Zeitung Heute : Mitten ins Herz

Das Land vergreist. Und der Architekt Albert Speer überlegt schon mal, wohin mit den Alten. Zu Besuch in Frankfurt am Main.

Susanne Kippenberger

Er hatte einen Traum: von Frankfurt im Jahr 2030. Eine freundliche, lebendige Stadt mit neuen Vierteln an alten Orten, wo man arbeiten, wohnen und sich vergnügen kann. Bus und U-Bahn rollen Tag und Nacht durch die Stadt, der ICE fährt praktisch vor der Haustür ab. Morgens geht man im Main schwimmen, mittags in Köln arbeiten, nachmittags durch den Sportpark im Frankfurter Stadtwald spazieren und abends im Skydome ganz entspannt im Sternelokal speisen. „Frankfurt 2030 – ein Märchen?“ hat Albert Speer seine Vision genannt, die er vor acht Jahren entwarf.

Und heute? Aus der Traum? Frank Schirrmachers aktuelle Vision vom Jahr 2030 sieht anders aus: ein Land voller Wölfe und Greise, die Luchse werden kommen, „ganz Dresden, Leipzig und Erfurt verschwinden“. Zeitgleich mit Schirrmachers „Methusalem-Komplex“, den die Deutschen den Buchhändlern aus den Händen reißen, 200 000 Mal in wenigen Wochen, erschienen nun die jüngsten demographischen Untersuchungen, die in düsteren Farben ein Land zeigen, das dem Untergang entgegen rast. Deutschland, ein Wintermärchen.

Albert Speer, Sohn von Hitlers Architekt gleichen Namens, reibt sich die Augen: Die Nation ist über Nacht alt und grau geworden. Der Architekt wundert sich, so wie er sich bei den Rentendiskussionen der letzten Jahre schon gewundert hat, als alle plötzlich feststellten, dass die Kassen bald leer sein würden angesichts von immer mehr alten und immer weniger jungen Menschen. So wie die Leute, die am 23. Dezember erstaunt feststellen, dass am nächsten Tag Weihnachten ist. „Die Politiker sind viel zu spät an die Zahlen rangegangen, die sie längst kannten. Das ist ja keine Geheimwissenschaft.“

Allein unter Bäumen

Albert Speer wundert sich auch, wenn er durch den Taunus fährt und dort all die Altenheime und Seniorenresidenzen sieht. „Was sollen die denn da?!“ Eine halbe Stunde bis zum nächsten Brötchen, kein U-Bahnhof, kein Kiosk weit und breit, kein Kino, kein Theater, kein Café. Wenn einer ins Krankenhaus kommt, können die anderen ihn nicht besuchen, weil es keine Verbindung gibt. Grün ist es hier, schön und gut. Aber den ganzen Tag allein unter Alten und Bäumen?

Der Architekt versteht das nicht: warum sich die Städte bisher praktisch keine Gedanken gemacht haben, wie und wo all die Alten leben sollen. „Die werden einfach abgeschoben.“ Dabei rügt der Stadtplaner nicht nur die Politiker für ihre Versäumnisse, sondern auch die eigenen Kollegen. Er hat kein Verständnis dafür, dass so viele Architekten immer nur Aufsehen erregende Museen, von denen es jetzt schon viel zu viele gibt, entwerfen wollen. „Früher haben Architekten ja ein Gebäude von A bis Z gemacht. Aber sie haben sich zurückgezogen aufs Design. Die Themen, die die Gesellschaft beschäftigen, deren Anwalt Architekten sein müssten, kamen zu kurz.“

Dabei ist in den letzten Jahrzehnten zwar eine Fülle interessanter Kindergärten, Schulen, sogar Fabriken entstanden. Aber Speer kann sich nicht an einen einzigen Wettbewerb für ein Altersheim erinnern. Vielleicht ist es die Angst: vor der eigenen Zukunft. So genau möchte man sich nicht ansehen, was es heißt, alt zu sein.

Alt, was heißt das schon. Albert Speer ist 69 und rennt durch die Stadt, als wenn er 40 wär. Jeden Morgen geht er Fahrrad fahren und Schwimmen im Hotel, im Sommer Rudern auf dem See, trägt Jeans und Baseballcap und erinnert sich an seinen Großvater: „Als der so alt war wie ich, saß er den ganzen Tag zu Hause rum, rauchte Zigarren und ließ es sich wohl ergehen. Aber bewegt hat er sich nicht.“

Albert Speer gilt als einer der renommiertesten Stadtplaner im Land, leitet eins der ganz großen Architekturbüros, in Riad hat er ein Viertel für 35 000 Menschen entworfen, in China baut er eine ganze Stadt, er hat den Masterplan für die Expo in Hannover gemacht und nun für das olympische Viertel in Leipzig. Und doch: nicht als Star, sondern als „Dienstleister“ versteht er sich.

Von seinem luftigen, interdisziplinär arbeitenden Büro in einer früheren Druckerei, in dem es so locker zugeht, dass ein Amerikaner sich an ein Start-Up-Unternehmen erinnert fühlte, führt er uns zum Mousonturm, jener alten Seifenfabrik mitten in der Stadt, die er in den 80er Jahren in ein lebendiges Kulturzentrum umgewandelt hat, ein wunderbarer expressionistischer Backsteinbau. Eine ideale Lage, findet Speer: für das Altersheim nebenan. Ein riesiger Komplex, architektonisch eher scheußlich, im Stil der Billig-Postmoderne, mit lauter runden Giebeln. Drin gewesen ist er noch nie. Das wollte er sich für später aufheben.

Nur zögerlich betritt er nun doch das Haus, ist zwar angenehm überrascht, dass der Eingangsbereich eher an ein Hotelfoyer erinnert – wenn er sich überhaupt vorstellen kann, mal in ein Altersheim zu ziehen, dann muss es schon Hotelcharakter haben –, aber verlässt es so schnell wie möglich wieder. Er wollte uns ja nur die vorbildliche Lage in dem lebendigen Viertel vorführen, dass es drumherum Trinkhallen und kleine Läden gibt, schöne Altbauten und Sozialwohnungen; nur fünf Minuten zum Zoo, man kann zu Fuß zur U-Bahn gehen, auch zum Krankenhaus. Ob die Senioren – ein Wort, das ihm so gar nicht behagt – tatsächlich im Mousonturm das „Ensemble Modern“ anhören und Raimund Hoghes Tanztheater angucken, das weiß er nicht. Zumindest haben sie die Möglichkeit dazu.

Warum überhaupt auf die grüne Wiese? „Wir können doch hier alle Bedürfnisse befriedigen.“ Leere Flächen gibt es genug, die Brachen, die die Industrie oder das Militär zurücklassen. Statt apokalyptische Visionen zu entwickeln, empfiehlt er, Städte nicht weiter ausfransen und ausdünnen zu lassen, sondern zu verdichten.

Nur: Das geht allein mit Weitsicht, meint der Stadtplaner, der Nachhaltigkeit schon seit Jahrzehnten propagiert hat. Wer erst mit der Planung beginnt, wenn die Betriebe abgewandert sind, verliert kostbare Jahre. Aber Speer ist immer wieder Kurzsichtigkeit begegnet. Zum Beispiel, als er Mitte der 70er Jahre erklärte, dass man bald keinen Schlachthof mehr in der Innenstadt braucht, „da gab’s ein Riesentheater“. Und jetzt? Ist aus dem alten Gelände ein neues urbanes Quartier am Main geworden, mit schicken Wohnungen und Restaurants, einer Piazza und einem Hotel. Statt der Hauptverkehrsstraße führt am Deutschherrenufer nun ein Spazierweg entlang, auf der anderen Flussseite wird die alte, denkmalgeschützte Großmarkthalle für die Europäische Bank um- und ausgebaut.

Im Schlachthofquartier gehen wir essen bei einem neuen Italiener, in einem Backsteinbau, junges Publikum, Speer gefällt es hier. Fischsuppe, Penne, Rotwein dazu: Der Architekt genießt sein Mittagessen.

Alt zu sein, der Gedanke scheint Albert Speer fremd zu sein. Wie er sich sein Leben in zehn Jahren vorstellt, wenn er 80 wird? „Nicht viel anders als jetzt. Nur dass ich vielleicht nicht mehr vier Mal im Jahr nach China fahre, sondern nur noch einmal.“ Im Grunde scheint alt zu sein für Speer das Gleiche zu bedeuten, wie jung zu sein: nicht Stillstand, sondern Bewegung. Forever jung, heißt für ihn nicht, sich im Zustand der ewig gleichen Jugend einzufrieren. So stört es ihn auch nicht, dass der Mousonturm innen nicht mehr ganz so aussieht, wie er ihn gestaltet hat. Etwas verwundert guckt er sich die bunten Tapeten in der Theaterlounge an, wie sie auf junge Leute heute hip wirken, während sie Ältere eher altmodisch vorkommen. „Architektur lebt auch davon, dass sie gebraucht wird.“

Straßen ohne Kindergeschrei

Von isolierten Ghettos für alte Leute hält der Stadtplaner nichts. Solchen wie in den USA, wo sie ganze Städte auf die grüne Wiese gesetzt und auf Sand gebaut haben. „Sun City“ ist der bekannteste dieser Retortenorte, in der Wüste von Arizona. Unter 55 kommt da keiner rein, knapp 100 000 Menschen leben hier wie in einem Freizeitpark, in sauberen Straßen ohne Kindergeschrei und Generationenkonflikt, mit Golfclubs und eigener Polizei. Nie würde Speer in so eine Stadt ziehen, wobei er ohnehin nicht glaubt, dass es so etwas in Deutschland geben könnte, „das ist eine andere Kultur“. Nur: Verdammen will er sie auch nicht: „Wenn die Leute sich wohl fühlen…“

Albert Speer ist Europäer durch und durch, Anhänger einer städtischen Kultur, die Funktionen und Generationen und soziale Schichten nicht trennt, sondern mixt. Und doch wäre er ohne Amerika nicht, was er ist und wo er ist. Amerika hat ihm Türen geöffnet. Auch zu sich selbst.

Als junger Architekt reiste er Anfang der 60er Jahre in die USA, war überwältigt nicht nur von der Weite der Landschaft, die zu einer ganz anderen Großzügigkeit beim Bauen führte, sondern von der Offenheit, mit dem ihm die Architekten begegneten, die ihn gar nicht kannten, die ihm alles zeigten, was sie hatten, was sie taten. Die Lockerheit der Amerikaner hat den schüchternen Deutschen angesteckt. Zurück in der Alten Welt, traute Speer sich, einen Vortrag im Amerikahaus zu halten, über Pläne zur Sanierung Philadelphias. Ein Triumph. Fast ganz ohne Stottern. Mit sieben hatte er zu stottern begonnen und zwar heftig. Der Krieg, meinte ein Freund einmal, hätte ihm die Sprache verschlagen.

Albert Speer hat ein Alter erreicht, wo er längst Großvater sein könnte, und er wäre bestimmt ein lustiger, freundlicher Großvater – und doch ist Albert Speer noch immer „der Sohn von Albert Speer“. Er hat keine Enkel, weil er nie Kinder hatte. „Das ist vielleicht gut so“, hat er, seit über 30 Jahren glücklich verheiratet, einmal im Interview erklärt. So blieb ihnen erspart, was er selber erleben musste: wieder und immer wieder auf den Vater angesprochen, auf diesen reduziert zu werden. Auf Hitlers Leibarchitekten und Rüstungsminister.

Dabei hat der Sohn den Vater kaum gekannt. Im Nationalsozialismus hatte Speer senior genug damit zu tun, Germania am Reißbrett zu entwerfen, und wenn er denn mal bei der Familie in Berchtesgaden war, so hat der Sohn einmal erzählt, „hieß es immer, wir sollten alle still sein“. Danach saß der Vater im Gefängnis in Spandau, 20 Jahre lang, da haben die Kinder ihn zwei Mal im Jahr besucht, jeweils eine halbe Stunde lang. „Sie können sich nicht vorstellen“, hat der Sohn im „Spiegel“ erklärt, „wie lang eine halbe Stunde sein kann“.

Albert Speer hat lange überlegt, ob er jetzt mitmachen soll bei Heinrich Breloers großem Projekt: Der Regisseur von „Die Manns“ dreht einen Dreiteiler über Familie Speer. Drei der sechs Kinder beteiligen sich. Eines ist Albert Speer. Der Älteste.

Umwege, so heißt es, erhöhen die Ortskenntnis. Albert Speer ist ziemlich bewandert. Ein miserabler Schüler ist er gewesen, einer, der seinen Mund nicht aufmachte. Denn wenn, dann kam ja nur Stottern raus. Mit 14 ging er von der Schule ab, lernte Schreiner, da musste er nicht reden. Dann machte er am Abendgymnasium das Abitur, das heißt fiel erst Mal durch, schaffte es im zweiten Anlauf, und studierte in München Architektur. So, wie es schon der Großvater getan hatte. Städteplanung wäre ihm lieber gewesen, aber das ging damals in Deutschland noch nicht; dafür hat Speer es dann später, ein Vierteljahrhundert lang, selber in Kaiserslautern gelehrt.

Nach einem (anonymen) Wettbewerbserfolg eröffnete Albert Speer vor 40 Jahren sein erstes Büro, in Frankfurt, das unter dem abstrakten Namen AS & P (Albert Speer und Partner) bekannt ist. In Sachsenhausen arbeitet er, dort lebt er auch. „Mit Herz und Hirn“ ist Speer in Frankfurt zu Hause, schon die Größe der Stadt ist ihm sympathisch. Berlin, wo er geboren wurde, und nie etwas gebaut hat (auch das, so sagt er, hat wohl mit dem Vater zu tun), könnte ihn da nicht weglocken. Speer und seinen städteplanerischen Leitlinien habe die einst verschrieene Stadt es zu verdanken, eine neue Identität gefunden zu haben, erklärte Oberbürgermeisterin Petra Roth letztes Jahr, als sie ihm dafür die Goethe-Plakette überreichte. Dass die Frankfurter ihre Lage am Fluss schon vor 20 Jahren – sehr viel früher als andere Städte, die das jetzt erst entdecken – zu genießen begannen: Auch das haben sie Albert Speer zu verdanken. Er war es, der das Museumsufer konzipierte, die einzelnen Museen so miteinander verband, dass sie sich zu einem Ganzen fügten.

Von den Lasten der alltäglichen Mühen des Büros hat der 69-Jährige sich befreit, das Tagesgeschäft an seine jüngeren Partner abgegeben. Zur Ruhe gesetzt hat er sich nicht. „Ich versuche zu beeinflussen, ohne dass ich zeichne“, aber das war ihm sowieso nie so wichtig. Als Außenminister bezeichnet Speer sich heute. Einer, der sich um die großen und um die Lieblingsprojekte kümmert.

Stadt ist für alle da

Das Europaviertel am früheren Frankfurter Güterbahnhof zum Beispiel, von dem er wie von einem Baby spricht. Mit verschmitztem Triumph erzählt Speer, wie er mit seinem Entwurf, innerhalb von wenigen Wochen entwickelt, die Deutsche Bank und Helmut Jahn mit ihren rein kommerziellen, die Bedürfnisse der Stadt ignorierenden Plänen aus dem Rennen geschlagen hat. Jetzt soll begonnen werden mit dem Bau eines Viertels, das Wohnen im Park verbindet mit Büros, Freizeiteinrichtungen, Läden. Ohne spezielle Einrichtungen für die Generation 60plus. „Ich halte nichts davon, für jede soziale Gruppe was Eigenes zu erfinden. Stadt ist für alle da.“ Er setzt lieber auf Qualität: Was gut für Kinder ist, ist auch gut für ihre Großeltern und umgekehrt.

Die Vergangenheit weiter zu entwickeln: Das gefällt Speer; an ihrer Rekonstruktion hat er kein Interesse. Die Zukunft hat ihn ohnehin immer mehr interessiert. So wird sein Erbe aus der Firma in eine Stiftung fließen, die den Nachwuchs fördern soll.

Die eigene Erfahrung als Jugendlicher, dass auch der krumme, steinige Weg zum Ziel führt: Vielleicht hat sie Speer immer wieder geholfen, seine Träume langfristig zu verwirklichen. Ein Traumtänzer ist er nicht, aber Optimist – und Pragmatiker. Als die mürrische Pförtnerin im Mousonturm ihn nicht in den Theatersaal lassen will („Wer sind Sie? Ich kenne Sie nicht!“), und auch freundliches Zureden nicht hilft, geht er mit uns nach oben – und findet dort eine offene Tür.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben