Zeitung Heute : Mitten ins Risiko

Die Bundeswehr wird in Nordafghanistan wohl in die Offensive gehen müssen. Warum ist dieser Einsatz nötig?

Ruth Ciesinger[Hans Monath] Ingrid Müller

Warum muss die Bundeswehr in Afghanistan neue Aufgaben übernehmen?



Norwegische Soldaten, die in Nordafghanistan zurzeit als Schnelle Eingreiftruppe („Quick Reaction Force“) bereitstehen, sollen Ende Juni abgezogen werden. Schon lange gibt es in der Nato Druck auf die Deutschen, im Rahmen der Internationalen Stabilisierungstruppe in Afghanistan (Isaf) gefährlichere Einsätze zu übernehmen. Es gilt als sicher, dass Berlin bald offiziell gefragt wird – und nicht Nein sagt. Zumal die Bundeswehr das Regionalkommando Nord der Isaf stellt. Der IsafEinsatz in dieser Region hängt nach Einschätzung von Experten davon ab, dass es dort auch eine Eingreiftruppe gibt.


Welche konkreten Aufgaben kommen auf eine solche Eingreiftruppe zu?

Wenn sich die Sicherheitslage in einer Region verschlechtert, wird die Eingreiftruppe zur Verstärkung von Isaf-Kollegen oder der afghanischen Armee entsandt. Die 250 Mann sind unter anderem mit Mörsern ausgestattet. Sie sollen Konvois bewachen, bei Evakuierungen helfen und vor Raketenbeschuss schützen. Die Truppe könnte auch losgeschickt werden, um gesuchte Extremisten festzunehmen.

Die größte Operation der norwegischen schnellen Eingreiftruppe war „Harekate Yolo II“, die schwersten Gefechte Norwegens seit dem Zweiten Weltkrieg. Im vergangenen Oktober kämpften die Soldaten gemeinsam mit der afghanischen Armee gegen mehr als 300 Aufständische in den Provinzen Faryab und Badghis, letztere liegt schon nicht mehr im Bereich des Regionalkommandos Nord. Die Bundeswehr war mit dabei, aber nur mit Sanitätshilfe und Unterstützung beim Lufttransport. Fachleute der Koalition erwarten, dass eine deutsche Eingreiftruppe auch für Aufgaben außerhalb des Regionalkommandos Nord angefordert würde. In einer Untersuchung kommen Timo Noetzel und Benjamin Schreer von der Stiftung Wissenschaft und Politik zu dem Schluss, dass die neue US-Strategie im Irak auch auf Afghanistan übertragen werden könnte. „Die Isaf wird weit stärker außerhalb ihrer Stützpunkte präsent sein, eng mit afghanischen Sicherheitskräften zusammenarbeiten und offensiver gegen Aufständische vorgehen müssen“, sagt Timo Noetzel. „Im Kern geht es darum, die afghanische Bevölkerung immer wieder davon zu überzeugen, dass die Isaf auf ihrer Seite steht.“ Für die deutschen Soldaten bedeute das neue Aufgaben und neue Risiken. „Was bei der Bekämpfung von Aufständischen auf die Bundeswehr zukommt, führt sehr weit weg von dem, was wir bisher unter Auslandseinsätzen verstanden haben.“


Ist ein solcher Einsatz durch das vom Bundestag verabschiedete Mandat gedeckt?

Das Bundestagsmandat deckt den Einsatz der Eingreiftruppe, denn auch beim Kampf gegen Aufständische geht es um den Schutz der afghanischen Zivilbevölkerung. Das bestreiten selbst die Grünen nicht. Sie wollen aber die Truppe nur im Norden einsetzen. Doch das Mandat erlaubt zur Erfüllung der Gesamtaufgabe notwendige Operationen auch in anderen Regionen.


Geht die Bundesregierung offen mit den neuen Risiken um?

Offensivere Operationen mit deutscher Beteiligung enthüllt die Regierung unter strengster Geheimhaltungspflicht nur wenigen Parlamentariern. Nicht nur die Opposition, sondern auch manche Koalitionspolitiker wundern sich über diese Art der Kommunikation: Wenn deutsche Soldaten bei riskanteren Einsätzen getötet würden, sei die Bevölkerung darauf nicht vorbereitet. Auch SWP-Experte Noetzel sagt, die deutsche Politik versuche die Bevölkerung nicht offensiv von der Notwendigkeit neuer Anforderungen zu überzeugen. Dabei gebe es keinen Grund, defensiv zu reagieren. Denn mit der neuen Strategie würde humanitäre Hilfe in gefährdeten Regionen wieder möglich. Horst Teltschik, Organisator der Münchner Sicherheitskonferenz, geht noch weiter: „Wenn es stimmt, dass unsere Sicherheit am Hindukusch verteidigt wird, können wir uns nicht selektiv beteiligen. Wir müssen auch anbieten, in den Süden zu gehen“.


Hat sich die Lage in Afghanistan verändert?

Die Taliban fühlen sich besonders im Süden immer sicherer und schicken ihre Truppen dementsprechend auch in den Norden. Oft kommen erst die Mullahs, die in den Moscheen ihre Ideologie verbreiten, dann werden Menschen vor Ort mit Geld für kleinere Aufgaben gewonnen und Schritt für Schritt fassen die Extremisten in der Bevölkerung Fuß.

In der Vergangenheit gab es Anschläge auf die Bundeswehr, gerade in den vergangenen Monaten haben die Taliban sowie andere Aufständische von der Hezbe-Islami des Warlords Gulbuddin Hekmatyar im Norden ausgebreitet. Die Situation ist also gefährlich. Allerdings nicht so gefährlich wie im Süden des Landes.

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