Zeitung Heute : Mittendrunter

Deutschland liegt mit seinem Bruttoinlandsprodukt erstmals unter dem EU-Durchschnitt. Was das bedeutet und wie es dazu gekommen ist

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Das Deutsche Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist im vergangenen Jahr zum ersten Mal unter den europäischen Durchschnitt gefallen. Das ist zwar für sich genommen nicht so schlimm – aber es sagt viel über die Leistungsfähigkeit des Landes aus, über die Frage, ob es vernünftig mit seinen Kräften umgeht, ob es in guter Verfassung ist. Und da ist klar: Länder wie Irland, Dänemark oder England, deren Bruttoinlandsprodukt (BIP) deutlich steigt, sind in besserer Verfassung als Länder wie Deutschland oder Italien, die ziemlich langsam wachsen.

Bruttoinlandsprodukt, das ist die Summe aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Land in einem Jahr hergestellt werden. Als größte Volkswirtschaft steht Deutschland für etwa ein Drittel der Wirtschaftsleistung in der Eurozone. Das ist zwar viel, aber nicht mehr so imponierend, wenn man die ProKopf-Leistung ansieht. Dann nämlich stehen die Deutschen nicht mehr so gut da – vor allem nicht, wenn man das unterschiedliche Preisniveau in Europa noch herausrechnet. Das hat das statistische Amt der Europäischen Union, Eurostat getan.

Auch die Tatsache, dass Deutschland von diesem Jahr an wieder deutlich über dem europäischen Durchschnitt liegen wird, ist da kein Trost. Denn das liegt nicht daran, dass der Aufschwung hier schon so in Fahrt gekommen wäre, dass die Aufholjagd beginnen könnte. Nein, es hat nur damit zu tun, dass die Europäische Union im Mai erweitert wird. Und dass die neuen Länder wie Polen, Zypern oder die baltischen Staaten heute noch ärmer sind als der Rest der Union. Deshalb sinkt die durchschnittliche Wirtschaftsleistung von Mai an deutlich, und deshalb wird sich Deutschland dann wieder im komfortablen Mittelfeld bewegen.

Es war ein ähnliches Ereignis, dass in den Neunzigerjahren zum ersten Mal dafür gesorgt hat, dass die deutsche Wirtschaftsleistung im Vergleich zu den anderen Staaten Europas sank: die Wiedervereinigung. Dadurch, dass die Löhne und die Produktivität in Ostdeutschland deutlich unter denen Westdeutschlands lagen, sank das gesamtdeutsche Durchschnitts-BIP pro Kopf in den Jahren darauf dramatisch.

Doch die Wiedervereinigung und die Tatsache, dass bisher ärmere Länder mit sehr sehr hohen Wachstumsraten sehr schnell an die deutsche Wirtschaftsleistung herankamen, erklärt das heutige Bild in Europa nicht allein. Dazu muss man auch einen Blick darauf werfen, was sich nach der deutschen Einheit ereignete: Ganz Deutschland wuchs danach weit unterdurchschnittlich. Die neuen Länder starteten zwar unmittelbar nach der Wiedervereinigung einen beeindruckenden Aufholprozess, hörten aber ganz schnell wieder damit auf: Seit 1993, sagt der Münchner Wirtschaftswissenschaftler und Chef des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, sei die Produktivitätslücke zwischen West und Ost konstant geblieben.

Und auch das westdeutsche Wachstum machte schlapp: Denn die Arbeit wurde in beiden Teilen Deutschlands immer teurer. Und das nicht, weil es die ganze Zeit über wirklich spektakuläre Lohnerhöhungen gegeben hätte, sondern weil die Lohnnebenkosten explodierten: Zuerst, weil ein großer Teil der Einheitslasten über die Sozialversicherungen finanziert wurde. Dann, weil unter anderem wegen der hohen Sozialversicherungsbeiträge sowohl in den neuen Ländern als auch in Westdeutschland zu wenig neue Arbeitsplätze geschaffen wurden.

Während in Spanien und Irland, die Hilfen der Europäischen Union dazu führten, dass Arbeitslose Jobs erhielten und so mit dazu beitrugen, das Pro-Kopf-Wachstum zu beschleunigen, verminderte in Deutschland jeder zusätzliche Arbeitslose das Wachstum – denn Arbeitslose können zum Wirtschaftswachstum nicht beitragen. uwe

Fotos: AKG, imago

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