwischen temporären Blumenbeeten). Danach geht es am Alexanderplatz vorbei, an dem es trotz hässlicher alter Gebäude mit ihren alten Namen in meinem Kopf (Haus des Reisens – ganz früher Interflug –, Haus der Elektroindustrie – früher Treuhandanstalt –, Haus des Lehrers – heute Tagungstreffpunkt), am Alexanderplatz also, an dem es trotz neuer Gebäude in grau und rosa immer noch so sehr zieht wie früher. Dann geht es Unter den Linden entlang, natürlich vorbei an der Ruine, die jeden Ost-Berliner schmerzt, auch wenn er selten im Palast der Republik bowlen war. Vorbei nun an der Friedrichstraße mit den Boutiquen und neuen Hotels, vorbei an all dem Teuren, das vom Ku’damm hierherverpflanzt wurde und das abends so verloren glitzert. Bis hin zum Brandenburger Tor, über den (auch vom Verkehr) befreiten Pariser Platz. Und schon ist man im Westen. Und hat’s nicht mal richtig gemerkt. Nur an einem Gefühl in mir. Der Freude, die mitten durchs Herz geht.

Diese Freude verfliegt nicht, so oft ich auch mit dem Fahrrad über eine Grenze fahre, die längst keine mehr ist. Auch nicht, wenn ich (wenn ich mal nicht das Fahrrad nehme) mit der S-Bahn unterirdisch durch das Zentrum rausche und überall anhalten und aussteigen kann, wo ich möchte. Geisterstationen gibts nur noch am Band des Bundes (Bahnhof ohne Betriebserlaubnis) und in Rummelsburg (Betriebsbahnhof ohne Betrieb). Aber das macht nichts. Wann ist man als Berliner schon mal an diesen ausgestorbenen Orten?

Der Westen. Das war die Leerstelle meiner Kindheit, die ich mit aufgeschnappten Anekdoten und kurzen Blicken vom Fernsehturm zu füllen versuchte. Heute gibt es diese Leerstelle nicht mehr in mir. Vielleicht auch, weil es den Westen in Berlin gar nicht mehr gibt. Genau weiß ich das nicht, ich erspüre ihn jedenfalls nicht. Nicht so, wie ich den Osten erspüren kann – zum Beispiel wenn ich den silbernen Vorhang im Kino International an der Karl-Marx-Allee sehe, wenn ich die „Ketwurst“ mit ihrer dünnen Ketchupsoße am S-Bahnhof Schönhauser Allee koste, wenn ich am Flughafen Schönefeld die alten Anzeigetafeln sehe, die früher den Zielort „Leningrad“ anzeigten, auch wenn ich ein „urst“ höre, das noch jemand sagt. Aber wo das alte West-Berlin zu erschmecken und zu erriechen wäre, weiß ich nicht. Ich erahne es nur, wenn es mich zur Berlinale mal in den Zoo-Palast verschlägt, auf dem irgendein leichter Staubschleier liegt, der nicht wegzuputzen geht.

Der Westen: Mit dem Mauerfall habe ich diese Leerstelle in mir gefüllt, es gab damals – ich war 14 – eigentlich nichts Wichtigeres für mich. Ich fuhr mit der S-Bahn zu jeder Station im Westteil, stieg aus und sah mich um – sogar am Westhafen, an dem mir nichts westlich vorkam. Mich faszinierten damals die Schöneberger Wochenmärkte mit ihrer bunten Kleinteiligkeit; die Spandauer Eckkneipen, in denen es Bierdeckel aus aller Welt gab, sogar aus Amerika. Vor allen Dingen faszinierten mich die Menschen: ihr (kann man so etwas spielen?) selbstbewusster und scheinbar nicht zweifelnder Umgang mit sich selbst. Das Weltläufige fand ich spannend, das Offene. Das wollte ich auch entdecken, so wollte ich auch werden. Wie damals die Stadt aussah, in die ich zum ersten Mal meinen Fuß setzte, obwohl es doch auch meine war, was West-Berlin damals für ein äußerliches Bild abgab – das habe ich dagegen längst vergessen. Es war mir wohl nicht wichtig.

Wie der Osten aussah, weiß ich dagegen noch genau – oder besser, ich erspüre es heute noch in Kleinigkeiten, die sich vor mein Auge schieben, weil sie geblieben oder offenbar verschwunden sind. Zuletzt lief ich durch den Plänterwald und sah im früheren Freizeitpark im Wald das Riesenrad vor sich hinrosten, auf dem ich einst die Leichtigkeit schätzen lernte. Das Komische bei einem solchen Anblick ist das gewühlte Gefühl, das er in mir auslöst: Die Freude, mit der ich mich an diese Leichtigkeit erinnere. Und das Bewusstsein, mit dem die Freude beschwert wird – das Bewusstsein, dass etwas verloren gegangen ist. Etwas, das nie nie niemals so viel wert ist wie der (nicht nur vom Verkehr) befreite Pariser Platz und das offene Brandenburger Tor. Etwas aber auch, das nicht gar nichts bedeutet.

Ein bisschen Trauer und viel Freude. So geht es mir, wenn ich durch das frühere Ost-Berlin schlendere. Wenn ich über das von Baumwurzeln angehobene Kleinsteinpflaster am Pankower Majakowskiring laufe, in dem einst meine Oma als Postausträgerin Walter Ulbricht die Briefe zustellte, in dem auch lange nach der Wende noch Egon Krenz (der der Wende unfreiwillig seinen Namen gegeben hatte) in einem über Nacht nicht mehr komfortablen Betonkasten lebte – wenn ich dort heute entlanggehe und die neuen Designfamilienhäuser aus dem Ökoholzbaukasten sehe, die sich die Schauspieler und Schriftsteller hochgezogen habe. Dann empfinde ich Erleichterung darüber, dass so viel vergangen ist und nie nie niemals wiederkommt. Aber auch eine Spur Befremden über das Neue, das man doch selbst so ersehnt hat, wenn man vom Fernsehturm auf eine Stadt hinabgeblickt hat, die zwei halbe war.

Heute ist zwei halbe noch kein Ganzes, aber schon ganz schön ganz.

Mit dem Fahrrad durch mein verändertes Berlin, durchs Brandenburger Tor. Genau in der Mitte hindurch geht es jetzt hinein in die andere, nicht mehr fremde Hälfte.

Die Tour führt mich weiter, hinein in den Tiergarten, in das Grün, das mir nicht mehr fremd ist und dessen gespeicherte Frische in meine Nase dringt (es ist dort immer ein wenig kälter als woanders im Herzen der Stadt, auf einem Fahrrad merkt man das). Hier im Tiergarten sprach vor nicht langer Zeit ein Präsident aus Amerika öffentlich über das Glück der Einheit – selbstbewusster und selbstverständlicher übrigens als eine ostdeutsche Bundeskanzlerin.

Noch schnell fällt ein Blick hinüber auf den Reichstag. Ist das nicht das Gebäude, das als einziges ganz neu erfunden wurde für die ganze Stadt? Als es vor doch schon längerer Zeit eingepackt wurde in silbern glänzende Folie wie ein großes Geschenk und danach ganz anders wieder ausgewickelt wurde, ganz anders für alle.

Ich biege dann ab zum Potsdamer Platz, der lange gar kein Platz war, nur eine Leerstelle für die gesamte Stadt. Ich erinnere mich, wie hier nach der Maueröffnung eine kleine Magnetschwebebahn entlanggleitete über die Weite hinweg – damals war ich auf dem Weg in Richtung Kreuzberg, wo mein bester Schulfreund wohnte. Er war 1988 mit seinen Eltern von der einen Hälfte in die andere ausgereist – und ich hatte schon gedacht, ich würde ihn erst als Rentner wiedersehen können. Nun aber stand ich vor seiner Tür, gelandet mit einer Magnetschwebebahn aus einer sich selbst überholenden Welt – und mit Ost-Negerküssen aus Pankow in der Hand, die er Schaumküsse nannte.

Heute ist der Potsdamer Platz das Berliner Kunstherz, das viele Besucher für das wahre halten. Hochtrabende Häuser sind hier entstanden, in denen sich schon nach wenigen Jahren die Steine lösen. Wie am Alexanderplatz ist es auch zwischen diesen vielen Gebäuden vor allen Dingen so: Es zieht viel zu sehr, als dass man lange bleiben wollen würde.

Letztens habe ich Marilyn Monroe gesehen. Sie, diese junge hübsche Frau in einem weißen Kleid, stand über dem U-Bahn-Schacht am Pariser Platz und als die U-Bahn kam, da…

... da fuhr ich schnell weiter, mit meinem Fahrrad durchs Brandenburger Tor. Ein kleines bisschen traurig. Und ein großes Stückchen glücklich.

Eben mitten durchs Herz.

Robert Ides Buch „Geteilte Träume – Meine Eltern, die Wende und ich“ ist soeben überarbeitet bei btb erschienen.

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