Zeitung Heute : Mitten unter den Linden - Medienkunst zum Anfassen

Henry Steinhau

Das Zentrum für Kunst und Medientechnologie kommt in die HauptstadtHenry Steinhau

"Ein historisches Datum für die Museologie." Mit seinem Statement greift Peter Weibel zu einem Superlativ. Es gilt einer Kooperation zwischen dem "Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie" (ZKM), welches Weibel als Vorstand leitet, und dem baden-württembergischen Internet-Unternehmen GFT AG. Demnach wird das ZKM über zwei Jahre von der GFT AG mit einer Million Mark unterstützt und erhält einen Präsentationsraum in Berlin, der die ZKM-Projekte Investoren nahebringen soll.

Diese Art der privatwirtschaftlichen Unterstützung eines Museums, noch dazu eines modernen Medienmuseums, sucht ihresgleichen - zumindest in Deutschland. Für Berlin bedeutet dies, das die derzeit umsatzstärkste Internet-/Multimedia-Firma vor Ort präsent ist und die multimedia-bezogene Forschungs- und Museumslandschaft der Hauptstadt aus ihrer Lethargie geweckt werden dürfte. Das ZKM hat den Ruf einer weltweit einzigartigen Kulturinstitution, die Sammlung, Forschung und Präsentation unter einem Dach vereint. 1989 als Stiftung des öffentlichen Rechts gegründet findet das ZKM internationale Beachtung, weil es sowohl die Kunst und neue Medien miteinander vernetzt, als auch Forschung, Disposition, Diskussion und Dokumentation beider Bereiche verschmilzt.

Neben einem, vollständig interaktiv konzipierten Medienmuseum, das die Wirkungsweise der neuen Medien darstellt und sie hinterfragt, beherbergt das ZKM in einer ehemaligen, denkmalgeschützten Fabrik in Karlsruhe auch eine Mediathek, zwei Forschungsinstitute für Bildmedien sowie für Musik und Akustik, ausserdem eine Galerie und die Staatliche Hochschule für Gestaltung.

Die für das dritte Quartal geplante Eröffnung der Berliner ZKM-Repräsentanz - etwa 600 Quadratmeter in Mitte, Unter den Linden - ist eine GFT-Niederlassung. Dort sollen etwa 35 Leute an Markenbildung ("Branding"), Design und Marketing arbeiten, wobei Mitarbeiter auch in Berlin noch gesucht werden. "Uns geht es mit der GFT-Kooperation um einen zusätzlichen Ideen-Inkubator", begründet GFT-Vorstandschef Dietz das Engagement seines Unternehmens. "Wir brauchen permanent Input, was man im Internet machen und wie das Web sexier aussehen kann." Bei dem Vertrag mit dem ZKM, welcher die Option auf weitere 500 000 Mark für 2002 beinhaltet, sei Berlin als Standort erste Wahl gewesen. Aus Sicht von Dietz und Weibel in erster Linie wegen der Hauptstadtfunktion, um Lobbyismus vor Ort betreiben zu können.

Darüberhinaus sei Berlin, so der für den Aufbau der Niederlassung zuständige Projektleiter Steffen Herfurth, aufgrund der vielen vorhandenen "human ressources" ausgesprochen attraktiv. Aus museumspolitischer Sicht erinnert der GFT-ZKM-Vertrag sowohl an das Finanzierungsmodell des berühmten Medien-Instituts in Boston (M.I.T.) als auch an die Unterstützung der Berliner Hochschule der Künste durch die Bank 24. An eine Nachahmung hätten sie aber nicht gedacht, so Weibel und Dietz auf Anfrage. Weil das ZKM als staatlich getragene Institution den Auftrag habe, zur Re-Finanzierung ihres Schaffens einen gehörigen Teil Drittmittel zu akquirieren, soll die GFT AG auch nicht der einzige strategische Kooperationspartner bleiben. Doch während bisher, so Peter Weibel, von der Industrie eher kleine Beträge im mittleren fünfstelligen Bereich kamen, sei das GFT-Engagement in jeder Hinsicht eine neue Dimension. Den jetzigen Schritt will er als Zeichen der Zeit für moderne Museologie verstanden wissen: die Ausdehnung eines Museums über die eigenen vier Wände hinaus mit der sukzessiven Errichtung eines virtuellen Museums im Internet einerseits und der Aufbau realer Repräsentanzen andererseits. Für Berlin ist die für das dritte Quartal des Jahres geplante Eröffnung ein zusätzlicher Schritt hin zu einer Modernisierung der Museumslandschaft. Mit dem programmatisch wie räumlich vollzogenen Umbau des Museums für Post- und Telekommunikation sowie dem Ausbau des Deutschen Technikmuseums finden sich ja bereits ähnlich geartete Baustellen in der Stadt.Das Museum im Internet



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