Zeitung Heute : Mitten in Marseille

Die Abenteuer des Grafen von Monte Christo, wahnwitzige Träume vom Luxustourismus, Verbrecher, Liebesnester und Strandleimkraut: Die tollsten Geschichten Marseilles findet man auf ein paar Inseln draußen im Meer.

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Von Mika Biermann Marseille liegt am Meer und hat neun Inseln vor der Haustür, große, kleine, steile, flache. Jede andere Hafenstadt hätte sie ausgenutzt, bebaut, verwandelt: Marseille, die Millionenstadt im ewigen Dornröschenschlaf, hat sie hingenommen wie ein schmollender Knabe unter dem Weihnachtsbaum, der seine Geschenke nicht auspacken mag, weil keiner auf ihn achtet. Die Inseln schwimmen im gleißenden Wasser der Bucht, sie haben keine Wahl, und den Möwen ist es recht.

Im Winter kehren die Marseiller dem Meer den Rücken zu. Die Kneipen sind voll und miefig, die Strände leer und windig. Die Bäuche der Bewohner setzen Winterspeck, die Rümpfe der Segelboote im Alten Hafen grüne Algenbärte an. Das kalte Salzwasser ist niemandem einen Gedanken wert. Die Inseln der Stadt scheinen weiter weg zu sein als Australien, das man wenigstens ab und zu im Fernsehen sieht. Es gibt keinen Strand, keine Clubs, keine Pools und keinen Golfplatz. Diese Inseln sind hart wie Stein.

Tova Darling teilt den Apfel, von dem er das Faule weggeschnitten hat. „Mein letzter vom Markt in Marseille“, sagt er. „Es gibt Obst im Krämerladen am Hafen, aber hast du die Preise gesehen?“ Sein chinesischer Bart hängt ihm traurig von der Lippe. Seine Haut ist weiß, fast transparent, im Winter wie im Sommer, obwohl er inmitten einer zerklüfteten Kalksteinwüste lebt, wo der Schatten sich rar macht. „Was mich hierhergezogen hat? Abgesehen von dem Licht?“ Er lächelt dünn. „Hier kann ich im Sommer den ganzen Tag barfuß laufen. Und draußen pinkeln, wo ich will. Man muss dabei allerdings auf tückische Aufwinde achten!“

Tova Darling, Mitte 40, mit bürgerlichem Namen Vietchni Tchestova, ist Musiker und lebt ohne Wasser, Strom und Möbel in der alten Festung Bregantin an der dem offenen Meer zugekehrten Spitze der Insel Ratonneau. Zusammen mit Pomègue, mit der sie durch einen breiten Deich verbunden ist, bildet sie das Frioul-Archipel. Hier, 15 Minuten Bootsfahrt von den Gassen der Marseiller Innenstadt entfernt, gibt es vor allem freien Raum, sechs Kilometer von einem Ende zum anderen, mit Buchten, Felsen, Bunkern, verlassenen Militäranlagen, einer Armeeantenne und einem Leuchtturm, der nicht mehr leuchtet. Tova braucht über den Ziegenpfad eine Viertelstunde bis zur Mole mit der Ortschaft, heruntergekommene Kuben aus den Siebzigern, wo 200 Menschen ohne Post, Arzt oder Zeitungsladen leben. In allen vier Restaurants an der Anlegestelle kommt der Tintenfisch für die Muschelpizza aus der Tiefkühltruhe, und jetzt, im Winter, wird wochentags dichtgemacht.

Als die Stadt 1970 der Marine die Insel abkaufte, schlug der Optimismus Wellen im Alten Hafen: Frioul würde Teil der Innenstadt sein, Postleitzahl 13001, ein Luxusviertel für Yachtbesitzer, ein Ibiza mit Hubschrauberverbindung zum Festland. Ausschüsse und Unterausschüsse produzierten Pläne, wilder noch als die schroffen Felsen der Küste. Den Käufern wurde ein Paradies auf öder Inselerde versprochen. Bäume würden später gepflanzt.

40 Jahre später gehört Port Frioul immer noch zum ersten Arrondissement, dem Stadtzentrum, doch die Hügel ringsum sind kahl wie die Atacama-Wüste. Letztes Jahr wurde die Reederfamilie, die mit klapperigen Booten eine Verbindung zum Alten Hafen aufrechterhielt, von der Kripo ausgehoben: Geldwäsche, Drogenhandel. Aber wenigstens legten die Jungs mit geschlossenen Augen bei jedem Wetter an. Die neuen Kapitäne, aus der Bretagne importiert, rammen bei Seegang den Ponton.

Es macht möglicherweise den Charme von Marseille aus, dass es grandiose Projekte prinzipiell erst kompostiert und dann den Clans und Cliquen überlässt. Am Schluss wurde die Entrattung der Insel auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben, weder Helioport noch Fünf-Sterne-Hotel wurden gebaut, nicht einmal ein Campingplatz angelegt. Es gibt keine Autos und keine Straßen, und die Biologen der Vogelwarte danken ihrem guten Stern – auch wenn im Sommer stadtmüde Sonnenanbeter quer durch die Sandlilien trampeln, während in den Buchten die Boote ihre Klos spülen und den Motor durchblasen.

Nach dem Scheitern der Luxusstrategien setzte man auf die politisch korrektere kulturelle Eroberung: In den Ruinen des alten Quarantänekrankenhauses wurden Musikfestivals organisiert, Theaterabende, sogar internationale Kunsttage, zu deren Eröffnung es gerade mal 100 Besucher schafften. Dann blies der Mistral auch dieses Hoffnungslicht aus, und der Verein machte Pleite.

Es gibt im Rathaus ein Gremium mit dem schönen Namen „Komitee für die Qualität des gemeinschaftlichen Lebens“. Eine Unterkommission kümmert sich seit Jahrzehnten ausschließlich um die Insel Frioul. Offiziell darf kein Stein ohne ihr Ja-Wort umgedreht werden. Architekturstudenten reichen dort futuristische Pläne für eine Trabantenstadt mit Meerwasserentsalzungsanlage ein; die Schränke sind voller Aktenordner, die Aktenordner voller Papier. In jedem Raum hängt eine Luftaufnahme der Insel. Sie sieht aus, als wäre ein Flecken Buttermilch erst geronnen, dann verschimmelt, schließlich getrocknet.

Frioul ist die einzige bewohnte Insel. Die anderen – Calseraigne, Jarre, Riou, Maïre, Île des Pendus, If, Degaby und Planier – sind Geisterinseln. Die meisten Einwohner der Stadt können sie weder aufzählen noch auf der Karte orten. Wen kümmert es schon, wenn da ein paar Felsen aus dem Wasser ragen?

Hinter dem wilden Felsgürtel der Calanquen, die einen Teil der Stadt vom Meer trennen, liegt Calseraigne, genannt die flache Insel,eine ausgebleichte Felsplatte mit dürrem Gestrüpp, so klein wie ein Drittel eines Fußballfelds. Niemand würde es für nötig befinden, einen Fuß auf die Ödnis zu setzen. Niemand – außer ein paar Ornithologen, die versuchen, Gelb- und Schwarzschnabelsturmtaucher auseinanderzuhalten, zusammen mit auf Geckos spezialisierten Biologen, die vor allem über Ratten und Kaninchen stolpern, aber auch über Botaniker, die dort auf dem Bauch liegen und die zähe Pflanzenwelt bewundern. Denn zwischen weißen Kalkfelsen, ohne Erde, ohne Wasser, von der Gischt gesalzen, vom Wind niedrig gehalten, wachsen da Meerfenchel, pfriemblättriger Wegerich, Seidelbast, Mastix-Sträucher, Zwergoliven, Strand-Leimkraut und seltener Marseille-Tragant. Ansonsten legt ab und zu ein Boot an, damit der Kapitän pinkeln kann, während die Kollegen an Bord ein neues Bier aufmachen. Die ältesten Tonscherben am Grund der kleinen Bucht auf der Nordseite der Insel stammen aus dem Jahr 50 vor Christus. Die Dosen und Flaschen sind neueren Datums.

Etwas weiter westlich liegt die kleine Île Jarre, ebenso kahl, auch von ihr aus kann man die Millionenstadt, verborgen hinter den Klippen der Calanquen, noch nicht sehen. Aber sie machte Geschichte. Im Mai 1720 tauchte das Segelschiff Grand Saint-Antoine vor der Stadt Marseille auf, mit Seide aus Syrien im Wert von 100 000 Gulden und ein paar kranken Matrosen an Bord. Die normale Prozedur wäre gewesen, auf Jarre die Stoffballen zur Desinfizierung einige Wochen Wind und Sonne auszusetzen und die Mannschaft auf Frioul in Quarantäne zu halten. Aber es roch zu stark nach Frühling, Seide und Geld. Reeder, Händler und Kapitän waren sich völlig einig. Zum Teufel mit den Gesundheitsaposteln, den Profitbremsern: ausladen, verkaufen!

Kurz darauf erwürgte der schwarze Tod Tausend pro Tag, und die Namen der Helden, die die Leichenberge wegschafften, kann man noch heute auf den Straßenschildern der Innenstadt lesen. Marseille wurde von bewaffneten Truppen abgeriegelt, die auf jeden schossen, der sich näherte. Die Hälfte der Bevölkerung verreckte. Im September 1720 wurde die Grand Saint-Antoine dorthin zurückgebracht, wo sie hätte bleiben sollen: zur Île Jarre. Mit dem Rest der Ladung wurde das Schiff angezündet und versenkt.

Seit 1992 sind Calseraigne, Jarre und Riou Naturschutzgebiet, ebenso wie die Île Maïre an der Südspitze der Marseiller Bucht, wo die Uferstraße anfängt und die ersten Autos parken. Während des Zweiten Weltkrieges starrten hier deutsche Soldaten aus Bunkern zum Horizont. Sie ölten das riesige Geschütz, das sie auf Gleisen in eine gekachelte Höhle zurückziehen konnten, schwitzten in der Sonne, froren im Mistral und warteten vergeblich auf die Landung der Alliierten in der Provence. Der halbe Quadratkilometer der steilen Insel war mit Treppchen und Blockhäusern ausgebaut, auf der Spitze konnte ein Maschinengewehr im Kreis feuern. Als die Boches verschwanden, ließen sie ihren Krempel zurück. Seitdem verwildert dort nur eine Herde Ziegen.

Vom Festland trennt die Île Maïre ein tiefer Kanal. Wer keine Angst vor Katzenhaien hat, die dort jagen, kann rüberschwimmen und von den Felsen einen schwindelerregenden Ausblick tun. Man sollte dabei keinen Meerfenchel zertreten – es könnte sein, das ein Verantwortlicher der „Bewahranstalt der Ökosysteme der Provence und der südlichen Alpen“ in seinem Boot steht und durch sein Sprachrohr schimpft.

Im Frühling, am ersten schönen Wochenende, wandern die Marseiller zum Meer, um ihre zarte Winterpelle dem Sonnenbrand preiszugeben. Das Volk parkt auf dem Bürgersteig der Corniche, drängelt sich auf eng angelegten Stränden, springt von Molen und Wellenbrechern ins kalte Wasser, und plötzlich ist die ganze Bucht erfüllt vom Knattern der Boote und dem Schlagen der Segel. Am dichtesten ist das Gedränge auf den Steinen hinter dem Fischerhafen von Malmousque, gegenüber dem Ferienbad der Fremdenlegion. „Es ist lauwarm!“, übertreiben die mutigen Schwimmer und spritzen gewaltig.

Von dort hat man Blick auf die winzige „Insel der Gehenkten“, auf der der König von Aragon 1423 einen Haufen Edelmänner vom Galgen baumeln ließ, und auf die schmucklose Kasematte, welche die Nachbarinsel Degaby einnimmt.

Die Geschichte der Île de Degaby kennt jeder, der Klatsch liebt. 2001 raufte der Schmuckkünstler Pascal Morabito seine weiße Mähne: Die Insel, die er von einem Chiropraktiker gekauft hatte, wurde zwangsversteigert. Er war nicht der erste Liebhaber des hässlichen Garnisonsgebäudes, das die Armee Ludwig XIV. 1680 auf dem Felsen errichtet hatte. Bereits anfangs des 20. Jahrhunderts hatte es der steinreiche Industrielle André Laval in ein Liebesnest verwandelt, um sich auf Orientteppichen mit der Stripteasetänzerin Diane Degaby zu vergnügen. Laval baute für sich und seine Geliebte eine klobige Grabkammer, die letztendlich unbenutzt blieb.

Pascal Morabito wollte an diese Sternstunden anknüpfen und Madonna und Vanessa Paradis dort verwöhnen, aber leider vergaß er, nach dem Erwerb die Rechnungen zu bezahlen. Während die Marseiller die Festung in ihrer Fantasie mit rotem Plüsch und Wasserbetten möblierten und sich Kokainlinien lang wie Schiffstaue vorstellten, rüttelten die Gläubiger schon an der Tür. Die Versteigerungskerze brannte, der Saal bot, Morabito telefonierte verzweifelt mit dem Sultan von Brunei, den Zuschlag aber bekam eine Cateringgesellschaft, und seitdem munkelt man wieder von wilden Modenschauen auf der Île de Degaby, von Kate Moss im Evakostüm und von Bädern in Schampus. Das bleibt vorerst auch die einzige Möglichkeit, sich die Hände zu waschen, da die Insel immer noch kein fließendes Wasser besitzt, sondern nur eine geborstene Zisterne.

Im Sommer bleiben vernünftige Menschen zu Hause und trinken kalten Roséwein hinter geschlossenen Fensterläden, während draußen das Licht um sich schlägt und die Hitze den Asphalt ablöst. Die Einheimischen gehen auf der Schattenseite der Bürgersteige zum Einkaufen, und nachts stechen die Mücken durch die schweißnassen Laken.

Die Touristen, die sich im Juli nach Marseille verirren, sind enttäuscht: Die Stadt ist heiß und fettig, zu sehen gibt es nur Alltag. Erleichtert drängen sie am Alten Hafen auf das Schiff, das sie in zehn Minuten zu einer der wenigen Attraktionen bringt, die ihre mageren Führer verzeichnen: das Chateau d’If. Der Graf von Monte Christo! Als Alexandre Dumas die kleine Zitadelle auf der Île d’If besuchte, zeigte ihm der Führer das Loch in der Zellenwand, durch das der Romanheld entkommen war, und wurde ungehalten, als der verblüffte Schriftsteller behauptete, er habe alles doch nur erfunden.

Heute schwatzen ehemalige Kunststudenten, die dort als Führer arbeiten, immer noch das Blaue vom Himmel. Der schwitzende Besucher lässt die Geschichten über sich ergehen vom Rhinozeros, das Dürer holzgeschnitten hat, von den Kanonen, zu hoch platziert, um Schiffen Schaden zuzufügen, vom Häftling Mirabeau, der die Köchin verführte, von Strangulationen, Protestanten, Generälen und Revolutionen. Die Festung ist klobig, die Insel kahl. Vom Turm aus betrachtet der Tourist die Küstenlinie der Stadt, zum Greifen nah, und vielleicht doch nicht so unattraktiv mit ihren Bars und Cafés, in denen man kalte Getränke bestellen kann. Nervös schaut er auf seine Uhr, um die Fähre nicht zu verpassen.

Im Herbst, wenn der Mistral das Wasser abkühlt, fluten die Marseiller ebenso schnell vom Meeresrand zurück, wie sie gekommen sind, renovieren ihre Wohnungen, gehen ins Kino, die Kinder müssen in die Schule, der Hund hat Würmer, die Großmutter Gürtelrose. Dann blinkt der Leuchtturm auf der Insel Planier, weit draußen im Meer, umgeben von Schiffswracks aus vielen Jahrhunderten, nur noch für die Containerfrachter, die den Industriehafen suchen. Im Windschatten der Île de Calseraigne dümpelt ein einsamer Taucher. An den steilen Wänden der Île Maïre brechen sich die Schallwellen der Diskothek, die auf dem Festland gegenüber geöffnet hat. Auf der Île de Degaby findet eine müde Modenschau für Unterwäsche statt. Im Chateau d’If machen die ehemaligen Kunststudenten Inventur des Andenkenladens.

Auf seinem Lieblingsfelsen sitzend, atmet Tova Darling mit seinem schmalen Brustkorb durch, so tief er kann. Vergangenes Jahr hat der Besitzer des Fort Bregantin, ein diskreter Künstler, der dort die „Freie Republik Frioul“ ausgerufen hat, das Gebäude verkauft, laut Gerücht an den Sohn von Pascal Morabito, den Schuldner der Île de Degaby. Vorerst kann Tova umsonst im Fort wohnen bleiben. Tova bietet mit weiter Geste Steine, Meer und Himmel an. „Diese Leere, ich hab sie erobert“, deklamiert er.

An der Reling der rostigen Frachtfähre, die den Hafen der Frioul-Insel verlässt, lehnt ein Müllmann, er nimmt einen Schluck Schnaps und starrt auf die Kielspur. Unten im Schiff stinkt sein Müllauto zum Winterhimmel, dahinter steht ein Schaufelbagger. Der Baggerfahrer im blauen Overall stellt sich neben den Müllmann, steckt sich eine an und sagt: „Idioten. Viel zu windig. Palmen hat es auf diesen Inseln nie gegeben.“ Er hat den Tag damit verbracht, an der Uferstraße in Port-Frioul sechs zerzauste Palmen einzubaggern, Resultat der Anstrengungen des Büros für die Qualität des gemeinschaftlichen Lebens. „Zierpalmen“, murrt er und spuckt ins schaumige Wasser.

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